Rundschau - Oberländer Wochenzeitung
Reutte | Chronik | 7. Juli 2020 | von Jürgen Gerrmann

Bergbauern, Blumen, Steinzeitmenschen

Rast vor einer herrlichen Kulisse: Bei einer Tour von Holzgau über die Jöchelspitze zum Bernhardseck gehen einem immer wieder die Augen über und das Herz auf. RS-Foto: Gerrmann
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Reutte  von Jürgen Gerrmann
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Eine Wanderung von Holzgau über die Jöchelspitze zum Bernhardseck (Berggeschichten Tour 8)

„Willst Du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah!“ – erkannte einst schon Goethe. Im Außerfern liegt nicht zuletzt das Schöne so nah. Vor allem in den Bergen. Die RUNDSCHAU war nun wieder für ihre Leser unterwegs – und traf dabei auf Spuren der Steinzeitmenschen und des Bergbauernlebens. Und auf heilende, oder auch nur wunderschöne Pflanzen.
von Jürgen Gerrmann

Nein, eine gemütlicher Sache ist das keineswegs, wenn man sich dazu entschließt, von Holzgau über die Schiggen zur Jöchelspitze aufzusteigen. Schon auf den ersten Metern hinter dem Dorfrand geht es zackig bergauf, zunächst über äußerst gewöhnungsbedürftige Gitterroste (muss das wirklich sein?), dann aber durch wunderschöne Wiesen mit zum Teil uralten Bäumen, auch immer wieder mal Wald. Und immer wieder öffnet sich die Landschaft und gibt den Blick auf Wunderbares frei – seien es nun kleine Blümchen oder große und grandiose Bergmassive.
Auch wenn man (namentlich an heißen Tagen) da durchaus ins Schwitzen geraten kann, so hat der steile Weg auch einen großen Vorteil: Man kann schnell Höhenmeter gutmachen. Und da hat man durchaus etwas zu bewältigen. Holzgau liegt auf 1114 Metern, der Gipfel der Jöchelspitze auf 2226.

EIN BLUMENPARADIES. Auf gut 1900 Höhenmetern gilt es, an einem alten Stadel eine Entscheidung zu treffen: entweder weiter steil die Direttissima hinauf zum Gipfel – oder noch den Schlenker über die Sonnalm mitnehmen, der eine gute halbe Stunde mehr kostet. Aber bei dem man auch den botanischen Lehrpfad mitzunehmen vermag.
Und das lohnt sich. Denn die ganze Wanderung begleitet einen gerade zurzeit eine Blütenpracht sondergleichen: Große Br(a)unelle und Gewöhnliches Leinkraut, Weideröschen und Alpen-Steinquendel, Alpenglöckchen und Buschwindröschen, Ferkelkraut und Frühlings-Küchenschelle, Alpen-Anemone und Orangerotes Habichtskraut, Bärtige Glockenblume und Alpen-Wundklee, Norwegisches Ruhrkraut und Alpen-Hauswurz, Braunklee und Alpen-Aster, Trauben-Steinbrech und Silberwurz, Schwarzes Kohlröschen und Gelber Enzian, Weißer Germer und Strauß-Glockenblume – sie alle liegen (beziehungsweise stehen) einem bei dieser Tour zu Füßen.
Und vor allem. Arnika, immer wieder Arnika! Der ist nicht nur schön anzusehen, sondern auch für Christine Schneider, die Pflanzen-Expertin der RUNDSCHAU, eines der bekanntesten Heilmittel der Volksmedizin der Alpen: „Viele schwören bei allen gewaltsamen Verletzungen darauf – also Prellungen, Stauchungen, Verrenkungen und Blutergüssen aufgrund innerer Verletzungen.“ Freilich: Arnika steht unter Naturschutz. Die Cremes und Tinkturen in Apotheken und Drogerien stammen aus speziellen Kulturen.
Inmitten dieses blühenden Paradieses steht das kleine, aber feine Bergheu-Museum, das auf Initiative des  Bacher Bürgermeisters Egon Brandhofer entstand. Im Zeitalter von Hightech wissen ja viele gar nicht mehr, wie hart das Leben der Bergbauern dereinst wahr. In dem kleinen Stadel kann man sich indes im wahrsten Sinne des Wortes ein Bild davon machen – auch anhand alter Fotos. Und selbstverständlich finden sich noch jede Menge (in der Regel hölzerner) Gerätschaften, die früher an diesen steilen Hängen zum Einsatz kamen.
Die Bergbauern waren indes nicht die ersten, die hier oben in der Nähe der Jöchelspitze arbeiteten. Die Steinzeitmenschen waren schon viel früher dran. Archäologen schätzen, dass am Rothornjoch, wo der Panoramaweg von der Jöchelspitze zur Bernhardseckhütte vorbeiführt, schon vor 10 000 Jahren Steinzeitmenschen  im Radiolarit (wie dieses Gestein dort heißt) nach dem Rohstoff für ihre Werkzeuge suchten. Unter anderem wurden bei den Ausgrabungen vor neun Jahren eine kleine Beilform, ein Teil eines Hammersteins und weitere bearbeitete Steingeräte gefunden, die das Team der Uni Innsbruck in der Mittel- und Jungsteinzeit sowie der Bronzezeit (also bis ins 2. Jahrtausend vor Christus) verortete. Man bewegt sich auf dieser Tour also auf höchst geschichtsträchtigem Boden.
Auch auf dem Weiterweg zum Tagesziel, der Bernhardseckhütte, kann man sich nicht satt sehen: Ab dem Grat nach der Mutte grüßen die Allgäuer Alpen zur Linken und die Lechtaler zur Rechten – und vor einem schlängelt sich der Lech, der „letzte Wilde“.

EIN KIND DES BERNHARDSECK. Wenn man dann angekommen ist, weiß man, was man geleistet hat. Aber auch das Herz ist voll. Und so kann man sich bei Hüttenwirt Armin Hummel und seiner Ivet auch nach Herzenslust verwöhnen lassen. Der Armin ist ohne Zweifel ein Kind des Bernhardseck: 80 Jahre ist die Hütte nun alt (wann das gefeiert wird, steht aufgrund der Corona-unsicherheit noch nicht fest), aber das ganze Leben des nunmehr 50-Jährigen ist mit diesem wunderschönen Platz verbunden, an dem sage und schreibe 14 Orchideenarten gedeihen. Schon als kleiner Bub war er mit Oma Maria und Opa Franz hier heroben, später übernahm Onkel Paul die Hütte, Vater Elmar verlegte 1989 die Wasserleitung und 1998 den Kanal. Nach kurzen Lern- und Wanderjahren ging der Armin selbst hoch aufs Bernhardseck – als Chef, der die Hütte leibt und lebt. Und viele Geschichten zu erzählen weiß. Etwa von der Quelle auf der Wiese unterhalb, zu der der Opa eine Seilbahn baute. Der Kübel glitt dort hinab, füllte sich und wurde von Hand wieder hochgezogen. Überhaupt war der Opa ein findiger Mann: Er verlegte auch die erste Telefonleitung hinunter zum Heimhaus in Elbigenalp – über Rollen über Bäume hinweg. Telefonieren konnte man nur zwischen den beiden Häusern, wer anrufen wollte, musste an einer Kurbel drehen: „Wenn die Oma angerufen hat, hat man es sofort gemerkt – die hat am wildesten gekurbelt.“
Kein Zweifel: Armins Herz schlägt schon ein Leben lang fürs Bernhardseck. Und diese Begeisterung springt wohl auf jeden über, der dort Station macht.

STRECKEN-STENOGRAMM. Start: Holzgau. Ziel: Bernhardseckhütte. Länge: gut 11 Kilometer. Höhenunterschied: rund 1300, Höhenmeter bergauf; rund 750 Höhenmeter bergab. Dauer: etwa sieben Stunden. Tipp: Wer nicht auf der Bernhardseckhütte übernachten will, kann noch etwa zwei Stunden nach Elbigenalp absteigen und dort mit dem Bus weiter. Wunderschön ist aber auch die Variante mit Übernachtung und Abstieg am nächsten Tag über die Wiesen am Grünberg nach Klapf und Stockach (3 Stunden) beziehungsweise dann auf dem Lechweg zurück nach Holzgau (5 Stunden).
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