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Reutte | Chronik | 19. April 2021 | Sabine Schretter

Kinder haben ein Recht auf Gewaltfreiheit

Kinder haben ein Recht auf Gewaltfreiheit
Mag. Elisabeth Hartl ist die Ansprechpartnerin im Kinderschutzzentrum Reutte. Foto: Privat
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Kinderschutzzentrum Reutte hilft, wenn Kinder und Jugendliche sexuelle, körperliche oder seelische Gewalt erleben

In Tirol gibt es fünf Kinderschutzzentren. Eines davon auch im Bezirk Reutte. Kinderschutzzentren sind eine wichtige Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche, die Gewalt in unterschiedlicher Form (sexuell, körperlich, seelisch) ausgesetzt sind oder waren.
Von Sabine Schretter.
Das Kinderschutzzentrum Reutte wurde im Februar 2018 eröffnet. Zuvor war das Kinderschutzzentrum Imst für die Versorgung des Bezirkes Reutte zuständig, erklärt Mag. Cornelia Köll-Senn, Erziehungswissenschaftlerin und  Psychotherapeutin beim Kinderschutzzentrum Imst. Dadurch sei zwar eine enge Verbundenheit entstanden, der Weg für Familien über den Fernpass und auch die notwendige Vernetzung haben sich aber zunehmend schwierig gestaltet. „Wir sind sehr froh, dass es nun seit drei Jahren den Standort Reut-te gibt und die Mitarbeiterinnen im Außerfern vor Ort betreuen können“, so Cornelia Köll-Senn im Gespräch mir der RUNDSCHAU. Der Übergang sei damals sehr unkompliziert und fließend verlaufen, hier habe sich über Jahre gewachsene Verbundenheit bezahlt gemacht. „Wir konnten die Kolleginnen im Außerfern gut begleiten, unterstützen sie vor allem während der Einarbeitungsphase“, ergänzt Mag. Köll-Senn. Mittlerweile ist das Kinderschutzzentrum Reutte gut etabliert. Input aus Imst erhalten die beiden Mitarbeiterinnen bei Bedarf. Dies sei vor allem bei sehr komplexen Fällen notwendig, für deren Betreuung ein größeres Team im Hintergrund notwendig ist. „Kinderschutzarbeit macht man nie alleine“, erklärt Cornelia Köll-Senn. Deshalb ist der Standort Reutte mit zwei Mitarbeiterinnen besetzt, zudem gibt es – vor allem bei komplexeren Fälle – die Unterstützung durch das Kinderschutzzenrum Imst. Um einen umfassenden Schutz für Kinder und Jugendliche gewähren zu können, ist eine enge Zusammenarbeit mit weiteren Institutionen wichtig,.Gewalt gegen Kinder passiert viel zu häufig. Kinder haben das absolute Recht auf ein gutes und gewaltfreies Leben. Wenn Kinder von Gewalt bedroht oder unmittelbar mit Gewalt konfrontiert sind, helfen die Mitarbeiter der Kinderschutzzentren. Seit Ausbruch der Pandemie zeigt sich eine Verstärkung der Probleme. „Die Situation der Kinder hat sich nicht verbessert“, sagt Cornelia Köll-Senn dazu.

Konflikte nehmen zu.
Mag. Elisabeth Hartl ist seit April 2020 im Kinderschutzzentrum Reutte tätig. Auch sie bemerkt, dass gerade mit fortlaufender Dauer der Pandemie die psychischen Belastungen und innerfamiliären Konflikte zunehmen. Durch die Corona-Pandemie haben bei viele Kindern und Jugendlichen Einsamkeit, Langeweile, exzessiver Medienkonsum, Depression und familiäre Probleme sowie häusliche Gewalt zugenommen, erklärt Dr. Petra Sansone, GF der Tiroler Kinder und Jugend GmbH, dazu. Vor allem Kinder und Jugendliche aus sozioökomisch schwächeren Familien sind besonders betroffen. Beengten Wohnverhältnisse, Home-schooling, Home-office oder Kurzarbeit steigern  das Konfliktpotenzial innerhalb der Familie. Wichtige Ressourcen, wie Sport- und Freizeitmöglichkeiten und soziale Kontakten zu Freunden und Bezugspersonen, wie etwa den Großeltern, fehlen und verstärken die Problematik. Die Kinder und Jugendlichen, die schon vor der Krise belastet waren, sind am stärksten davon betroffen. Vor allem für Jugendliche, die sich in ihrer Entwicklung hin zum Erwachsenen befinden, sind die Beziehungen zu Peers (Gleichaltrigen) wichtig. Durch Home-Schooling und Lockdown ist es zudem schwieriger, Fälle von Gewalt und Missbrauch zu erkennen und zu melden. Auch die Möglichkeiten betroffener Kinder und Jugendlichen sich jemandem anzuvertrauen ist eingeschränkt.

Hilfe holen.
„Holen Sie sich Hilfe. Neben dem Kinderschutz gibt es in Reutte verschiedene Unterstützungsmöglichkeiten und Angebote, zum Beispiel die Kinder- und Jugendhilfe oder die Erziehungsberatungsstelle“, rät Mag. Elisabeth Hartl allen, die in ihrem Eltern-Sein, in der Familie oder im Freundeskreis mit Konflikten konfrontiert sind und an ihre Grenzen stoßen. „Wir beraten gerne alle, die in ihrer beruflichen Arbeit oder privat mit Gewalt konfrontiert werden. Unter Gewalt verstehen wir körperliche, psychische und sexuelle Gewalt sowie Vernachlässigung“, fügt sie ergänzend dazu.

Ort der Sicherheit und Geborgenheit.
Mag. Astrid Lanza, Fachbereichsleitung Kinderschutz Tirol, weiß, dass viele Eltern ein hohes Bewusstsein für Kinderrechte und eine gewaltlose Erziehung haben. Dennoch müsse davon ausgegangen werden, dass jedes vierte Kind zu Hause Gewalt erfährt – trotz des seit 30 Jahren verankerten Gewaltverbots gegen Kinder und Jugendliche. Gewalt gegen Kinder in der Familie, vor allem sexuelle Gewalt, ist oft „unsichtbar“. Von sexueller Gewalt betroffene Mädchen und Buben wollen sich oft niemandem anvertrauen, weil Loyalitätskonflikte oder Schuldgefühle auftreten und auch die Eltern die Situation verheimlichen. Jede Form von Gewalt, Misshandlung und/oder Vernachlässigung an Kindern und Jugendlichen kann schwerwiegende Folgen haben. Manche Menschen leiden an lebenslangen Beeinträchtigungen und Traumatisierungen. Auch Gewalt zwischen ihren Eltern, die Kinder und Jugendliche miterleben müssen, stellt eine Form von Gewalt dar. Viele Kinder und Jugendliche erfahren auch außerfamiliäre Gewalt oder beispielsweise Gewalt in Institutionen, Gewalt durch bestimmte Wertvorstellungen zum Thema Ehre und Glaube oder in Form von Cybermobbing. Dass sich problematische Situationen aufgrund der geänderten Rahmenbedingungen während der Corona-Pandemie verstärken, bestätigt auch Mag. Lanza im Austausch mit der RUNDSCHAU. Der Kinderschutz Tirol tritt gegen Gewalt an Kindern und Jugendlichen ein und bietet Betroffenen sowie deren Bezugspersonen und Fachkräften, die beruflich oder privat mit dem Thema Gewalt an Kindern und Jugendlichen konfrontiert sind, Hilfe an. Wer Gewalt an Kindern oder Jugendlichen wahrnimmt oder den Verdacht auf Gewalt an Kindern und Jugendlichen hat, findet in einem der fünf Tiroler Kinderschutzzentren Unterstützung.  „Wir unterstützen kos-tenlos und vertraulich, auf Wunsch auch anonym. Als Kompetenzzentren und Opferschutzstelle bei sexueller, körperlicher und seelischer Gewalt an Kindern und Jugendlichen ist es unser Anliegen, dass der Schutz für betroffene Kinder und Jugendliche so rasch als möglich hergestellt wird. Wir bieten umfassende Hilfsangebote an und arbeiten vernetzt mittels gezielter Interventionen. Unsere Angebote erstrecken sich von Beratung, Psychotherapie über Prozessbegleitung bis hin zu Präventions- und Fortbildungsangeboten und Öffentlichkeitsarbeit“, ergänzt Mag. Lanza.  Zudem wird an Reuttener Schulen Gewaötprävention angeboten, die von den Landesrätinnen Fischer und Palfrader unterstützt wird, freut sich die GF der Tiroler Kinder und Jugend GmbH Dr. Petra Sansone. Auch für dieses Angebot ist Mag. Elisabeth Hartl die Ansprechpatnerin im Bezirk Reutte.

Gut vernetzt.
Zwischen den  fünf Kinderschutzzentren in Tirol (Innsbruck,  Reutte, Imst Wörgl und Lienz)  gibt es einen regelmäßigen standortübergreifenden Austausch, Klausuren, Fortbildungen und Supervision. Die Qualitätssicherung erfolgt über die Einhaltung der Qualitätskriterien durch die Mitarbeiter der Kinderschutzzentren unter Aufsicht und Begleitung durch die Fachbereichsleitung sowie der Fachaufsicht der Fachabteilung der Kinder- und Jugendhilfe des Landes Tirol.
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