„Patrone der Menschlichkeit“

Zum zehnten Mal wurde danach der Sozialpreis der Bruderschaft St. Joseph verliehen: Alt-Dekan Ernst Pohler, der tags darauf seinen 87. Geburtstag feierte, wurde für seine „unermüdliche Leistung und sein Lebenswerk“ ausgezeichnet. Dekan Franz Neuner (r.), der den Preis stellvertretend an Pohlers „alten Freund und Weggefährten“ Donatus Wagner übergab, erinnerte in seiner Laudatio an Pohlers Lebensmotto: „Das Gute geschieht nur dann, wenn man sich konkret dafür einsetzt.“ Stets habe er sich daher einer Seelsorge verpflichtet gefühlt, die ganz nah am Menschen ist. Daraus resultiere nicht zuletzt die Gründung der Vinzenzgemeinschaft vor 40 Jahren: „Er hat immer auf die geschaut, die es alleine nicht schaffen.“ RS-Foto: Gerrmann

Zunftfeier der Bruderschaft St. Joseph mit vielen aktuellen Bezügen

Eine Tradition, die bereits 325 Jahre auf dem Buckel hat, muss keineswegs Schnee von gestern sein. Das spürte man bei der Zunftfeier der Bruderschaft St. Joseph zu Bichlbach überaus deutlich.

Von Jürgen Gerrmann

Wie seit Anbeginn traf man sich dazu am Josephitag zunächst in der Zunftkirche, um mit einer von Dekan Franz Neuner und seinen Priesterkollegen – Tomasz Kukulka und Donatus Wagner – gemeinsam zelebrierten Messe, die ebenso wie die anschließende Feier vom Männergesangsverein Reutte – unter der Leitung von Peter Kurz – eindrucksvoll umrahmt wurde, das Miteinander zu beginnen.
Franz Neuners Predigt machte dabei allen klar, dass man da nicht zu einem verstaubten Ritual zusammengekommen war: Der Dekan porträtierte den Namensgeber der Zunft zunächst als einen, „der nicht viele Worte macht, sondern einfach tut“, dem Egoismus fremd und der gerecht sei: „Also richtig lebt.“
Das Zeitlose an Joseph sei dabei, dass der Geist, in dem jemand sein Leben lebe, entscheidend sei: „Um diesen guten Geist müssen wir uns täglich kümmern. Sonst verkümmert er. Und der Buchstabe des Gesetzes übernimmt die Macht.“

Für Lösungen im Dialog.

Die Aufgaben von heute seien global geworden, daher gelte es, Lösungen im Dialog zu finden: „Alles andere führt nur zu Gewalt, Hass und Krieg.“ Es stelle sich die Frage: „Welchen Geist füttern wir? Den der Rücksichtslosigkeit oder den der Geschwisterlichkeit und Mitmenschlichkeit?“ Empört zeigte sich der Dekan da über die Umbenennung der Erstaufnahmestellen in „Ausreisezentren“: „Ich frage mich, wovon damit abgelenkt werden soll. Das ist eine Schande!“ Dringend nötig sei eine „Wiedergutmachung der Welt.“ Joseph habe sich damals nicht aus dem Staub gemacht, sondern in Gottvertrauen seine Träume und Visionen gelebt: „Auch im Außerfern gibt es heute noch viele Patrone der Menschlichkeit – vergelt’s Gott!“

Vier Mitglieder mehr.

Bei der Bruderschaftsversammlung im Dorfheim legte Präsident Paul Strolz wie seit alters her vor geöffneter Lade Rechenschaft ab: Die Vereinigung habe mittlerweile 286 Mitglieder – vier mehr als im Jahr zuvor. Einen Aufnahmestopp gebe es dennoch nicht. Geschichte und Ziele der Bruderschaft hätten Lorenz Wacker und Hugo Zotz während acht Führungen Interessierten nahegebracht. Und am 1. Juni werde man ein ganz besonderes Dokument erstmals präsentieren können – die in Ötz aufgefundene alte Zunftordnung: „Dieser schwierige Text ist bereits transkribiert.“
Auf die Finanzen blickte Zunftprobst Lorenz Wacker und erhielt von den Rechnungsprüfern Helmut Lagg und Walter Feineler großes Lob für seine Arbeit, sodass er wie auch der gesamte Vorstand einstimmig entlastet wurde.

Kredenz mit goldenem Dachl.

ass die Außerferner Handwerkstradition lebt, wurde einem bei der Präsentation des Meisterstücks des Pinswanger Tischlers Armin Kofler buchstäblich vor Augen geführt: Er hatte seine Kredenz, die er zum Thema „Goldenes Dachl“ entworfen und gefertigt hatte, mitgebracht.
Die Festrede hielt ein Steirer: Hannes Missethon, der, nach einer Karriere als Politiker und Bundesrat, sich als Unternehmensberater nun nicht zuletzt mit dem Fachkräftemangel beschäftigt. Der Ursprung dieses Engagements liege übrigens in der Flüchtlingskrise, machte der Leobener deutlich: „Die Wirtschaft sucht dringend Leute und wir haben 400 unbegleitete junge Leute, die nicht wissen, was sie tun sollen“, schilderte er die Ausgangslage. Damals habe er eine Schule gegründet, aus der mittlerweile drei geworden und auch ein Ausbildungsrestaurant dazu gekommen sei.
Von Anfang an habe man Disziplin eingefordert (unter anderem durch intensives Deutschlernen) – und nach eineinhalb Jahren seien 80 Prozent in eine Lehre gewechselt: „Es ist eigentlich egal, woher sie kommen – wenn man jungen Leuten das Richtige gibt, ist vieles möglich!“
Diese positiven Erfahrungen möchte Missethon auch durch sein Projekt „Talents for Europe“ weiter ausbauen. Die Zahl der Lehrlinge in Österreich gehe immer weiter zurück: „Was wir jetzt erleben, ist erst der Beginn. Und in Tirol und Vorarl-berg sieht es noch schlechter aus als im Osten.“
Auf der anderen Seite herrsche etwa in Spanien eine hohe Arbeitslosigkeit und existiere kein funktionierendes Ausbildungssystem wie im deutschsprachigen Raum. Daher seine Idee: „Die jungen Leute sollen ein Jahr Deutsch lernen und wir integrieren sie dann hier in unser zweites Lehrjahr.“ Von denen, die bereits gekommen seien, arbeiteten 75 Prozent in der Gastronomie und die restlichen in den Sparten Elektro, Installation und Metall.
„Wir sind früher ins Schwabenland“, erinnerte der Diplom-Ingenieur sein Außerferner Publikum: „Jetzt wünsche ich mir, dass andere zu uns kommen. Und das funktioniert, wenn wir nur bereit sind, sie zu nehmen, ihnen unsre Bildungseinrichtungen öffnen, die Alten neugierig auf junge Leute bleiben, die Vereine sie aufnehmen und wir der Jugend Europas ein Zuhause geben. Dann kann das Außerfern tatsächlich zur Lehrwerkstatt Europas werden.“

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