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Reutte | Kultur | 15. November 2022 | Von Jürgen Gerrmann

Am richtigen Platz

Am richtigen Platz
Viel Beifall gab es am Freitag für Liselotte Paulmichl, die in Reuttes Bücherei ihr neues Buch „Von der Hochalm zum Lehrerpult“ präsentierte – und  für ihren Mann, der mit seiner Ziehharmonika ebenfalls für Kurzweil sorgte.   RS-Foto: Gerrmann
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Reutte  Von Jürgen Gerrmann
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Liselotte Paulmichl präsentierte in der Bücherei Reutte ihr neues Buch

Krieg, Corona, Korruption, Inflation: Negative Dinge dominieren nun schon jahrelang die Schlagzeilen. Vielleicht liegt der Ansturm, über den sich am Freitagabend die Bücherei Reutte freuen konnte, ja genau daran. Bei Liselotte Paulmichls Präsentation ihres neuen Buches konnte man auf jeden Fall über zwei Stunden hinweg in eine heile Welt eintauchen.
Dass die Menschen das Positive und Schöne viel eher in Erinnerung behalten als alles Negative und Schlechte, ist eine wahre Gnade Gottes. Natürlich war die Welt in den 1960er Jahren, als sich die heutige Vorderhornbacherin auf ihren Weg „Von der Hochalm zum Lehrerpult“ (so der Titel des Buches) machte, nicht nur heil und nicht nur schön. Aber es tut gerade in Zeiten wie diesen einfach gut, sich einmal nur auf das Angenehme, Aufbauende zu konzentrieren.

NICHTS ALS ALLES. Auch wenn da zunächst aus der (im doppelten Sinne) Sicht des 14-jährigen Mädchens aus Steeg außer „einem Gebirgskessel, eingerahmt von Bergen“ und mit saftigen Wiesen „nichts war“ – ihre Zeit auf der Krabachalm, zu der damals noch keine Straße führte, hat das Leben von Liselotte Paulmichl sichtlich geprägt. Denn gerade dieses „Nichts“ beflügelte die Fantasie, ließ die Gedanken fliegen und die Träume erblühen, verwandelte sich letztlich gewissermaßen in ein „Alles“. Alles, was man wirklich braucht, eben. Und man wundert sich daher nicht über den Gedanken, dass gerade in einer (westlichen) Welt, in der es alles gibt, die totale Leere Einzug gehalten hat.  Zur Wahrheit gehört freilich auch, dass Mathilde und Hansl Hauser mit ihren vier Kindern (darunter die kleine Liselotte) nicht etwa der Kontemplation oder des Vergnügens wegen den ganzen Sommer über ins Krabachtal zogen, um dort 120 Stück Jungvieh, 20 Kühe, etliche Schweine, zehn Ziegen plus den dazugehörigen Bock zu betreuen. Es war schlicht (wirtschaftlich) überlebensnotwendig, um gut durch den harten und ertragsarmen Lechtaler Winter zu kommen.
Das Talent ihres Vaters, der als einer der besten Hirten weit und breit galt, hatte das kleine Mädchen zwar nicht geerbt, aber gerade das sorgte für Pech und Pannen, die einem bei der Lektüre dieses Buches immer wieder schmunzeln und auch lachen lassen. Staunen kann man wiederum über die Fantasie, die sich in dieser Alm-Einsamkeit als stetige Begleiterin der Zweitjüngsten dort oben erwies. Und wenn man sich heute mit der Lotte unterhält, dann spürt man: Diese Freundin hat sie nie verlassen. In der Fanggekarspitze einen versteinerten Drachen sehen, in dem einen kleinen Stück Fels Aschenputtels Schuh und in dem anderen die Tatze eines Lindwurms erkennen zu können – das ist wahrlich ein Geschenk fürs Leben. Insofern erzählt dieses Büchlein auch von der Kraft der Träume. Auch wenn die ihre Wurzel eigentlich im Frust darüber hatten, Kühe zwar „beaufsichtigen“, aber nicht wirklich hüten zu können: „Ich träumte mich weg. Am besten gelang mir das, wenn Föhnwolken über den Himmel zogen. Es war immer schade, dass diese Formationen dann so schnell wieder aus meinem Gesichtsfeld verschwanden.“

MEHR ALS LESUNG. Diese Buchvorstellung war mehr als eine Lesung. Liselotte Paulmichl machte aus ihr eine regelrechte Inszenierung. Zum Beispiel, als sie Bruce Lows „Das alte Haus von Rocky Docky“ (einen der Hits ihrer Jugend) einspielte, um deutlich zu machen, wie es sie gruselte, als sie am verfallenden Afra Häusl, das nun wieder so schmuck dasteht und zur Einkehr einlädt, vorbei musste. Oder als sie ihren nostalgischen Rucksack auspackte und damit deutlich machte, was ihre Mutter über vier Stunden vom Laden in Steeg zur Küche auf der Alm tragen musste, damit die Familie für die nächsten Tage wieder etwas zu essen (und die Eltern zu trinken) hatte: Schnaps, Jagatee, Gries, Mehl, einen großen Laib Brot, Erdäpfel, Essig, Zucker, Äpfel und Polenta: „Jeden Abend gab es Mus. Und das vier Monate lang.“ Damals habe sie Mutters Rucksack nicht vom Boden heben können, und auch ein durchaus kräftiger Zeitgenosse konnte am Freitag nicht anders, als der Mama höchsten Respekt dafür zu zollen, dass die sich klaglos dieser Schinderei unterzogen habe. Die freilich sagte damals nur: „Wenn er mal auf dem Rücken ist, dann passt das schon...“ Auch die Szene, in der sich mitten auf der Alm ihre große Sehnsucht nach dem Lehrerinnendasein offenbarte, ließ Liselotte Paulmichls schauspielerisches Talent buchstäblich vor Augen treten. Man könnte jetzt noch viel über diesen Abend erzählen, aber das Buch will ja auch gelesen sein. Und daher sei jetzt hier nicht alles verraten.
Nur eins noch: Der Abend mündete in dem Gefühl, dass Liselotte Paulmichl stets am richtigen Platz war. Auf der Krabachalm. Am Lehrerpult. Und jetzt am Schreibtisch. Denn als Autorin hat sie sich den (mindestens) dritten großen Traum erfüllt. Und der verfliegt nicht wie die Föhnwolken über der Fanggekarspitze...
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