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Reutte | Chronik | 9. Mai 2022 | Christine Schneider

Sag mir, wo die Kröten sind

Doch noch Krötenlaich gefunden. Die Babys sind schon geschlüpft.
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Wie wirken sich menschlicher Einfluss und Klimawandel auf die empfindlichen Tiere aus?

Frühling, die Zeit der Kröten- und Froschwanderungen. Auch am Urisee findet jährlich die Wanderung vom Wald zum See statt. Doch es sind immer weniger Amphibien zu beobachten. Wie sieht ihre Zukunft aus?
Von Christine Schneider.
Bei uns Naturführern sind die Frühlingsführungen mit Schulklassen  in vollem Einsatz. Darum machte ich mich vor ein paar Tagen auf, um zu sehen, wie weit die Entwicklung der schleimigen Freunde fortgeschritten ist. Das Wort schleimig soll bitte nicht missverstanden werden, denn ich schätze diese Tiere sehr. Doch, angekommen am Urisee, musste ich erst einmal den Kahlschlag der Bäume verarbeiten. Trauer und Beklemmung breiteten sich bei mir aus und ich dachte an all die Tiere, die frühzeitig aus ihrer Winterstarre gerissen,  durch die Baumfällarbeiten aufgeschreckt, zertreten und von den Nestern verjagt wurden, als die Bäume fielen. Am Seeroseneck war es sehr still. Schon die letzten Jahre habe ich den Rückgang an Krötenlaichschnüren an den Wasserpflanzen und Froschlaichballen knapp unter der Wasseroberfläche beobachtet. Doch dieses Jahr konnte ich erst einmal überhaupt nichts wahrnehmen. Auch weiter hinten am Schilf und in der Nähe der Badeanstalt, auf der Taucherplattform ... nichts zu sehen.
Trotzdem ging ich am nächsten Tag mit einer Reuttener Schulklasse hinauf zum See, weil sie es wollten. Mindestens eine halbe Stunde brauchen wir dorthin, wenn die Kinder sehr gut drauf sind. Am Steg haben wir über die Frösche und Kröten gesprochen und ein kleines Wunder geschah: Die Kinder sahen zwei Krötenpärchen, die sich verschreckt bei der riesige Schraube versteckten, die herausgerissen unter Wasser lag.

FROSCHBIOLOGIE.
„Warum sitzen die denn aufeinander“, fragten die Kinder. „Ja, wisst ihr“, erklärte ich, „die Kröten und Frösche verbringen den Winter im Wald. Sie vergraben sich im Laub und fallen in die Winterstarre. Erst wenn im Frühling die Sonne das Laub wärmt und alles taut, erwachen auch sie aus der Starre. Sie krabbeln heraus und die Männchen fangen an zu rufen, auf der Suche nach einem Weibchen. Haben sie dann eines gefunden, klettert der viel kleinere Mann – so schnell er kann – auf den Rücken der ausgewählten Dame und krallt sich fest. Immer wieder versuchen andere Männchen, ihn herunterzuschubsen und selbst den Platz auf dem Rücken einzunehmen. Denn, wie alle guten Männer wollen sie ihr eigenes Ebenbild fortpflanzen.“
Dann dürfen die Kinder sich auch jemanden aussuchen, den sie dann eine Runde huckepack tragen. Und das gibt wiederum ein Riesengelächter. Die langbeinigen Tierchen mit den Glupschaugen wandern also mit Männchen auf dem Rücken den Wald hinunter bis zum See. Dort suchen sie sich einen ruhigen Platz – das war früher zum Beispiel der Seerosen- und Wasserpflanzenbereich, der aber jetzt, durch die gefällten Äste und trockengefallen, sehr nackt darniederliegt. Auch der Weg selbst wurde aufgegraben, Büsche wurden radikal gekürzt. Was die Tiere machen, wenn sie keinen geeigneten Platz mehr vorfinden, das weiß ich nicht. Doch, wenn sie es trotzdem schaffen, dann wickeln die Kröten ihre Laichschnüre um die Wasserpflanzen und die Frösche legen ihre Eier als Ballen ab, die alle von den Männchen bei der Ablage befruchtet werden. Wir sehen dann diese schönen Schnüre und Ballen mit einem runden schwarzen Ei und einer kugeligen Gallerthülle darum im seichten Wasser. Wenn sie Glück haben und nicht von Forellen gefressen werden, dann entwickeln sich daraus Millionen von Kaulquappen und dann die Frösche. Diesmal war es sehr still im Wasser, die Kinder fanden keine Kaulquappen, aber wenigstens ein paar Pferdeegel, die sich von Fischen ernähren.

WO SIND DIE FRÖSCHE HIN?
Doch für mich blieb die Trauer groß und so rief ich am nächsten Tag den Pächter des Urisees, Michael Kuen an, um herauszufinden, wo die Kröten und Frösche geblieben sind.  Ja, es sei noch kalt, ist von der Temperatur abhängig, aber Frösche seien da. Auf meine Frage, ob vielleicht ein zu hoher Fischbestand schuld sei meinte er: „Nein, der Fischbestand  ist immer gleich.“ „Und wo sind dann die Frösche“, wollte ich weiter wissen: „Ich weiß nicht, im tiefen Wasser vielleicht. Ein Taucher hat sie gesehen.“
Auch beim Reuttener Waldaufseher, Thomas Mutschlechner, habe ich angefragt, warum denn so viele Bäume gefällt wurden. Doch irgendwie war er ganz überrascht über meine Frage: „Welche Bäume denn? Meinst du die paar Bäumchen und Büsche? Ja, die mussten weg, damit der Bagger arbeiten kann. Und dann haben wir noch den Hubschrauberlandeplatz, der ja schon vorgesehen war, freigeschnitten.“ Irgendwie verständlich, da ja die Zahl der Badegäste, Taucher, Fischer, Familien, Stand-up-Paddler usw. jedes Jahr neue Rekorde erreicht.

MEINUNGEN.
Viele Einheimische gehen im Sommer nur noch am Morgen oder Abend zum Urisee, weil – wie Petra Dümmler – viele sagen: „Wir Einheimische haben es schon lange abgeschrieben, am Wochenende hinzugehen. Da sind so viele Familien von auswärts da. Es ist so viel los, weil man es im Internet bewirbt.“ Edeltraud Wöhry sagt: „Man soll endlich aufhören, alles so zu bewerben, dass es schlussendlich kaputtgemacht wird. Und das in einem Natura 2000 Gebiet. Ohne Rücksicht auf die Natur.“ Annette Prantl meint: „Es ist grausam, was da abgeschlägert wurde. Große, gesunde Bäume – ich sehe keinen Sinn darin. Es sollte ein Naturjuwel bleiben, und das ist es nicht mehr.“
Im Internet wird der Urisee auch für Fischer angepriesen. Florian Glaser vom Technischen Büro für Biologie meint dazu: „Für alle Amphibien ist ein hoher Forellenbestand kontraproduktiv. Bei denen gelten die Kaulquappen als Leibspeise. Bei normalem Fischbestand geht sich das schon irgendwie aus. Doch sind viele Forellen im Wasser, dezimieren sie die Erdkröte schon stark. Wenn es Grasfrösche im Urisee hat (das sind die braunen Frösche, die grünen sind die Laubfrösche) dann laichen die unmittelbar nach der Schneeschmelze ab und müssten jetzt schon groß sein. Doch es gibt noch einen anderen Grund, warum man generell immer weniger Amphibien findet“, sagt Florian Glaser: „Die Grasfrösche und Erdkröten sind in ganz Mitteleuropa rapide zurückgegangen. Es liegt an den  immer länger dauernden Trockenperioden.“ Ja, der Klimawandel macht diesen Tieren, die ja auf einen feuchten Boden und Wasser angewiesen sind, sehr zu schaffen. Vor Kurzem war ich noch einmal am Urisee. Die Regentropfen ziehen ihre Kreise auf der Wasseroberfläche. Und ganz versteckt, wo das Wasser ruhig ist, ein paar Wasserpflanzen zum Festhalten da sind, keine Bagger zerstörten,  da fand ich ein Krötenpärchen, unzählige winzige Kaulquappen und leeren Krötenlaich. Alles Gute für Euch! Und viel Glück! Damit die Kinder im nächsten Jahr sich paarende Kröten, Froschlaich und Kaulquappen in echt anschauen können. Zwei Fischer auf dem Steg meinen: „Hier ist es gut zu fischen. Wir haben bereits zwei Forellen und einen Barsch gefangen!“
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