Rundschau - Oberländer Wochenzeitung
Reutte | Chronik | 31. Mai 2021 | Jürgen Gerrmann

Das „wundertätige Bild“

Vater, Sohn und Heiliger Geist krönen Maria – diese Szene zeigt das aus dem Jahre 1682 stammende „wundertätige Bild“ in der Kapelle von Madau.     
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Kapellengeschichte Marienkapelle in Madau
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Die Kapelle von Madau ist der Krönung Mariens gewidmet

Sie sind in der Regel klein und unscheinbar, aber sie prägen das Außerfern auf eine sanfte und dennoch eindrucksvolle Art: die Kapellen in den kleinen Dörfern und am Wegesrand. Mancher beachtet sie gar nicht, obwohl sie so viel zu erzählen haben. Die Legenden zu den Heiligen, denen sie geweiht wurden, spiegeln auch die Freuden und Sorgen der Menschen wider, die dereinst hier lebten. Die RUNDSCHAU hat einige von ihnen besucht und der Geschichte ihrer Namensgeber nachgespürt. Heute geht es ins schöne Madautal bei Bach.
Von Jürgen Gerrmann.
Endlich ist es so weit: Nach einem langen Winter in den Bergen zieht der Frühling auch in höhere Lagen ein. Noch bis vor kurzem war das Sträßlein ins Madautal wegen Lawinengefahr gesperrt, doch nun lädt es wieder zu einer Wander- oder Radtour zum Originalschauplatz der Geierwally-Geschichte ein. Das Erste, was man nach zwei Stunden von der seit dem 15. Jahrhundert bekannten Siedlung (ein Pergament aus dem Jahre 1479 dokumentiert die Rechte der Zammer an ihrer Alm überm Alperschonjoch) heute sieht, ist die kleine Kapelle, die seit fast 350 Jahren einen Identifikations- und Kristallisationspunkt für das kleine Dorf bildet, das nun wie in den Anfangsjahren nur im Sommer bewohnt ist (die Dauersiedlung wurde Mitte des 19. Jahrhunderts aufgegeben). 

Gedenken an Lawinenopfer.
Deren Entstehungsgeschichte erzählt auch einiges darüber, wie gefährlich das Leben in dem Hochtal auf gut 1.300 Metern Höhe war. Sie erinnert nämlich an Michael Singer – einen kleinen Buben, der 1678 in einer Schneelawine ums Leben kam (die Quellen berichten davon, dass es damals ganze acht Häuser in Madau gab, „von denen drei im Winter unbewohnt sind“). Das schmerzte dessen Vater so sehr, dass er in Erinnerung an seinen Sohn eine Kapelle bauen wollte. Nun darf man sich das nicht so vorstellen, dass er da einfach Steine und Mörtel herrichten und ans Werk gehen konnte. Er musste vielmehr beim damaligen Elbigenalper Pfarrer Rohrmoser vorsprechen und ihn für sein Projekt gewinnen. Der schrieb dann am 1. Mai 1679 an den Breitenwanger Kämmerer Kaspar Scholl und bat um Genehmigung für diese „Kapelle zu Ehren der heiligsten Dreifaltigkeit“, die zur „Privatandacht“ genutzt werden solle. Singer versprach in diesem Bittschreiben auch, nach seinem Tod 20 Gulden zu hinterlassen, damit man das kleine Gotteshaus auch künftig erhalten könne. Preisvergleiche zu alten Zeiten sind immer schwierig und mit Vorsicht zu betrachten – aber im ausgehenden Barock musste man diese Summe laut einer Aufstellung des Wiener Schottenstifts für zwei oder drei Kühe aufwenden. Sechs Wochen später wurde die Genehmigung erteilt, Singer konnte mit dem Bau beginnen.

Bemühen um einen Pfarrer.
Was man sich heute in Zeiten der ob des Priestermangels riesigen Seelsorgeeinheiten gar nicht mehr vorzustellen vermag: Es war sogar mehrmals im Gespräch, einen eigenen Pfarrer dorthin zu schicken. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts stiftete der Zammer Pfarrer Johann Schwenninger sogar 4.000 Gulden, um dort eine Seelsorgestelle zu schaffen. Sein Motiv: „Furcht, es könnte einmal Madau vom Pfarrer zu Elbigenalp aufgegeben werden.“ Der Schriftwechsel, der sich darauf bezieht, stammt aus dem Jahre 1756 und spiegelt die komplizierte Situation dort wider. Denn dort am Alperschonbach verläuft nicht nur bis heute die Grenze zwischen den Gemeinden Zams und Bach respektive den Bezirken Landeck und Reutte – bis 1816 stießen dort auch das Bistum Augsburg und die Diözese Brixen aufeinander. Aus diesem Plan wurde erst einmal nichts, denn die Madauer lehnten die Stiftung ab (die dann einem Geistlichen für Zams zugute kam). Ihre Kinder und Enkel unternahmen einen neuen Anlauf, wie aus dem Schreiben von 1756 an das Augsburger Generalvikariat hervorgeht. Darin wird darauf verwiesen, dass der Elbigenalper Pfarrer Dr. Josef Ignaz Mellson der Meinung sei, dass das „Gebirgsdörflein“ gar nicht zu seiner Pfarre gehöre, weil die Madauer ohnehin ihren Zehnten gar nicht an ihn entrichteten, sondern „zum heiligen Andreas nach Zams“. Bloß die Franziskaner aus Reutte hätten die Erlaubnis, während ihrer Sammlung „super altare portatile“ (also mit einem tragbaren Altar) dort eine Messe zu lesen. Zudem: „Die jetzigen Madauer wollen selbst von Elbigenalp loswerden.“ Allerdings wurde das nicht umgesetzt.
Der nächste Anlauf erfolgte 13 Jahre später: Breitenwangs Dekan Eugen Rauch meldete nach Augsburg, dass der frühere Vorderhornbacher Kaplan Johann Falger bereit sei, „vorläufig für ein Jahr auf Probe“ nach Madau zu ziehen und dort in der Kapelle Messe zu lesen und „pfarrliche Funktionen auszuüben“. Dem stimmte das Generalvikariat auch zu – allerdings unter der Bedingung, „dass diese Kapelle ordentlich hergestellt und mit Paramenten versehen werde“. Daraus wurde freilich ebensowenig etwas wie aus der Initiative von 1784, die geradezu bevölkerungs- oder raumordnungspolitische Ziele hatte: Damals hatte Madau nämlich die höchste Einwohnerzahl aller Zeiten erreicht – 60 Menschen im Alter zwischen 15 und 40 Jahren lebten dort. Eine äußerst günstige Struktur also. Mit Unterstützung des Kreisamts in Imst beantragte man daher eine Seelsorgestation, durch die man sich (warum auch immer) binnen kurzem auch eine Bevölkerungszunahme von 50 Prozent versprach. Allein: Die Bürokratie in Wien sagte Nein, vorbei war es mit dem Wachstum an Menschen und Höfen, und wenige Jahrzehnte später gab man Madau als Dauersiedlung auf.

Der Schöpfer mit der Papstkrone.
Die kleine Kapelle, die auch durch viele Beispiele der Lechtaler Holzschnitzerkunst begeistert (zum Beispiel den Erzengel Michael, den heiligen Sebastian oder den wunderschönen gestalteten kleinen Altar) ist dennoch ein Zeugnis der Blütezeit des kleinen Dörfleins – wobei es indes nach wie vor eine gewisse Verwirrung um den Namen gibt: Gestiftet wurde sie wie gesagt zu Ehren der Dreifaltigkeit, im Brixener Diözesanschematismus von 1824 taucht sie als Mariahilf-Kapelle auf, und dieser Name wird auch (eigentlich fälschlicherweise) auf der Infotafel im Kirchlein verwendet, „aber eigentlich ist sie Maria Krönung gewidmet“, erzählt Mathilde Schlichtherle-Frey, die ihre Kindheit und Jugend bei ihren Eltern im benachbarten Berggasthof Hermine verbrachte, das ihr Bruder Klaus heute noch führt. Und wenn man auf Altar und das einst als „wundertätiges Bild“ verehrte Gemälde daneben blickt (das auch der später berühmte Landschaftsmaler Joseph Anton Koch als Bub bei einer Wallfahrt gemeinsam mit seinem Vater besuchte), so ist das eigentlich ganz klar, stellen beide doch dieses Motiv dar, das ab dem 12. Jahrhundert in der katholischen Kirche des Mittelalters immer populärer wurde und dessen am 22. August gedacht wird.
Das „wundertätige Bild“ ist übrigens auch kunstgeschichtlich interessant: Im frühen Mittelalter wird Maria nämlich allein von Christus (oft unter Assistenz von Engeln) gekrönt, später übernahm das (wie auch in Madau) die heilige Dreifaltigkeit – also Vater, Sohn und Heiliger Geist gemeinsam. Gottvater trägt dabei übrigens eine höchst auffällige Krone, erinnert sie doch an die Tiara des Papstes in Rom. Wobei der eine oder andere vielleicht schmunzelnd drüber philosophieren mag, ob nun der Papst der Stellvertreter Gottes oder Gott der Stellvertreter des Papstes sein mag...
Sei`s drum – auch dieses Detail zeigt: In dieser Kapelle lohnt auch ein Blick auf die Kleinigkeiten. Gewissermaßen als Krönung einer wunderschönen Wanderung. Und das nicht nur im Frühling.
 
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