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Reutte | Chronik | 12. September 2022 | Jürgen Gerrmann

„Dolmetscher der Freundlichkeit Gottes“

Dank für 30 Jahre großartige Arbeit: Pfarrer Bernhard Groß (r.) verabschiedete das Reuttener Pfarrerehepaar Anne und Mathias Stieger in den Ruhestand. RS-Foto: Gerrmann
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Evangelische Pfarrgemeinde Reutte verabschiedete das Pfarrerehepaar Stieger

Mit unzähligen guten Worten und einem Klangteppich aus wunderschöner Musik wurde Mathias Stieger, der fast 30 Jahre lang die Verantwortung für die Evangelische Pfarrgemeinde Reutte trug, am Samstag in einem ebenso würdigen wie fröhlichen Abschiedsgottesdienst in den Ruhestand verabschiedet. Und in jeder Minute dieser rund zweistündigen Feier spürte man dabei, welch große Wertschätzung der Seelsorger im ganzen Außerfern genoss und immer noch genießt.
Von Jürgen Gerrmann.
Den formalen Akt der „Entpflichtung“ (so der Fachausdruck im evangelischen Kirchendeutsch) übernahm dabei in Vertretung des erkrankten Superintendenten für Salzburg und Tirol, Olivier Dantine, der Pfarrer der Innsbrucker Kreuzkirche, Bernhard Groß, der selbst vor der Ankunft der Familie Stieger vertretungsweise die Reuttener Gemeinde geleitet hatte. Er erinnerte daran, dass sein Kollege vom Christ-  und Pfarrersein im kommunistischen Rumänien tief geprägt worden sei: „Glaube und Bekenntnis hat dort viel gekostet. Und gerade dies hat er auch hier bei uns immer wieder eingefordert.“ Dank für die lange Zeit in Reutte gebühre aber auch seiner Frau Anne, die ihn dabei begleitet und gestärkt habe: „Du hast Deine Verantwortung getragen und manchmal auch Deine Last. Nun behältst Du zwar Deine Rechte der Ordination, aber darfst zur Ruhe kommen.“

ENDE EINER ÄRA.
„Wehmut, Trauer, Unsicherheit, Freude über schöne Erinnerungen, Dankbarkeit“ – die Liste der Emotionen, die Kuratorin Brigitte Moritz als Laienvorsitzende der Gemeinde aufzählte, war lang: „Eine Ära geht für uns zu Ende. Aber es wird auch etwas Neues entstehen. Für uns und auch für Mathias.“ Worte und Gesten reichten nicht aus, um das Wirken der Pfarrfamilie adäquat zu würdigen: „Alles bleibt zu wenig, zu gering.“ Dieser Einsatz sei weit über das Übliche hinausgegangen. Stieger habe sich stets als „Arbeiter im Weinberge Gottes“ verstanden und immer aus christlicher Verantwortung sein Bestes gegeben. Worte seien dabei wichtig, doch die blieben leer, wenn keine Haltung dahinter stehe: „Die freilich habe ich bei Mathias immer gespürt.“
Auch die katholischen Glaubensgeschwister waren in großer Zahl bei der Feier vertreten – und prominent dazu. Dekan Franz Neuner attestierte dabei sowohl Mathias als auch Anne Stieger, „Botschafter der Freundlichkeit Gottes“ gewesen zu sein. Und auch sein Vorgänger Ernst Pohler, der schon bei Stiegers Amtseinsetzung gesprochen hatte, befand, das Lebenszeugnis, das die beiden abgelegt hätten, sei genau das, was die Kirche heute brauche. Jeden einzelnen evangelischen Christen des kleinen Häufleins im Außerfern habe Stieger geschätzt, geschützt, sich über ihn gefreut und zuweilen auch mit ihm gelitten: „Der Zusammenhalt und die Entfaltung der evangelischen Kirche in Reutte war ihm immer sehr wichtig.“ Das gute Miteinander in der Krankenbegleitung hob auch der katholische Krankenhausseelsorger Georg Rehm hervor: „Wir haben uns an so manchem Krankenbett auch abgewechselt.“ Christian Josi sagte namens der Freien Evangelikalischen Gemeinde Reuttes Dank für die Offenheit, mit der Stieger immer auf andere zugegangen sei. Adelheid Reßler, Bäuerin aus Steingaden und Siebenbürger Landsfrau der Stiegers, kleidete ihren Wunsch (wie zuvor auch schon Franz Neuner) in ein Lied: „Ich wünsche Dir Zeit.“ Dr. Jan Andrle wünschte namens des Lions-Clubs Reutte Mitglied Mathias Stieger alles Gute. Und die Gemeinderäte Robert Pacher und Erik Alk sagten namens der Marktgemeinde Dank für all das, was der Seelsorger mit seiner großen Offenheit für Reutte geleistet habe. Der katholische Religionslehrer Ferenc Racz schloss für das BRG, wo Stieger in derselben Funktion zum Kollegium gehörte, den Reigen der Wünschenden und Dankenden ab.

DER TRAUM VOM MÜLLMANN.
Der so hoch Gelobte war denn auch sichtlich überwältigt von all dem Guten, das ihm an diesem Morgen widerfuhr. In seinen Abschiedsworten blickte er nochmals auf seine Kindheit und Jugend in Siebenbürgen zurück: Dort sei er nicht nur in die Angst vor den Kommunisten hineingeboren worden („Als deutsche Minderheit waren wir entrechtet, vogelfrei und wurden aus unseren Häusern verjagt“), sondern auch in „ein gefestigtes Matriarchat, eine wunderbare Nachbarschaft und Kirchengemeinschaft, eine herrliche Landschaft und eine tolle Gesamtschule“. Vor Kurzem habe er einen seltsamen Traum gehabt. Mit seiner Frau habe er auf einer Müllkippe gearbeitet: „Ich war aussortiert, passte nicht mehr ins System.“ Dann sei er dennoch in eine neue Gemeinde berufen worden. In die prächtig erleuchtete Kirche mit den vielen Emporen sei er dann zu spät gekommen – und ob er diesen Dienst dann auch angetreten habe, wisse er nicht: Kurz vor der Verpflichtung wachte er auf. Für Stieger war es dennoch Anlass zum Philosophieren. Bei der Sicht eines Müllmanns auf ein kirchliches System, das sich aus zwölf einfachen Menschen vom See Genezareth heraus entwickelt habe, könne so manches auch Befremden, Unverständnis, Ärger und Distanzierung hervorrufen: Und trotzdem bleibt diese Kirche mein Zuhause.“  Bei all seinem Wirken habe er sich stets an einem Wort aus dem Korintherbrief orientiert: Nicht „Herr Eures Glaubens“ sein zu wollen, sondern „Gehilfen Eurer Freude“. Und diese Freude prägte denn auch das Miteinander beim anschließenden Gemeindefest.
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