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Reutte | Chronik | 26. April 2021 | Jürgen Gerrmann

Widerstand gegen Logistikzentrum

Widerstand gegen Logistikzentrum
Auf dieser Wiese neben der Tankstelle Gutmann will die Marktgemeinde Reutte ein Logistikzentrum errichten lassen. In unmittelbarer Nähe befindet sich das Breitenwanger Wohngebiet Kreckelmoos. RS-Foto: Gerrmann
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Das Projekt der Firma Gebrüder Weiss an der Reuttener Umfahrung hat nicht nur Befürworter

Der Boden ist ein knappes Gut. Nicht zuletzt in einem von Bergen geprägtem Land wie Tirol. Kein Wunder also, dass immer weniger verstehen, dass Österreich „Europameister“ in Sachen Flächenverbrauch ist – und nun auch dagegen protestieren. Ein ebenso aktuelles wie brisantes Beispiel dafür ist das im Außerfern geplante Logistikzentrum, gegen das nun massiver Gegenwind aufgekommen ist.
Von Jürgen Gerrmann.
Reuttes neuer Bürgermeister, Günter Salchner, hätte sich gewiss eine ruhigere erste Amtsphase vorstellen können, als mit einer solchen Debatte zu starten, die sich auch um seine Glaubwürdigkeit in Sachen Umwelt- und Klimaschutz dreht.

Gewerbe und Wohnen nebeneinander?
„Ich kann mir nicht erklären, warum er nun genau das Gegenteil von dem macht, wofür ich ihn bei der REA immer sehr geschätzt habe“, sagt zum Beispiel Walter Hackl. Dem Altbauer vom Tauernhof und langjährigen Breitenwanger Vize-Bürgermeister ist das neue Logistikzentrum, das von der Speditionsfirma Gebrüder Weiss mit Sitz in Lauterach in Vorarlberg neben der Gutmann-Tankstelle an der Reuttener Ortsumfahrung geplant ist, ein gewaltiger Dorn im Auge. Und er will das nicht einfach so hinnehmen. Seit 1994 saß er im Breitenwanger Gemeinderat, hat sich indes vor kurzem zurückgezogen, um einem Jüngeren die Chance zu geben, sich einzuarbeiten: „Ich wollte mich eigentlich zur Ruhe setzen. Aber jetzt werde ich doch noch mit aller Kraft gegen dieses Ding kämpfen.“ Dies auch, weil ihm Breitenwangs Bürgermeister Hanspeter Wagner („mit ihm habe ich jahrelang bestens zusammengearbeitet“) in dieser Sache viel zu passiv sei: „Ich wünsche mir eine aktivere Rolle gegen dieses Irrsinns-Projekt.“ So wie damals etwa, als Breitenwang sogar mit einem Rechtsanwalt gegen die Gutmann-Tankstelle vorgegangen sei – und immerhin eine geringere Dimension und den bestehenden Lärm- und Sichtschutz herausgeholt habe. Die viel beschworene „gute Nachbarschaft“ der Kommunen sei eben im Laufe der Geschichte nicht durchgängig auch gelebte Praxis gewesen: „Die Krux ist halt, dass das Gewerbegebiet weit außerhalb Reut-tes liegt – aber unmittelbar neben dem Breitenwanger Wohngebiet Kreckelmoos.“ Vorletzte Woche habe sich der Bauausschuss der Gemeinde Breitenwang sogar damit befasst, ob das neue Logistikzentrum an das Breitenwanger Kanalnetz angeschlossen werden könne, da dies billiger sei. Das werde nun geprüft, sei zwar nicht beschlossen, aber auch nicht grundsätzlich abgelehnt worden, wie er aus sicherer Quelle erfahren habe: „Das Problem ist, dass man im Vorfeld dieser Projekte so gut wie gar nix erfährt und als Anrainer kaum Chancen hat, noch etwas zu verändern.“ Der Widerspruch, dass Reuttes Bürgermeis-ter Salchner prinzipiell lobenswerte Aussagen zum Umwelt- und Klimaschutz tätige, aber es dann auch möglich  mache, für gerade einmal drei Arbeitsplätze 10.000 Quadratmeter wertvolles Grünland zu opfern und dadurch rund 25.000 Lkw-Fahrten in Kauf zu nehmen, „ärgert mich maßlos“, sagt Hackl weiter, der sich bei den Zahlenangaben auf die Aussagen eines Vertreters der Firma während dieser Bauauschusssitzung beruft.

Immer mehr LKW.
Schon jetzt habe man weit mehr Lkw-Fahrten auf der Kreckelmooser Straße, als beim Bau der Tankstelle versprochen. Es sei nämlich doch genau so gekommen wie befürchtet, was aber stets bestritten worden sei: Aus Richtung Deutschland kommende Lkw bögen an der Anschlussstelle Reutte Süd von der B179 ab, machten kehrt, um zu tanken und führen dann wieder zurück Richtung Katzenberg. Verwunderlich sei das nicht: „Die Frächter haben ja Verträge mit den Tankstellen, und die Fahrer sind angehalten, sich auch dort den Tank auffüllen zu lassen.“ Zudem drohe durch das neue Logistikzentrum eine Aushebelung des sektoralen Fahrverbots: Der europaweite Transit zähle dann plötzlich als Ziel- und Quellverkehr, wenn man eine Destination im Außerfern angebe. Hackls Fazit: „Da redet man ständig von Nachhaltigkeit, Klima-, Natur- und Umweltschutz und zerstört dann 10.000 Quadratmeter bestes Grünland für nix und wieder nix. Niemand, der Verantwortung für die Zukunft fühlt, kann dem eigentlich zustimmen.“

Zunehmende Anwohnerklagen.
„Einfach ein Wahnsinn“, ist das Projekt auch für Brigitte Hofherr, die jenseits der Straße wohnt. Im Moment sei die Lebenqualität dort zwar erträglich – aber nur durch Corona. Ansonsten leide man unter einer massiven Verschlechterung. Die Lärmschutzwände an der B179 seien zu niedrig („Die Lkw schauen darüber hinaus“), auch auf der Kreckelmoosstraße habe die Belastung durch Berufsverkehr, den Ausflugs- und Motorradtourismus zum Plansee, die Erdaushubtransporte per Lkw und die tankenden Lastwagen massiv zugenommen: „Und ein Logistikzentrum, das außerdem noch einer riesigen Amphibienwanderung im Wege steht, setzt all dem noch die Krone auf!“ Sie frage sich, warum sich die Gemeinden Reutte und Breitenwang nicht im Interesse der Menschen, die dort wohnten, zusammensetzten: „Wir haben einen wunderschönen Garten, aber können den immer weniger nutzen.“ Es sei in der Politik immer so viel von Klimazielen und dem Umweltschutz die Rede. Aber in der Praxis würden all die hehren Worte ignoriert: „Gemacht wird genau das Gegenteil. Es wird alles zugebaut, verdichtet, die Luft verpestet, und die Logistik zieht immer mehr Lkw ins Außerfern. Wir leben, als gäb’s kein Morgen mehr.“

Kritik vom Transitforum.
Aus Sicht von Fritz Gurgiser, dem Obmann des Transitforums Austria-Tirol, dienen Logistikzentren ebenfalls dazu, als Ziel- und Quellverkehr Fahrverbote „legal“ zu umgehen. Was die Regionen heute brauchten, seien gerecht bezahlte Produktionsarbeitsplätze, von denen Familien leben könnten, ohne parallel dazu am Sozialtropf zu hängen – und, ohne dass die Frauen in Billigjobs „dazu verdienen“ müssen. Logistikzentren dienten der „uralten ,Verkehr ist Leben-Philosophie’“.
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