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Reutte | Chronik | 15. März 2021 | Jürgen Gerrmann

Schweigen als Zeichen der Unruhe

Schweigen als Zeichen der Unruhe
Schweigender Protest mit Abstand und Maske: Auch vor der Breitenwanger Pfarrkirche wird Samstag für Samstag "Hoffnung für Flüchtlinge" eingefordert. RS-Foto: Gerrmann
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Hoffnung für Flüchtlinge Mahnwache
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Obwohl die Regierung hart bleibt, will Initiative „Hoffnung für Flüchtlinge“ nicht aufgeben

Woche für Woche, Samstag für Samstag für je eine Stunde schweigend dazustehen und mitansehen zu müssen, wie sich (bislang) nichts ändert – das ist nicht jedermanns Sache. Viele zermürbt oder frustriert das. Die Menschen, die sich in der Außerferner Initiative „Hoffnung für Flüchtlinge“ engagieren, ficht dies indes nicht an. Sie wollen nicht aufgeben. Und weiter durchhalten.
Von Jürgen Gerrmann.
Sieben Mahnwachen dieser Art (jeweils von 11 bis 12 Uhr) wurden mittlerweile in Breitenwang abgehalten, in Reutte gar acht - und ebenso viele in Ehrwald und Biberwier, wo man sich abwechselt. Auch Pinswang ist inzwischen als Stand-Ort hinzugekommen und die Aktion „über den Fernpass hinübergeschwappt“, wie Regina Karlen von der Initiative beim Besuch der RUNDSCHAU vor der Breitenwanger Peter-und-Pauls-Kirche berichtet: „Vor zwei Wochen sind Obsteig und Telfs hinzugekommen, vor einer dann Hall.“ Doch damit will man sich nicht zufrieden geben: „Bis Ostern soll es 50 Standorte geben.“ In Tirol hat man bislang schon rund ein Dutzend geschafft.

DASTEHEN UND HINSTEHEN.
Zusammen mit Heinz Kurz, Luis Oberer und Paul Mascher hat Regina Karlen diese Aktion ins Leben gerufen. Um Weihnachten gab es in Reutte, Lechaschau, Breitenwang und Wängle eine Zeltaktion, mit der an die Lebensbedingungen der Flüchtlinge auf der zu Griechenland gehörenden Insel Lesbos erinnert werden sollte. Nun möchte man mit den schweigenden Mahnwachen etwas bewirken – die Politik der Bundesregierung hat sich dennoch trotz Appellen von Bischöfen und Kommunalpolitikern keinen Millimeter verändert.
Gerät man da nicht in Versuchung, aufzugeben und alles hinzuschmeißen, weil es ja eh nichts bringt? „Nein“, sagt Regina Karlen: „Mir tut das auch in der Seele gut, dazustehen, hinzustehen und ein Zeichen zu geben, dass man diese Hartherzigkeit nicht akzeptieren darf. Unterlassene Hilfe ist eine Straftat – und wir hier werden gezwungen, nicht helfen zu dürfen!“ Wenn die Bundesregierung stets von „Hilfe vor Ort“ rede, sei das eine Farce. Österreich habe Zelte nach Griechenland geschickt, aber nur ein Drittel davon sei bis zum Gespräch mit der RUNDSCHAU vor Ort in Karatepe angelangt, der Rest liege in Containern herum: „Ich verstehe nicht, dass Außenminister Schallenberg und Finanzminister Blümel dies einfach so hinnehmen. Das ist doch unser Steuergeld, das da nicht ankommt.“ Aber immerhin seien im Außerfern bereits über 30 000 Euro gespendet worden, um die Not auf Lesbos zu lindern.

„PLATZ IN TIROL“.
Neben der Breitenwangerin stand beim Besuch der RUNDSCHAU Sozial-Landesrätin Gabi Fischer. Warum? „Ich will die Menschen im Außerfern unterstützen und ihnen Danke für das tolle Signal sagen, das sie hier setzen.“ Als da wäre? „So sind wir nicht – und wir haben Platz in Tirol!“ Natürlich sei es „sehr frustrierend“, nicht die Mehrheit in der Bundesregierung zu haben und als Grüne das strikte Nein der ÖVP zu einer menschlichen Lösung hinnehmen zu müssen: „Es macht einen unendlich betroffen, wenn man die Bilder von der schlimmen Situation und unglaublichen Brutalität gegenüber Kindern, Frauen, Männern, Schwangeren und alten Menschen sieht.“ Und dabei habe man in Tirol doch extra Plätze in Unterkünften frei gehalten, damit man just in solchen Situationen helfen könne: „Die stehen jetzt leer – und anderswo herrscht bittere Not.“ Von der berühmten „Hilfe vor Ort“ könne sie nichts erkennen. Diese Parole sei pure Ablenkung. Nötig sei aber ein Akt der Menschlichkeit: „Es ist ein Menschenrecht, an einem geschützten Ort sein zu können.“

DIE „URSACHENBEKÄMPFUNG“.
Diese Menschlichkeit fordert Dekan Franz Neuner nicht erst jetzt, sondern schon Jahre lang immer und immer wieder ein. Ja, oft könne man das Gefühl haben, überfordert zu sein, weil eh nichts ausrichte. Und die weltweiten Fluchtbewegungen seien ja auch ein vielschichtiges Problem: „Alles hängt mit allem zusammen.“ Wer ständig von „Ursachenbekämpfung“ rede, müsse da auch Armut, Hunger, Krieg, Gewalt und Vertreibung angehen und sich der Frage stellen, wie man zu einer gerechten Verteilung der Güter auf dieser Welt und der Bewahrung des Friedens gelange.
Vom christlichen Verständnis müsse man die aktuelle Lage so sehen: „Jeder, der Hilfe braucht, muss Hilfe bekommen. Davon sind wir geleitet.“ Seit 2015 existiere in Österreich und in Tirol eine Infrastruktur, in der Platz wäre, um diese Hilfe zu leisten. Und dennoch werde nichts getan: „Das ist ebenso schwer nachvollziehbar wie die Sonderrolle, die Österreich in dieser Sache einnimmt. Hier geht es nicht um Gefälligkeiten. Die Aufnahme von Flüchtlingen fußt auf rechtlichen Vereinbarungen.“ Die gesamte EU sei gefordert, diese endlich auch durchzusetzen. Er sei allen wirklich dankbar, die vor Ort auf Lesbos zu helfen versuchten: „Aber das ist angesichts des unsagbaren Elends und der psychischen Verfassung von Kindern und Jugendlichen nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Es gebe nur eine Lösung: „Evakuierung. Und zwar sofort, ehe die Menschen dort zugrunde gehen.“ Neuner weiß auch, dass die Meinungsumfragen immer noch die Politik von Kanzler Sebastian Kurz stützen: „Aber der Anteil, der helfen will, ist inzwischen so groß, dass eine Regierung nicht mehr darüber hinweg sehen und hinweg gehen kann.“ Jesu Gleichnis vom barmherzigen Samariter ermutige, keine Ruhe zu geben: „Und diese schweigende Mahnwache ist ein wichtiges Zeichen, das hoffentlich immer lauter wird...“ 
 
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