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Reutte | Chronik | 7. Juni 2021 | Jürgen Gerrmann

„Warum wehrt sich niemand?“

„Warum wehrt sich niemand?“
Wenn es nach dem Willen der Franziskaner geht, soll das Paulusheim an eine Innsbrucker Immobilienfirma verkauft werden. Nicht alle sind freilich davon begeistert.   
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Reuttes Historiker Richard Lipp ist entsetzt über den geplanten Verkauf des Paulusheims

Wäre er ein Mitglied des britischen Königshauses, müsste man wohl sagen: Richard Lipp ist „not amused“. Etwas volkstümlicher ausgedrückt: Er hat einen ziemlich dicken Hals. Was ihn auf die Palme bringt? Der Verkauf des Paulusheims am Reuttener Isserplatz. Dass die Franziskaner die traditionsreiche Begegnungsstätte an die Plus Immobilien GmbH mit Sitz in Innsbruck veräußern wollen, empört den Historiker der Marktgemeinde zutiefst.
Von Jürgen Gerrmann.
Selbst wenn der Orden das gesetzliche Recht auf seiner Seite haben mag (weil sie eben im Grundbuch stehen) – das moralische besitze er auf keinen Fall, grollt Lipp und erklärt dies mit einer Rückblende auf die unmittelbare Nachkriegszeit, in der das Zentrum der katholischen Kirchengemeinde entstand.

Ein Blick in die Bauzeit.
Reutte sei 1945 zur selbständigen Pfarre erhoben worden, nachdem es die Jahrhunderte zuvor zur Breitenwang gehört habe. Bereits während des Krieges habe der Innsbrucker Bischof Paul Rusch dieses Projekt verfolgt, die Kontakte mit den Franziskanern aufgenommen und ihnen die Seelsorge dort angetragen – was die auch angenommen hätten. Zu einer Pfarre gehörten aber auch pfarrliche Einrichtungen – wie eben ein Pfarrheim. Nun gelte es zu berücksichtigen, dass diese Pfarre wie auch der Franziskanerorden, der von 1627/28 bis 2013 in Reutte gewirkt habe, jeweils selbstständige öffentlich-rechtliche Körperschaften seien. Das Pfarrheim habe aber zur Pfarre gehört, für die es auch erbaut worden sei. Die Idee habe es schon lange gegeben, aber als dann die Diözese Innsbruck einen Zuschuss von 600.000 Schilling (laut „historischem Währungsrechner“ wären das heute, grob überschlagen und mit Vorsicht zu genießen, gute 300.000 Euro) zugesagt habe, gab (so Lipp) „die Großzügigkeit des Bischofs den Ausschlag“, 1959 ans Werk zu gehen. Zumal das Vorhaben auch rege Unterstützung in der Bevölkerung genoss: Dr. Robert Thyll und dessen Frau Lina von den Reuttener Textilwerken stifteten 500.000 Schilling, das Metallwerk Plansee 100.000 öS, die Marktgemeinde Reute 170.000 öS. Menschen aus dem Außerfern kauften zudem Bausteine für 100.000 Schilling, bei einer spontanen Sammlung kamen weitere 70.000 zusammen.

Wer hat mitgeholfen?
Hinzu kommt für den Historiker noch ein weiterer ganz wesentlicher Aspekt: „Die Reuttener haben in großem Umfang Fronschichten geleistet.“ Also unentgeltlich angepackt, um dieses Gemeinschaftswerk zu schaffen: „Manche davon leben heute noch. Die sollen sich bei mir melden“, bittet Lipp. Denn schließlich sind Zeitzeugenberichte aus jenen Jahren auch historisch von großem Interesse.Zum Bauauschuss hätten damals außer Pater Wigbert Durer als Vertreter der Franziskaner, der Bezirkshauptmannstellvertreter Dr. Josef Kasseroler, Artur Zangerl vom gleichnamigen Schuhhaus und Uhrmachermeister Franz Seitz (der auch die Tränkekirche auf den Weg brachte) als Repräsentanten der weltlichen Seite gehört – auch dies zeige, wie sehr dieses Projekt in der Bevölkerung verankert gewesen sei.
Zum Christkönigstag 1961 sei das Pfarrheim von Bischof Paul Rusch eingeweiht worden – und deswegen trage es ja auch dessen (Vor-)Namen. Schnell habe ein reges Leben dort geherrscht: Im großen Saal habe es Ausstellungen und Theateraufführungen gegeben, im ersten Stock habe sich die Jugend getroffen, auch im Erdgeschoss seien die Räume für die Jungschar und den Kirchenchor gut ausgelastet gewesen (im zweiten Stock wurde damals eine Wohnung eingerichtet). Dass all das nun mehr oder minder stillschweiged aufgegeben werden solle, kann Richard Lipp einfach nicht fassen: „Ich vermisse den Aufschrei der katholischen Pfarre Reutte und deren Gremien.“ Die Franziskaner hätten seines Wissen keinen Groschen zu diesem Bau beigesteuert: „Nur den Grund.“ Die einstigen Bettelmönche seien aus seiner Sicht zu „geldgierigen Millionären“ avanciert. Denn, wenn ihnen die 700.000 Euro, die ihnen die Marktgemeinde Reutte für dieses Objekt geboten habe, nicht genug seien, dann könne nur „pure Geldgier“ dahinter stecken. Aus seiner Sicht räche sich nun, dass man beim Weggang der Franziskaner die Dinge nicht sauber getrennt habe: „Kirche und Pfarrheim hätten im Grundbuch auf die Pfarre umgeschrieben werden müssen – für den symbolischen Betrag von 1 Euro.“ Dass dem Orden 700.000 Euro für eine Immobilie, auf die man moralisch nur einen höchst fragwürdigen Anspruch habe, zu wenig seien, will Lipp einfach nicht fassen.

Hoffnung auf den Bischof.
Eine große Hoffnung hegt der Historiker dennoch: „Der Orden braucht die Zustimmung des Bischofs, um einen rechtsgültigen Verkauf abschließen zu können. Und ich will mir nicht vorstellen, dass Hermann Glettler tatsächlich die Zustimmung zu so etwas geben könnte.“ Schließlich habe die Pfarre das Paulusheim errichtet und die Diözese es zum Großteil finanziert. Auch dass der Käuferfamilie eine Nähe zur Freikirche nachgesagt wird, stößt bei Lipp nicht gerade auf hellste Begeisterung. Und er fragt sich: „Was tut die Pfarre Reutte ohne Pfarrheim? Wo kann zum Beispiel das Katholische Bildungswerk seine Veranstaltungen abhalten? Wo finden künftig Basare und ähnliches statt? 1950 hieß es, ein Pfarrheim werde dringend gebraucht – gilt das heute nicht mehr?“ Und schließlich: „Warum wehrt sich hier niemand?“
Mit dem beabsichtigten Verkauf des Paulusheims zeigten die Franziskaner, dass sie keinerlei Rücksicht auf die religiösen Notwendigkeiten der Pfarre nähmen: „Zu ihrem Weggang kommt nun noch das Verscherbeln dieser wichtigen Einrichtung.“ Und mit der Verbindung des Paulusheims zum Klostergarten klopfe schon das nächste Problem an die Tür. Aber immerhin stehe ja der Bischof im Kirchenrecht noch über dem Orden. Und daraus schöpft Lipp noch eine gewisse Zuversicht: „Ich hoffe, dass das nicht einfach so durchgewunken wird – und auch darauf, dass die Reuttener sich endlich dagegen wehren werden. Schließlich habe auch ich einen Teil meiner Jugend im Paulusheim verbracht.“
 
„Warum wehrt sich niemand?“
Wie kein anderer kennt Dr. Richard Lipp sowohl die kirchliche als auch die weltliche Geschichte Reuttes und hat dazu viele Akten gewälzt. Dass das Paulusheim nun „verscherbelt“ werden soll, empört ihn.
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