Rundschau - Oberländer Wochenzeitung
Reutte | Chronik | 14. Dezember 2020 | Jürgen Gerrmann

Zwei Augen in einem Buch

Im Gewand der Äbtissin sowie eine auf zwei Augen gerichtete Hand: So wird die Heilige Ottilie zumeist dargestellt – auch in der Kapelle auf dem Feld bei Lechaschau. RS-Fotos: Gerrmann
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Die Ottilienkapelle bei Lechaschau ist der Schutzpatronin des Elsass geweiht

Sie sind in der Regel klein und unscheinbar, aber sie prägen das Außerfern auf eine sanfte und dennoch eindrucksvolle Art: die Kapellen in den kleinen Dörfern und am Wegesrand. Mancher beachtet sie gar nicht, obwohl sie so viel zu erzählen haben. Die Legenden zu den Heiligen, denen sie geweiht wurden, spiegeln auch die Freuden und Sorgen der Menschen wider, die dereinst hier lebten. Die RUNDSCHAU hat einige von ihnen besucht und hat der Geschichte ihrer Namensgeber nachgespürt. Heute geht’s zur Ottilienkapelle.
Von Jürgen Gerrmann.
Lange war sie versperrt. Aber wer in den vergangenen Wochen an der Ottilienkapelle zwischen Lechaschau und Wängle vorbeispazierte oder -radelte und genau hinschaute, der sah: Die provisorische Brettertür am Eingang ist weg, das Innere des kleinen Gotteshauses erstrahlt in neuem Glanz. Auch wenn Corona eine offizielle Einweihungsfeier noch verhindert hat, so lässt sich schon jetzt sagen: Die heimelige Atmosphäre hier geht regelrecht zu Herzen. Über die Ursprünge des Kirchleins ist gar nicht so viel bekannt. Vor 400 Jahren wurde es erstmals als zur Pfarre Wängle gehörig erwähnt, wie lange es schon stand, das liegt im Dunkeln. Auf jeden Fall vergrößerte man es im Jahre 1893.

DES HERZOGS TOCHTER.
Mehr Klarheit herrscht über die Frau, der die Kapelle geweiht ist. Im Vergleich zu anderen Heiligen weiß man über sie sogar außerordentlich viel. Und: Es handelt sich nicht um eine Sagengestalt, sondern um einen Menschen, der auch in der Geschichte seine Spuren hinterlassen hat. Übrigens: Am Sonntag hatte sie Namenstag. Dass ihrer aus diesem Anlass nicht nur in der katholischen, sondern auch in der orthodoxen und der evangelischen Kirche gedacht wird – schon allein das zeugt davon, welche herausragende Bedeutung diese Heilige hat. Vor allem in ihrer Heimat, im Elsass. Seit dem 5. Juli 1931 wird im Kloster Odilienberg, dessen Geschichte auf die Herzogstochter zurückgeht, Tag und Nacht vor dem Allerheiligsten Anbetung gehalten. Dabei wechseln sich in jeder „Schicht“ rund zwei Dutzend Frauen und Männer aus dem Elsass ab. Es gibt übrigens auch einen Bezug zu Österreich: Die Habsburger, deren Stammsitz ja im heutigen Schweizer Kanton Aargau (also ganz in der Nähe des Elsass) liegt, sehen den Herzog Eticho als ihren Stammvater an.

JÄHZORNIGER VATER.
Der hatte indes nicht nur gute Seiten. Laut Ökumenischem Heiligenlexikon ließ er nämlich den ebenfalls später heilig gesprochenen Germanus von Granfelden, den Abt des Klosters Grandval (im Münstertal bei Basel), umbringen, weil dieser es gewagt hatte, dagegen zu protestieren, dass der Alemannen-Herrscher „Arme, Kirchen und Klöster“ (in dieser Reihenfolge) beraubte. Nach unterschiedlichen Quellen sollte das 666 oder 675 der Fall gewesen sein.
Zu dieser Zeit war Etichos Tochter Odilia (Ottilie ist die neudeutsche Version ihres Namens) bereits geboren. Aber laut der Legende störte es den Vater, dass sie blind war. Auch hier wollte er kurzen Prozess machen und sie umbringen lassen. Ihre Mutter Berswinde übergab das Baby allerdings an eine Amme, die es im Kloster Palma (man vermutet dahinter das heutige Baume-les-Dames am Doubs bei Besançon) unterbrachte. Ein Engel soll Wanderbischof Erhard von Regensburg dann dorthin geschickt haben, um Odilia zu heilen und sie auch zu taufen. Den Vater freute das indes nicht: Als sein Sohn Hugo seine Schwester wieder nach Hause holte, ärgerte ihn das so, dass er ihn totschlug – nachdem Odilia ihren Bruder wieder zum Leben erweckt hatte, musste sie erneut fliehen. Der Vater hetzte ihr hinterher, die Tochter wurde gerettet, als sich in der Nähe der heutigen Ottilienkapelle bei Freiburg ein Felsspalt auftat, der ihr Schutz bot, und zugleich herabstürzende Steine den Verfolger schwer verletzten.
Als der Vater älter und schwer krank wurde, ereignete sich dann etwas, was in vielen Heiligengeschichte eine große Rolle spielt: die Liebe zu denen, die einem Übles woll(t)en. Auf dem Hohenberg (wo die Burg des Vaters stand) gründete sie ein Frauenkloster (vermutlich das erste im Elsass) und dort pflegte sie ihre Eltern bis zum Tode. 
„Stadlers Vollständiges Heiligenlexikon“ aus dem Jahre 1861 berichtet: „Handarbeit und Psalmengesang, besonders aber Pflege der Armen und fromme Liebeswerke gegen die Leidenden war die tägliche Arbeit der Klosterfrauen.“ Denen wollten es viele gleichtun. 130 Schwestern sollen dort gelebt haben. Stadler schreibt auch davon, dass der Dienst an den Armen und Pilgern durch die Höhe des Berges (mit 763 Metern für Tiroler Verhältnisse indes nicht gerade grandios, aber immerhin knapp 300 Meter über dem Tal) beeinträchtigt wurden, und Odilia deswegen ein zweites Kloster in der Ebene erbauen ließ: Niedermünster. Dort starb sie dann auch um 723. Da auch ihr Geburtsjahr nicht exakt feststeht, kann man ihr Alter nur schätzen: gut 60 war sie wohl bei ihrem Tod.


 
Zwei Augen in einem Buch
Von den verschiedensten Seiten blicken einen in der Ottilienkapelle Engel an.
BÄRENHAUT ALS BETT. 
Der bayerische Theologe Stadler beschreibt den Alltag Odilias so: „Die heilige Äbtissin führte bei aller äußern Thätigkeit und innern Geistessammlung ein strenges Leben. Sie aß, Festtage ausgenommen, nur Gerstenbrot und Gemüse, ihr Bett war eine Bärenhaut, ihr Kopfkissen aus Stein. Sie trank gewöhnlich nur Wasser, viele Stunden der Nacht widmete sie dem Gebete.“ 
Auch von vielen Wundern berichtet Stadler: „Eines Tages hat sie einen Aussätzigen durch Berührung geheilt. Ebenso vermehrte sie einst zu Gunsten der Armen an der Klosterpforte den noch vorhandenen geringen Weinvorrath. Ein anderes Mal entsprang auf ihr Gebet plötzlich eine Quelle aus dem harten Felsen, wovon sie einen Durstigen laben konnte.“
An diesem Odilienbrunnen, wie er später genannt wurden, soll sich anderen Überlieferungen zufolge auch die Heilung von ihrer Blindheit ereignet haben.
Aufgrund ihrer Lebensgeschichte verwundert es nicht, dass Ottilie besonders bei Augenleiden um Hilfe angerufen wird. Aber auch bei Ohren- und generell Kopfschmerzen bittet man sie um Hilfe. Als Schutzpatronin ist sie nicht nur für die Blinden, sondern auch für die Weingärtner zuständig. Und natürlich für das ganze Elsass. Im Mittelalter zählte Odilia zu den am meisten verehrten Heiligen, noch heute gilt „ihr“ Berg zu den bedeutendsten Wallfahrtsorten Frankreichs. Jedes Jahr pilgern (mal abgesehen von Corona-Zeiten) rund zwei Millionen Menschen dorthin.

UNTER DENKMALSCHUTZ.
So viel sind es auf dem Feld zwischen Lechaschau und Wängle zwar (gottlob) nicht. Aber wer in die unter Denkmalschutz stehende Kapelle geht, wird sich dennoch berühren lassen können – nicht zuletzt wegen des Altarbilds, in dem sie auf die zwei Augen (ihre Haupt-Attribute) in einem geöffneten Buch blickt, sondern auch wegen der Schablonenmalereien mit wunderschönen Elementen und vielen Engeln, die einen immer wieder anblicken.
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