Rundschau - Oberländer Wochenzeitung
Reutte | Chronik | 29. August 2022 | Von Jürgen Gerrmann

Kapellengeschichte, Teil 38 – Ein Spiegel der Vergänglichkeit

Nicht einmal der Papst bleibt in Anton Falgers Totentanz in der Kapelle auf dem Friedhof von Elbigenalp verschont. RS-Foto: Gerrmann
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Reutte  Von Jürgen Gerrmann
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Die Friedhofskapelle von Elbigenalp macht die Endlichkeit alles Irdischen bewusst

Sie sind in der Regel klein und unscheinbar, aber sie prägen das Außerfern auf eine sanfte und dennoch eindrucksvolle Art: die Kapellen in den kleinen Dörfern und am Wegesrand. Mancher beachtet sie gar nicht, obwohl sie so viel zu erzählen haben. Die Legenden zu den Heiligen, denen sie geweiht wurden, spiegeln auch die Freuden und Sorgen der Menschen wider, die dereinst hier lebten. Die RUNDSCHAU hat einige von ihnen besucht und hat der Geschichte ihrer Namensgeber nachgespürt. Heute geht’s nach Elbigenalp.
Von Jürgen Gerrmann

Sie steht im Schatten ihrer großen Schwester, der Pfarrkirche St. Nikolaus, wohl des Wahrzeichens von Elbigenalp schlechthin: die Magdalenkapelle auf dem Friedhof. Von der Barockpracht ihrer Nachbarin (die freilich erst viel später entstand) hat sie, die rund eineinhalb Jahrhunderte jünger ist, nichts abbekommen, aber dafür hat sie sich einen Großteil ihrer Ursprünglichkeit bewahrt. Und sie lohnt auch deswegen einen Besuch, weil sie einen mit der Endlichkeit allen irdische Daseins (auch des eigenen) konfrontiert und zum Nachdenken bringt.  Das Tiroler Kunstkataster weist unter der Nummer 25417 übrigens gleich drei Namen für den „turmlosen Bau über rechteckigem Grundriss, mit geradem Schluss und tief ansetzendem steilem, schindelgedecktem Satteldach“ aus:  Außer Magdalena ist noch Sankt Martin als Namensgeber erwähnt. Und schließlich wird sie auch schlicht und einfach als „Totenkapelle“ bezeichnet. Was ja auch passt: Denn bis heute werden ja dort die Verstorbenen der Gemeinde dort aufgebahrt, damit man sich von ihnen verabschieden kann.

URALTES BEINHAUS. Hinunter in die Gruft zu gehen, ist nicht jedermanns Sache: Denn dort liegen die Knochen von tausenden Menschen, die vor einem selbst das Zeitliche gesegnet haben und einem schon vor langer Zeit in die Ewigkeit vorausgegangen sind. Dass man sie nicht weggeworfen, sondern hier über Jahrhunderte hinweg aufbewahrt hat, ist auf der anderen Seite auch ein Zeichen dafür, dass die Würde des Menschen nicht nur unantastbar, sondern auch letztlich unvergänglich ist. Sonst würde dieses Beinhaus einen nicht so innerlich berühren. Auch wenn es im Mittelalter wohl eher nicht aus solchen, sondern aus ganz profanen Gründen errichtet wurde: Die Friedhöfe wurden in jener Zeit einfach zu klein. Wie dem auch sei: Diese Gruft halten viele (darunter Anton Falger, der „Vater des Lechtals“) daher wohl für den Rest des ältesten sakralen Bauwerks im Lechtal.

MEHR ALS NUR „SÜNDERIN“. Und uralt sind auch die Fresken an der Stirnseite des kleinen Gotteshauses. Sie werden in dem nicht gerade lichtüberfluteten Kirchlein leicht übersehen. Aber dennoch lohnt es sich, intensiver hinzuschauen, denn solch alte Bilder aus dem Leben von Maria Magdalena sieht man sonst im Außerfern kaum. Und obwohl sie lange Zeit vornehmlich als Sünderin, ja Prostituierte charakterisiert wurde, war sie doch eine der treuesten Begleiterinnen Jesu Christi. Der Evangelist Lukas erwähnt sie sogar in einem Atemzug mit den Jüngern – als „Maria, genannt Magdalena, aus der sieben Dämonen ausgefahren waren“. Und sie blieb auch (im Gegensatz zu den Männern) bis zum bitteren Ende an seiner Seite. Kein Grund also, sich über sie zu erheben oder sie gar zu verachten. Das macht auch diese Kapelle deutlich. Schließlich vermag man gar nicht anders, als sich den wunderbaren Tafelbildern Anton Falgers über der Treppe hinab ins Beinhaus zuzuwenden. Er hat nämlich ein aus dem 14. Jahrhundert stammendes Motiv 1840 in seine Zeit übertragen: Vor jetzt rund 600 Jahren war nämlich zur Zeit der Pest in der französischen Benediktinerabtei La Chaise-Dieu an der Loire ein Wandgemälde entstanden, das wiederum auf einen Bilderbogen aus der Zeit der Pest zurück- ging. Nicht zuletzt die Mönche ließen sich durch dieses Motiv an ihre eigene Vergänglichkeit erinnern – nur kurze Zeit später übrigens auch im Wengenkloster in Ulm. Drei Jahrhunderte später entstand im Kloster St. Mang in Füssen eines der berühmtesten Exemplare dieses Kunstgenres im deutschsprachigen Raum: Dieser Totentanz ist der älteste, der sich in dieser Form noch in Bayern erhalten hat und wird unter die bedeutendsten in ganz Europa eingereiht (auch er lohnt natürlich einen Besuch im nahen Allgäu). Die Vermutung, dass Falger, der die Kapelle in seinem Heimatort 1832 übrigens auf eigene Kosten hatte sanieren lassen (laut seiner eigenen Aussage „bitter nöthig“) und im Gegensatz zu vielen anderen Tirolern in Vergangenheit und Gegenwart stets eine große Affinität zu Bayern hatte und pflegte, sich rund 100 Jahre später davon inspirieren ließ, liegt da wohl nicht allzu ferne.

VOM PAPST BIS ZUM TOTENGRÄBER. Ob es nun Falgers „malerisches Hauptwerk“ war, wie manche meinen, sei nun mal dahingestellt (das ist ohnehin Ansichtssache). Aber Fakt ist: Der Wirkung seiner Bilder kann man sich auch nach 180 Jahren erinnern. Eben weil sie erschreckend und tröstlich zugleich sind: Sie zeichnen schließlich ganz direkt ohne Drumherumreden den Weg alles Irdischen nach und vor. Nicht einmal der Papst (für den Katholiken Falger ganz selbstverständlich das Oberhaupt der Chris-tenheit und Stellvertreter Gottes), der zu jener Zeit der aus Belluno im Kaisertum Österreich stammende Gregor XVI. (als letzter Mönch in diesem Amt) war, blieb von diesem Tanz verschont. Wobei der sich noch am bewusstesten ist, dass Gevatter Hein die Menschen auf Schritt und Tritt begleitet. Der Tod lässt da keine Zweifel: „Zur Seite war ich immer Dir, jetzt gehst Du von dem Thron mit mir.“ Der König ziert sich da schon mehr, muss sich aber auch im Reigen drehen: „Der Krone Dir und Zepter gab, der nimmt Dir Deine Würde ab“, macht ihm der „Boandlkramer“ (wie die Bayern zu sagen pflegen) klar. Interessant: Gleich nach diesen hohen Würdenträgern nennt Falger seine eigene Zunft. „Laß Leben mich der Kunst allein – ich möcht durch sie verewigt sein“, bittet er. „Sieh, andern bring ich keinen Kranz, durch mich erhältst den Ruhm jetzt ganz“, bekommt er zu hören. Schimmert da ein Schuss Selbstironie Falgers durch, der sich wohl im Klaren war, dass der Künstler damals wie heute erst etwas gilt, wenn er schon tot ist und nichts mehr davon hat? Auch eine gewisse Herrschafts- und Gesellschaftskritik könnte man da hineininterpretieren, wenn der Richter treuherzig versichert: „Ich thu alles, was mein Fürst begehrt.“ Da freilich hilft ihm auch nicht: „Ich breche jetzt den Stab auch Dir. Herr Richter, komme nur mit mir!“ Party scheint indes schon damals angesagt gewesen zu sein: „Laß mich bei Tanz und Saitenspiel noch fröhlich sein im Weltgewühl“, fleht der Bürger. Freilich vergeblich: „Jetzt tanz mit mir zum letzten Ziel!“ Einen Stich ins Herz versetzt es einem freilich, wenn der Tod sowohl Oma, Mutter als auch Kind gnadenlosvoneinander reißt (was ja in jenen Jahren nur allzu oft vorkam) und auch bei einer Braut kein Erbarmen kennt: „Ich gebe Dir jetzt meine Hand und bind mit Dir ein neues Band!“ Verschont werden weder der Bauer („Ich mäh die Leut, wie Du das Gras, nimm alles und mach keinen Spaß“) noch der Reiche („Ich will kein Geld, nur Dich allein. Steh auf, ich will Dein Kutscher sein!“) und auch nicht der Bettler: „Du mußt fort, hier ist Dein End – und auch vollendet Dein Elend.“ Und schließlich muss auch der Totengräber selbst mit: „Wer hätte das einst je gedacht, daß ich das Grab für mich gemacht?!“ Leichte Kost ist es also nicht gerade, die einem da in dieser Kapelle mit ihrem Spiegel der Vergänglichkeit begegnet. Aber die Realität. „Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen“, hat Martin Luther einen alten gregorianischen Choral ins Deutsche übertragen. Gefangen sollte der einen indes nicht nehmen. Und daher ist es sicher nicht das Schlechteste, nach dem Besuch in der Kapelle noch in die Pfarrkirche daneben zu gehen. Und sich von der barocken Lebensfreude der vielen Engel dort anstecken zu lassen.
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