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Reutte | Chronik | 4. Jänner 2021 | Johannes Pirchner

Zelte vor den Kirchen erinnern an die Not

Zelte vor den Kirchen erinnern an die Not
Vor der Pfarrkirche in Reutte erinnert das Transparent an das Elend.
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Außerferner Initiative für Flüchtlinge will das Elend auf Lesbos lindern

Die Diskussion um die Aufnahme von Flüchtlingskindern und Flüchtlingsfamilien aus dem Lager Moria von der griechischen Insel Lesbos spaltet seit Monaten die Gemüter in der Republik Österreich. Eine große Koalition der Willigen hat sich gebildet und appelliert an die Bundesregierung, also an die türkise Bundes ÖVP, endlich Familien, alleinstehende Frauen und unbegleitete Kinder aufzunehmen.
Von Johannes Pirchner.
Auch im Bezirk Reutte setzt sich die „Initiative für Flüchtlinge“ und die Kirche für eine Aufnahme von Flüchtlingen vor Ort ein. Aber, wie sieht der Alltag auf Lesbos aus und warum fliehen Menschen eigentlich?

Die Zustände.
Ein besonderes Weihnachtsfest und ein besonderer Jahreswechsel liegen hinter uns. Jedoch sind die Vorzeichen gut, dass im Sommer 2021 eine weitgehende Normalität in Europa einkehren wird. Trotz aller Entbehrungen sind die Probleme der Erde nicht kleiner geworden. Armut und Krankheit sind allgegenwärtig. Jedoch haben sich viele Menschen ihre weihnachtliche Freude nicht nehmen lassen und sind zum Einkaufen gefahren oder haben unter strengsten Schutzbestimmungen Weihnachtsgottesdienste gefeiert. Beim Einkaufen im Obermarkt, beim Besuch lieber Verstorbener auf dem Dekanatsfriedhof Breitenwang, beim Überqueren der Lechbrücke in Lechaschau und beim Kirchenbesuch in Wängle: überall stehen große Zelte, die an das menschenunwürdige Flüchtlingselend erinnern. Man stelle sich nur einmal die Zustände in diesen Lagern vor. Nur einmal am Tag gibt es eine Essensausgabe, bei Regen werden die Unterkünfte überflutet und versinken im Schlamm. Kaum Duschen, fast keine Toiletten, Stromausfälle, von Heizungen ganz zu schweigen und eine steigende Kriminalität im Lager. Das Wimmern von Kleinkindern, hoffnungslose Mütter und verzweifelte Väter; sie können nichts tun, außer auf einen Bescheid zu warten. Der Stall von Bethlehem ist dagegen das Imperial in Wien. Dazu leiden die Flüchtlinge noch an der Corona Epidemie und müssen in ihren bescheidenen, nassen, kalten Unterkünften sitzen bleiben. Wer sich gerne ein Bild von den Unterkünften dieser Flüchtlinge macht, kann vor den Ortskirchen die nachgebauten Zelte besichtigen.

Warum flieht ein Mensch?
Kein Mensch flieht, weil er in Europa eine Mindestsicherung bekommt. Politische oder rassistische Verfolgung sind die Hauptursachen. Zwei österreichische Schicksale sind stark mit Verfolgung, Flucht und Fluchtursachen verbunden. Die Hauptursache, warum ein Mensch flieht, ist die politische oder die religiös-ethnische Verfolgung dieser. Als 1938 in Österreich die Hitlertruppen einmarschierten, wurde sofort nach den Spitzen der politischen Elite gefahndet, diese wurden in Konzentrationslager verschleppt. Einer dieser sofort politisch Verfolgten war der damalige niederösterreichische Bauernbundobmann und spätere Nachkriegskanzler Leopold Figl. Von den Nationalsozialisten wurde Figl zwischen 1938–1945 schwer misshandelt, er wurde geschlagen, geprügelt und unter unmenschlichen Bedingungen in Einzelhaft gesperrt. Man wollte ihn brechen, letztlich saß Leopold Figl in der Todeszelle. Nur wegen der Kriegsniederlage des Dritten Reichs überlebte Figl schwer gezeichnet und wurde der erste gewählte Bundeskanzler der zweiten Republik. Mit seiner Weihnachtsansprache von 1945 rührt er bis heute Generationen von Österreichern und ist wegen seines Einsatzes für den Staatsvertrag bis heute einer der beliebtesten Politiker aller Zeiten. Derzeit wird sogar die Seligsprechung Figls diskutiert. Er starb 1965 im Alter von 62 Jahren – auch an den Folgen der schweren Misshandlungen im KZ. Damals wie auch heute wurden bzw. werden an den Menschen unvorstellbare Grausamkeiten verübt. Das Schicksal der Verfolgung Figls sollte sich jeder vor Augen führen, der Flüchtlinge gern als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnet. Dies droht nämlich den Geflüchteten in Syrien, Afghanistan usw. Einem anderen späteren Bundeskanzler, dem Verfolgung ebenso drohte, war der spätere SPÖ-Kanzler Bruno Kreisky. Kreisky war gleich doppelt gefährdet, zum einen wegen seiner Tätigkeit in der SPÖ, zum anderen wegen seiner jüdischen Abstammung. Auch Kreisky hätten Misshandlung, Arbeitsdienst und letztlich die Vergasung in Mauthausen oder Auschwitz gedroht, wie den vielen anderen Menschen, die dem verbrecherischen Naziregime zum Opfer gefallen sind. So floh er nach Schweden. Kreisky hat sich in Schweden übrigens perfekt integriert, hat eine Schwedin geheiratet, die Sprache gelernt und sich in der Nachkriegszeit für das kriegszerstörte Nachkriegsösterreich eingesetzt. Er kehrte in den fünfziger Jahren nach Österreich zurück. So sind die Hauptfluchtursachen religiöse und politische Verfolgung.

Hilfe zulassen.
Die Außerferner Flüchtlingshilfe hat sich zum Ziel gesetzt, eine angemessene Zahl von alleinstehenden Flüchtlingsfrauen mit Kindern aufzunehmen und ihnen damit Schutz und Hoffnung zu geben. Zu den Initiatoren dieser Initiative gehören: Reuttes Bürgermeister Louis Oberer, der Bürgermeister von Biberwier, Regina Karlen und Heinz Kurz. Es ist keine politische Initiative und man fühle sich auch keiner Partei verpflichtet. Es geht um die Werte des aufgeklärten Europas und des eigenen Gewissens. Auch die höchsten Stellen der Republik wurden im vergangenen Jahr von der Initiative kontaktiert, bis jetzt noch mit bescheidenem Erfolg. Jedoch gibt es Hoffnung für die Außerferner Initiative und die Geflüchteten. Wer auch nicht länger tatenlos zusehen möchte, kann seine Zustimmung durch Unterschrift auf das Grundsatzpapier der Initiative bekunden und sich freiwillig an der Aufbringung von finanziellen Mitteln beteiligen. Aber nicht nur im Bezirk Reutte, sondern auch österreichweit ist in dieser Frage einiges in Bewegung. Bundespräsident Alexander van der Bellen und der grüne Vizekanzler Werner Kogler setzen sich offenkundig für die Aufnahme von Flüchtlingen ein. Im Parlament setzen sich Sozialdemokratie und NEOS für Aufnahme ein. Auch die Bundesländer Wien und Kärnten wären bereit, sofort zu helfen und Kinder aufzunehmen. Auch viele Gemeinden auf kommunaler Ebene, darunter auch viele ÖVP-geführte Gemeinden erklären sich österreichweit zur Aufnahme bereit. Auch die katholische Kirche, die Caritas, Ärzte ohne Grenzen, das Rote Kreuz und viele weitere setzen sich für die Aufnahme ein. Es bleibt zu hoffen, dass die neue türkise Volkspartei ihre Position überdenkt und sich vielleicht wieder mehr auf ihre schwarzen christlich-sozialen Wurzeln zurückbesinnt.
Zelte vor den Kirchen erinnern an die Not
Vor der Dekanatspfarrkirche und anderen Kirchen waren Flüchtlingszelte aufgestellt. RS-Fotos: Pirchner
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