Rundschau - Oberländer Wochenzeitung
Reutte | Chronik | 15. Feber 2021 | Jürgen Gerrmann

Der hoch verehrte „Schlampertoni“

Das Jesuskind im Arm, die Lilie als Zeichen der Reinheit in der Hand: Das Altarbild in der Kapelle von Mühl erzählt vom hohen Stellenwert des heiligen Antonius in der katholischen Kirche. RS-Foto: Gerrmann
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Die Antoniuskapelle in Mühl ist einem großen Glaubenslehrer geweiht

Sie sind in der Regel klein und unscheinbar, aber sie prägen das Außerfern auf eine sanfte und dennoch eindrucksvolle Art: die Kapellen in den kleinen Dörfern und am Wegesrand. Mancher beachtet sie gar nicht, obwohl sie so viel zu erzählen haben. Die Legenden zu den Heiligen, denen sie geweiht wurden, spiegeln auch die Freuden und Sorgen der Menschen wider, die dereinst hier lebten. Die RUNDSCHAU hat einige von ihnen besucht und der Geschichte ihrer Namensgeber nachgespürt. Heute geht’s zur Antoniuskapelle nach Mühl.
Von Jürgen Gerrmann.
An der Abzweigung des Stegerbergwegs von der Mühler Straße steht sie, viele Mitarbeiter des Metallwerks Plansee dürften tagtäglich auf dem Weg von und zur Arbeit mehr oder minder achtlos dran vorbeifahren: Aber dennoch lohnt es sich, die Türklinke der kleinen Antoniuskapelle herunterdrücken und vielleicht etwas inne zu halten. Denn das kleine Gotteshaus kann durchaus auch so etwas wie ein Refugium in der Hektik des Alltags sein. Der Schutzpatron dieses Kirchleins zählt zu denen, die mir besonders nahe sind. Aus zweierlei Gründen: Ich sehe zum Beispiel meine evangelische Mutter mit dem Kochlöffel in der Hand in der Küche stehen und einen Stoßseufzer zum Himmel schicken, der im streng katholischen Schwäbisch Gmünd, wo ich aufwuchs, wohl omnipräsent war: „Heiliger Antonius guter Ma, hilf mir, dass i 's finde ka!“, rief sie, wenn sie wieder mal eine Zutat oder ein Utensil zum Kochen oder sonst irgend etwas iim Haus vermisste. Und meistens hat sie es dann tatsächlich gefunden. Immer, wenn ich an oder in eine Antoniuskapelle komme, ist mir daher meine Mutter ganz besonders nah, obwohl sie schon ein Vierteljahrhundert tot ist.

Das Bett im Fels.
Und dann war da noch dieses fast mystische Erlebnis vor rund 15 Jahren. Mit Christine war ich beim Wandern im Apennin vor einem Gewitter in eine Kirche in Pieve Santo Stefano bei Arezzo in der Toskana geflüchtet. Ein anderes Paar war schon drinnen. „Geht Ihr auch den Franziskusweg?“, fragten sie uns. Von dem hatte ich noch nie gehört: „Nein“, antwortete ich daher: „Wir gehen einfach den Apennin entlang.“ Und was passierte? Wir verloren den Weg, es wurde dunkel, unsere weiß-rote Markierung der Grande Escursione Appenninica (GEA) war nirgendwo zu sehen – nur ein gelbes Tau, das Zeichen des Heiligen Franziskus, das auch in Reuttes Annakirche zu sehen ist. Das einzige schützende Dach in der Nähe war das der Eremo Cerbaiolo. Die damals schon über 80-jährige Chiara lebte in dieser Einsiedelei allein mit über 70 Ziegen, und eine davon durfte sogar während des Abendessens über den Tisch stolzieren. Wir hatten keinen Bissen dabei, denn eigentlich wollten wir ja im Gasthof auf der Passhöhe übernachten. Aber das war kein Problem: Chiara und das Pärchen aus der Kirche im Tal teilten freigiebig Brot, Käse, Salat und Wein – ein urchristliches Erlebnis, das ich whl nie vergessen werde. Und auch, dass Chiara am nächsten Morgen, als wir weitergehen wollten, uns noch ans Herz legte: „Geht noch zur kleinen Kapelle im Wald – da hat der Heilige Antonius seine ,Sermones' geschrieben!“ Christine legte sich dort sogar noch in sein Bett – das nichts weiter war als eine in den Boden gehauene Vertiefung hinunter zum nackten Fels. Und dann war uns klar. Wir lassen das mit der GEA und folgen weiter dem gelben Tau über Assisi bis nach Rieti. Für mich übrigens der schönste Pilgerweg bislang. Eben weil ihn eben kaum einer kennt.

Ein Portugiese.
Der vollständige Name des Heiligen Antonius, dessen Weg wir hier in diesem uralten verlassenen Gemäuer ohne jede Heizung kreuzten, führt übrigens etwas in die Irre: Bekannt ist er als Antonius von Padua (wo er das Zeitliche segnete) und auch auf dem von seinen Heiligen-Kollegen Wendelin und Koloman flankierten Altarbild von Mühl sieht man die Kulisse einer mittelalterlichen italienischen Stadt im Hintergrund, aber eigentlich müsste er „Antonius von Lissabon“ heißen. Denn er war gebürtiger Portugiese und zugleich wohl ein Sprachgenie, wie auch sein Freund Franziskus rühmte. Zum Abschluss eines von Papst Gregor einberufenen Konzils soll er zum Beispiel (wie das 1858 in Augsburg erschienene „Vollständige Heiligenlexikon“ berichtet) in Rom „vor der Versammlung, die aus verschiedenen Völkerschaften (nämlich aus Griechen, Orientalen, Franzosen, Engländern und Deutschen) bestand, predigte, glaubten alle, er rede in ihrer Sprache; so genau verstanden sie jedes Wort“. Dennoch ereilte auch ihn das Schicksal des Propheten, der im eigenen Land nichts galt. Die Einwohner von Rimini wollten nämlich partout nichts von ihm Wissen. Am Strand der Adria fasste er (so die Legende) daher den Entschluss: „Da Ihr Euch des Wortes Gottes unwürdig zeigt, wende ich mich an die Fische, um Eure Ungläubigkeit noch deutlicher zu unterstreichen.“ Und die schwammen (nun wieder das Heiligenlexikon) „in schaarenweise herbei, stellten sich der Reihe nach auf, hoben ihre Köpfe über Wasser und drückten ihren Beifall und Dank aus“ - eine deutliche Parallele und seinem Freund Franziskus (der Antonius ob dessen tiefen Glaubens gar als „meinen Bischof“ pries) und seiner berühmten „Vogelpredigt“. Gottes Schöpfung war offenkundig beiden ein Herzensanliegen. Auch unter Frauen genoss Antonius hohes Ansehen – insbesondere diejenigen, die von eifersüchtigen Gatten geplagt und drangsaliert wurden, riefen ihn um Hilfe an. Er selbst entsagte weltlichen Gelüsten. Das Vollständige Heiligenlexikon berichtet: „Wer von der Fleischeslust angefochten war, durfte nur sein Kleid berühren und empfand alsbald eine solche Linderung, daß alle Versuchung verschwunden war.“ Seine Hilfe beim Wiederfinden verlorener Gegenstände (deswegen sagen die Bayern ja auch „Schlampertoni“ zu ihm) bezieht sich wiederum auf ein Ereignis in seinem Kloster in Padua. Und deswegen wird er sogar bei Finden des richtigen Partners angerufen: Dafür gibt es eigene Single-Wallfahrten in die Stadt am Rande der Po-Ebene.

Jesus auf dem Arm.
Von Antonius gibt es so viele Wundergeschichten, dass sie an dieser Stelle gar nicht alle erzählt werden können. Die, die den Maler des Altarbilds von Mühl inspirierte, muss dann aber doch noch sein: Der Heilige soll einmal bei einem Bürger zu Gast gewesen sein, der ihm ein abgelegenes Zimmer zu Gebet und Meditation zur Verfügung stellte. Den Gastgeber plagte indes wohl auch eine gewisse Neugier, und er schaute durch das Fenster, das auch in Mühl zu sehen ist: „Da sah er, wie Antonius vor einem wunderschönen Knaben kniete, ihn mit seinen Armen umfing und unverwandt seine Blicke auf das Angesicht des himmlisch schönen Bildes richtete, und dachte bei sich, wie wohl dieses Kind ins zimmer gekommen seyn könne, da er doch immer in der Nähe gewesen und Niemanden habe aus- oder eingehen sehen. Auf seine Anfrage offenbarte ihm der Heilige, es sei der Knabe Jesus gewesen, verbot ihm aber, irgendeinem Menschen vor seinem Tode etwas zu sagen.“ Auch auf dem Bild in Mühl hält Antonius nicht nur das Christuskind auf dem Arm, sondern auch eine Lilie in der Hand – als Symbol für seine Seelenreinheit, das sonst eigentlich nur Maria gebührt. Zuständig ist er für die Bäcker, Schweinehirten, Bergleute, Reisenden und Sozialarbeiter, helfen soll er auch zu einer guten Geburt, einem gesegneten Alter und einem reichen Pilzfund (weswegen sich Pilzsammler wohl oft mit „Antonius behüt!“ grüßen). Was könnte eine Botschaft des Antonius für heute sein? Vielleicht seine „Sermones“ (das lateinische Wort für „Predigten“), die zu einem guten Teil in der Einsamkeit von Cerbaiolo entstanden. Die greifen Bilder aus der Natur und dem Alltag der Menschen als Aufhänger, um Glaubensinhalte praxisnah statt in hochkomplexen theologischen Überlegungen zu erklären. Und nicht zuletzt: Sie wenden sich den Inhalten und Stärken des eigenen Glaubens zu, statt gegen andere vom Leder zu ziehen. In diese Richtung hatte sich ja auch Angela Merkel vor einigen Jahren geäußert: Wer das christliche Abendland retten wolle, solle vielleicht als ersten Schritt einmal damit anfangen, wieder in die Kirche zu gehen und sich mit dem eigenen Glauben zu befassen...
 
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