Oft kommt die Hilfe aus der Luft

Sie sind ein eingespieltes Team – eine der Besatzungen des RK-2: Flugretter Mark Bilgeri, Windenbetreuer und Notfallsanitäter Hubert Dreer, Pilot Jörg Straub und Notarzt Dr. Stephan Schreieck (v.l.). RS-Foto: Schretter

Rettungshubschrauber ermöglichen schnelle und kompetente medizinische Versorgung

Die ARA Flugrettung gemeinnützige GmbH ist eine Tochtergesellschaft der DRF Luftrettung und wurde 2001 gemeinsam mit dem Österreichischen Roten Kreuz ins Leben gerufen. Seit 2002 gibt es auch am Standort Reutte eine Station, von der aus der RK-2 bei einem Notfall schnelle medizinische Hilfe bringt.

Aufgrund des alpinen Einsatzgebietes gehört die Rettung von verunglückten Personen aus schwer zugänglichem Gelände zu einer der vielen Aufgaben des Reuttener Notarzthubschraubers. Der RK-2 verfügt über eine fest installierte Seilwinde, die bei Einsätzen im alpinen Gelände notwendig ist, wenn eine Landung am Einsatzort nicht möglich ist. Der Notarzthubschrauber RK-2 ist für den Bezirk Reutte ein wichtiger und verlässlicher Partner im Katastrophenfall.
Notfalleinsätze werden in den  Leitstellengebieten Außerfern und Oberland, bayerisches Oberland, Ostallgäu, Oberallgäu und Vorarlberg geflogen, bei Bedarf auch Intensivtransporte. Im Umkreis von 60 Kilometern kann der Reuttener Notarzthubschrauber Notfallorte der ARA Flugrettung in Minuten erreichen.
Zwei Besatzungsmitglieder des RK-2, die ihren Dienst an der Station Reutte verrichten, gewährten im Gespräch mit der RUNDSCHAU Einblick in ihren Berufsalltag.

Wer fliegt mit?

Die Besatzung des RK-2 besteht immer aus vier Mann, da der Hubschrauber über eine Winde verfügt. Jörg Straub und Christian Brunnlechner, der auch Stationsleiter ist, sind die beiden Stammpiloten am Standort Reutte. Sie sind im Wechsel immer vor Ort. Neben dem Piloten sitzt im Hubschrauber vorne am linken Sitz der Windenbediener, der auch ausgebildeter Notfallsanitäter ist. Der RK-2 ist mit der Winde spezialisiert für Einsätze in alpinem Gelände, wenn es etwa gilt, Unfallopfer aus aus einer Lawine oder einem Klettersteig zu retten.
In der Kabine hinten nehmen bei einem Einsatz die Notärzte und Flugretter ihre Plätze ein. Die Notärzte des RK-2 kommen aus dem Bezirkskrankenhaus Reutte und den umliegenden Krankenhäusern. Alle Flugretter sind ausgebildete Notfallsanitäter und verfügen über umfangreiche Erfahrung als Bergretter. Sie sichern bei einem Einsatz in schwierigem Gelände den Notarzt ab, sind also auch für dessen Sicherheit zuständig. Die Notärzte konzentrieren sich beim Einsatz ganz auf den Patienten bzw. das Unfallopfer.
Wenn es das Gelände erlaubt, sich sozusagen „einfach“ darstellt, kann auch der Windenbediener den Notarzt als Sanitäter beim Patienten unterstützen.
Pilot Jörg Straub erklärt mit gezielten Worten: „Jeder aus der Besatzung hat sein Spezialgebiet. Bei einem schwierigen Einsatz hängen Notarzt und Flugretter an der Winde, für die der Windenbediener zuständig ist. Ich, als Pilot, fliege.“
Für die gesamte Crew sind mehrmals im Jahr Weiterbildungsmaßnahmen verpflichtend. So ist zweimal pro Jahr von allen ein Windentraining zu absolvieren. Dazu kommen Traninigs und Fortbildungen im medizinischen Bereich und Spezialschulungen für alle Einsatzgebiete. „Vor allem jetzt, bei der Umstellung auf die neuen Maschine, hatten wir einige solcher Einheiten zu absolvieren. Wir üben an einem Flugsimulator, der in Donauwörth steht, um z.B. bei Systemausfällen richtig zu reagieren“, schildert Jörg Straub.
Für ihn und seine Pilotenkollegen heißt es alle sechs Monate ab zum Gesundheitscheck beim Fliegerarzt. Alle sechs Monate sind auch Checkflüge zu absolvieren.

Morgens halb sieben.

… am Stützpunkt Reutte. Beim Besuch am Stützpunkt Reutte sah alles recht ruhig und entspannt aus. Dabei hatte die Crew des Tages schon einiges erledigt. Alle vier Besatzungsmitglieder beginnen um 6.30 Uhr ihren Arbeitstag. Dann checkt jeder seinen Bereich: der Pilot macht die technische Durchsicht am Hubschrauber, checkt Wetterlage und Landeplätze. Der Windenbediener kontrolliert die Winde, der Notarzt seinen Notfallrucksack. Die Flugretter wiederum kümmern sich um ihr alpines Equipment.
Dann wird die Maschine herausgeholt und die Besatzung meldet sich bei der Leitstelle Tirol einsatzbereit für den Tag.
Beim gemeinsamen Frühstück wird nicht nur über die Arbeit gesprochen, hin und wieder findet auch noch ein kleines gemeinsames Briefing statt.
Über den Tag sind die Besatzungsmitglieder dann relativ frei. Wenn ein Alarm einlangt, sollte der Hubschrauber aber innerhalb von zwei Minuten abheben. Dann muss jeder Handgriff sitzen, dann müssen die Abläufe funktionieren.

Einsatz!

Der Alarm kommt von der Leitstelle. Über Funk wird kurz der Einsatzort angegeben und was passiert ist. „Man stellt sich dann schon grundsätzlich darauf ein. Allerdings gestaltet sich die Situation vor Ort oft auch individuell“, erklären Jörg Straub und Hubert Dreer, der Windenbediener, Notfallsanitäter und ein fix angestellter Mitarbeiter der ARA-Flugrettung ist. Handgriffe und Abläufe funktionieren automatisch und nach immer dem gleichen Schema.
„Für uns gilt: wenn der Alarm kommt, ist der Unfall schon passiert. Das können wir nicht mehr ändern. Wir können nur noch verbessern bzw. zusehen, dass sich die bestehende Situation nicht weiter verschlechtert“, fasst Jörg Straub treffend zusammen. Als A und O der Flugrettung nennt er, dass die Sicherheit über allem steht – die Sicherheit der Crew steht auch vor der Sicherheit des Verunfallten.
Schwierige, anstrengende Einsätze werden manchmal noch in der Crew besprochen. „Hier ist es oft ganz gut, wenn nach einem problematischen Einsatz gleich wieder ein Alarm kommt. Man hat dann gar nicht die Zeit, zu lange nachzugrübeln“, so Jörg Straub. Grenzen sind einem Hubschraubereinsatz durch das Wetter und die Sichtbedingungen gesetzt. Starker Nebel oder Schneefall können einen Einsatz oft unmöglich machen. Bei starken Gewittern mit Blitz- und Hagelschlag kann auch nicht geflogen werden. Bodensicht muss immer gewährleistet sein. Wind wird ab einer Windgeschwindigkeit von 50 km/h problematisch.
Der RK-2 Reutte fliegt zur Zeit „in die Nacht hinein“, d.h. Einsätze, die bei Dämmerung notwendig sind, werden geflogen. Wenn dann das Nachtsichtgerät in Betrieb genommen wird, können auch Einsätze angenommen werden, die in der Nacht von der Leitstelle kommen.
Hubert Dreer erwähnt: „Das genaue und organisierte Arbeiten färbt schon ein bisschen auf das Alltagsleben ab. Wir müssen schnelle Entscheidungen treffen, für die es oft kein zweites Mal gibt. Das kann man nicht so leicht abstellen. Unser Beruf schränkt uns aber nicht ein, wir sind nicht ängstlicher. Aber wir sind achtsamer und umsichtiger.

Wie kommt man zur Crew?

Jörg und Hubert sind sich einig: dazu braucht es einiges Glück! „Ich hatte dieses Glück. Ich war Taucher bei der Bundeswehr und wurde erst dann Pilot. Ich war schon immer ein bisschen neidisch, wenn wir Taucher von den Piloten mit nach oben genommen und dann ins kalte Wasser gestoßen wurden. Es ist nicht leicht, dann als Pilot in den Rettungsdienst zu kommen. Um bei der ARA-Flugrettung anzufangen, muss man 2500 bis 3000 Flugstunden mit einem Hubschrauber mit Doppelturbine vorweisen können.  Um hier in Reutte fliegen zu dürfen, braucht man außerdem eine Gebirgsausbildung sowie eine Außenlast- und Nachtsichtberechtigung“, umreisst Pilot Jörg Straub kurz seinen Werdegang.
Hubert Dreer setzte seine ersten Schritte als Zivildiener bei der Rettung. „Dort habe ich angefangen – und bin geblieben. Ich war auch zehn Jahre in Deutschland im Rettungsdienst tätig. Einmal zur Luftrettung zu kommen, war schon ein Traum. Ohne das berühmte Quäntchen Glück ist es aber schwierig, diesen auch zu verwirklichen“, erzählt er.
Weibliche Piloten gibt es bei der ARA-Flugrettung derzeit keine, wohl aber bei der DRF-Flugrettung. An der Station Reutte stehen zwei Notärztinnen im Dienst. Seit Regina Poberschnigg, die die Bergrettung Ehrwald leitet, ihren Dienst als Flugretterin quittiert hat, gibt es in dieser Position im Moment keine Frau am Stützpunkt Reutte. „Das bedauern wir sehr. Wir hoffen schon, dass sich das bald wieder ändern wird“, hieß es einstimmig.

Reutte.

Die gesamte Crew der Station Reutte bezeichnet Jörg Straub als große Familie. Alle können sich in jeder Situation aufeinander verlassen.Jörg Straub lobt den Standort Reutte: „Ich kenne etliche Stationen, aber wie Reutte ist keine. Hier funktioniert das Zusammenspiel hervorragend. Es reicht nicht, wenn man fachlich alles drauf hat. Man muss in die Crew passen, ein Teamplayer sein. Egal, mit wem man laut Dienstplan eingeteilt ist, die Arbeit hier macht immer Spaß. Das zeichnet für mich die Station Reutte extrem aus.“
Die Station Reutte wurde 2002 eingerichtet. Manche Besatzungsmitglieder sind schon von Beginn an dabei. Und dass es so wenig Personalwechsel gibt, beweist nachhaltig, dass Pilot Jörg Straub mit seinen lobenden Worten nicht übertrieben hat.