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Reutte | Chronik | 5. Dezember 2022 | Sabine Schretter

„Ist Papa jetzt still?“

„Ist Papa jetzt still?“
Frei leben ohne Gewalt! Mit der blauen Flagge haben wir ein klares Nein zur Gewalt an Frauen ausgesprochen. Bei einer Infoveranstaltung in der Bücherei Reutte wurde auch auf das BASIS-Projekt „Gewaltprävention Außerfern“ aufmerksam gemacht. RS-Foto: Schretter
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16 Tage gegen Gewalt – Außerfern richtet Fokus auf häusliche Gewaltprävention

Am 25. November startete weltweit die Aktion 16 Tage gegen Gewalt an Frauen und Mädchen. Bis zum 10. Dezember, dem internationalen Tag der Menschenrechte, finden Veranstaltungen, Kampagnen und Aktionen statt, um auf das Recht auf ein gewaltfreies Leben aufmerksam zu machen. BASIS, Frauen- und Familienberatungsstelle im Außerfern, lud zu einem Informationsabend in die Bücherei Reutte.
Von Sabine Schretter.
Gezeigt wurde der Film „Wutmann“ der norwegischen Regisseurin Anita Killi. Thema des 20-minütigen Animationsfilms ist häusliche Gewalt. Boj ist sechs Jahre alt. Wenn sein Vater zum „Wutmann“ wird und die Mutter schlägt, wird Boj auf sein Zimmer geschickt. Die Gewalt, die der Vater ausübt, bekommt Boj hautnah mit. Er stellt sich Fragen: „Warum ist Papa böse?“ „Bin ich schuld daran?“ Die Mutter beruhigt: „Jetzt ist es vorbei. Wir brauchen Papa. Wo sollten wir sonst wohnen? Wie sollten wir zurechtkommen?“ „Klassische Verhaltensmus-ter“, erklären Mag. Gabriele Schick, Obfrau der BASIS, und Evelyn Mages, Geschäftsführerin der BASIS. Auch die Anpassungsleistung – im Film bringt Papa am Tag nach der Gewaltausübung Geschenke mit – ist häufig mit häuslicher Gewalt verknüpft. Im Film überfordert diese Anpassungsleistung Boj. Er rennt aus dem Haus und erfährt Hilfe. Dadurch ist es ihm möglich, sich anzuvertrauen. Er findet Hilfe. Auch Papa wird geholfen. „Du musst den Wutmann kennenlernen, damit du wieder ein fröhlicher Mann wirst.“

Sichtbar machen.
„Häusliche Gewalt wirkt immer auf die Kinder. Auch wenn sie aufs Zimmer müssen oder aus dem Raum geschickt werden, erleben sie die Gewalt mit, werden traumatisiert“, erklärt Psychotherapeutin Gabriele Schick. Frauen fehle oft der Mut, etwas zu ändern. „Viele Frauen wissen nicht, wie sie ihr Leben ohne Mann an ihrer Seite gestalten sollen.“ Finanzielle Abhängigkeit ist meist der Grund dafür.  Nicht immer ist Gewalt sichtbar.  Körperliche Gewalt hinterlässt äußerliche Spuren. Die Narben psychischer Gewalt sind nicht sichtbar, schmerzen aber genauso. Für Außenstehende ist es nicht immer einfach, Hilfe anzubieten. Ein Eingreifen bei Verdacht auf Gewaltausübung sollte nicht fordernd und frontal sein. Vielmehr sollte man moderat darauf hinweisen, dass es Stellen gibt, die helfen. „Das müssen wir alle lernen“, so Gabriele Schick. Bezirkspolizeikommandant Michael Eder ergänzt: „Wenn man sich an die Polizei wendet, muss die Information nicht immer ,häusliche Gewalt‘ heißen. Oft ist es besser, von Lärmbelästigung zu sprechen und zu bitten, dort einmal nachzuschauen.“ Franz Peter Witting von der Männerberatungsstelle „Mannsbilder“ berichtet, dass sich die Gesetzesänderung, die bei einer Wegweisung sechs Beratungsstunden vorschreibt, sehr positiv auswirkt. Manche Täter kommen von selbst, sind oft entsetzt über sich selbst. „Das ist ähnlich wie im Film. Mir ist die Hand ausgekommen, das gibt es nicht. Gewalt ist immer ein aktiver Akt“, sagt Witting. Manche Männer haben Angst um ihre Beziehung, fürchten, dass sie verlassen werden, wenn sie ihr Verhalten nicht ändern. „Schwierig ist es bei Männern, die narzisstische Gewalt ausüben. Sie kommen seltener zu einer Beratung“, räumt der Männerberater ein. Ein ers-ter wichtiger Schritt zur Hilfe ist das Öffentlichmachen von Gewalt. „Ich sehe, dass du deine Frau schlägst“, oder „Dein blaues Auge kommt doch nicht von einem Sturz“, oder „Ich sehe, dass mit dir etwas passiert. Da gibt es Hilfe“ – sind Möglichkeiten, die Hand zu reichen. „Dem Betroffenen muss man Zeit geben. Ihn selbst entscheiden lassen, ob er die Hilfe annimmt“, schließt Witting ab. Positiv anzumerken ist, dass immer mehr Institutionen, Gemeinden und Vereine Schutzkonzepte entwickeln, wie vorgegangen werden soll, wenn Gewalt passiert. Gerade in ländlichen, kleinstrukturierten Regionen oder dörflichen Gemeinschaften sei dies wichtig, merkt der Schattwalder Bürgermeister Wolfgang Ramp an. „In einem Dorf wie Schattwald fällt eine Wegweisung auf. Da wird schnell ein Stempel aufgedrückt, der dann auch bleibt, wenn der Konflikt bereits bereinigt ist.“ Gewalt, wenn sie passiert, sichtbar zu machen, darüber zu reden, ist ihm als Bürgermeister ein großes Anliegen. Evelyn Mages freut, dass die Arbeit der Beratungsstellen immer mehr fruchtet. Elisabeth Hartl und Monika Steiner-Tolic vom Kinderschutzzentrum Reutte ergänzen, dass Kinder, die Zeugen von Gewalt wurden, Anspruch auf psychosoziale Prozessbegleitung haben. Auch hier sei es wichtig, anzusprechen, wenn der Verdacht auf Gewalt in der Familie besteht.

Info.
16 Tage gegen Gewalt setzen Aktionen und informieren über Angebote zur Hilfe. Im Bezirk Reutte erhält man Unterstützung bei: • BASIS, Frauen- und Familienberatungsstelle, Planseestraße 6, 6600 Reutte, Tel. 05672 72604 von Montag bis Donnerstag von 9 bis 12 Uhr. • Mannsbilder Reutte – Beratung für Männer und Burschen, Planseestraße 6/2, 6600 Reutte, Tel. +43 681 84 61 67 73, E-Mail: beratung.reutte@mannsbilder.at. • Kinderschutz Reutte, Innovationszentrum, Kohlplatz 7, 6600 Pflach, Tel. 05672 64510, E-Mail: reutte@kinderschutz-tirol.at. • Alle Polizieinspektionen. • Der „Stille Notruf“ in Österreich ist eine Ergänzung zum barrierefreien und textbasierten DEC112 Notruf. Mit ihm kann man nahezu unbemerkt Hilfe rufen. Durch einen einfachen Knopfdruck wird die Polizei verständigt und eine Polizeistreife zur notrufenden Person geschickt. Ein „Stiller Notruf“ hilft vor allem in Situationen akuter Bedrohung oder Gewalt, weil der Notruf nahezu unbemerkt ausgelöst werden kann. Der Unterschied zu einem normalen Sprach-Notruf ist, dass im Hintergrund automatisch wichtige Daten übertragen werden. Dazu gehören der aktuelle Standort, die aktuelle Adresse der notrufenden Person sowie zusätzlich angegebene persönliche Daten. Außerdem besteht die Möglichkeit, mit der Leitstelle unbemerkt zu chatten. • Während der 16 Tage gegen Gewalt (noch bis 10. Dezember) sind zudem Hilfe-Hotlines auf Kassazetteln abgedruckt.
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