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Reutte | Kultur | 9. Mai 2022 | Jürgen Gerrmann

Das Leiden Christi nachempfinden

Die Verurteilung Jesu durch Pilatus ist auch in der kleinen Antoniuskapelle in Brandstatt die erste Kreuzwegstation. RS-Foto: Gerrmann
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Kapellengeschichte Antoniuskapelle Brandstatt
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Ein anrührender Kreuzweg in der Antoniuskapelle in Brandstatt

Sie sind in der Regel klein und unscheinbar, aber sie prägen das Außerfern auf eine sanfte und dennoch eindrucksvolle Art: die Kapellen in den kleinen Dörfern und am Wegesrand. Mancher beachtet sie gar nicht, obwohl sie so viel zu erzählen haben. Die Legenden zu den Heiligen, denen sie geweiht wurden, spiegeln auch die Freuden und Sorgen der Menschen wider, die dereinst hier lebten. Die RUNDSCHAU hat einige von ihnen besucht und hat der Geschichte ihrer Namensgeber nachgespürt. Heute geht’s in den Musauer Ortsteil Brandstatt.
Von Jürgen Gerrmann.
Jetzt, im Marienmonat Mai, verbirgt sich ihr Schutzheiliger, denn die Szenerie auf dem kleinen Altar ist nun natürlich ganz auf die Muttergottes mit dem Kinde ausgerichtet – aber dennoch lohnt die Antoniuskapelle gleich neben der Bushaltestelle in Brandstatt auch jetzt einen Besuch. Zumal deren Türen so einladend offen stehen. Ihr Vorgängerbau war schon im 17. Jahrhundert erbaut worden – 2003 ersetzte man ihn durch einen Neubau in gleicher Form. Wüsste man es nicht, dann fiele es einem daher gar nicht auf, dass man sich in einem eher neuen Kirchlein befindet.

ALTE ANDACHTSÜBUNG.
Sowohl über Antonius als auch das Maria-Hilf-Motiv hatten wir ja schon in früheren Folgen unserer Serie ausführlich berichtet. Aber die Brandstatter Kapelle hat noch ein Kleinod zu bieten: In den Kreuzweg-Bildern an den Seitenwänden spiegelt sich die Frömmigkeit der einfachen Leute wider. Im Leiden Christi fühlten sich wohl die meisten von ihnen mit ihrem Erlöser verbunden. Vielleicht liegt ja gerade darin die Wurzel für die Beliebtheit der Kreuzweg-Tradition über die Jahrhunderte hinweg. Es lohnt sich auf jeden Fall, sich etwas näher mit ihr zu befassen.Denn obwohl man Kreuzwege heutzutage allüberall in katholischen Gotteshäusern findet – die ersten Christen kannten sie nicht. Entstanden sind sie aus einer mittelalterlichen Andachtsübung in Jerusalem – mit allerdings nur zwei Stationen: dem Haus des Pilatus, wo Jesus verurteilt wurde, und Golgata, wo er den Kreuzestod erlitt. Man vollzog diesen Weg nach, und im Laufe der Zeit kamen weitere Punkte hinzu, die man mit der Passion Christi in Verbindung brachte. Populär wurde der Kreuzweg durch die Franziskaner, die vor 680 Jahren von Papst Clemens VI. den Auftrag erhielten, sich um die heiligen Stätten in Palästina zu kümmern. Schon deren Ordensgründer hatte sich ja darum bemüht, das biblische Geschehen den einfachen Menschen möglichst anschaulich zu vermitteln – und so gilt Franziskus gleichermaßen als Erfinder der Krippe und des Krippenspiels. Ihm wie seinen Ordensbrüdern war auch die Meditation über das Leiden Christi sehr wichtig. Daher vollzogen sie im 14. Jahrhundert dessen Weg zum Kreuz nach und pflegten darauf auch die Gemeinschaft mit den immer zahlreicher werdenden Pilgern – und die wiederum nahmen diese Übung mit in ihre Heimatländer und verbreiteten sie dort weiter. Es gibt indes auch Wissenschaftler, die die genau entgegengesetzte Theorie vertreten: Die nach ihrem Seelenheil suchenden Reisenden hätten permanent wissen wollen, wo genau sich die in der Leidensgeschichte überlieferten Ereignisse denn nun zugetragen hätten – und daher sei die Kreuzweg-Tradition quasi aus der Nachfrage dieser frühen „Touristen“ geboren worden.

„SCHMERZHAFTER WEG“.
Wie dem auch sei: Als ältester Kreuzweg Deutschlands gilt der in der Hansestadt Lübeck (für Österreich ist leider keine solche Angabe zu finden): Der reiche Kaufmann Hinrich Konstin hatte sich als Büßer ins Heilige Land begeben. Dieser Besuch in Jerusalem  hatte ihn so angerührt, dass er die Via Dolorosa (den „schmerzhaften Weg“ Christi) selbst vermaß und zuhause an der Ostsee in der Originallänge von 1650 Metern nachbauen ließ.  Allerdings brach sich 1531 die Reformation auch dort Bahn, den Protestanten war dieser Brauch nicht mehr wichtig, die Skulpturen gerieten in Vergessenheit und wurden bis auf die erste und letzte im Laufe der Jahrhunderte zerstört. Wie die anderen frühen Kreuzwege kannte der in Lübeck nur sieben Stationen. Denn dadurch wurde eine gedankliche Verbindung zu den sieben Tagzeiten des Stundengebets hergestellt. „Sieben Fußfälle“ wurde dieser Bittgang in der Barockzeit genannt, denn vor jeder der einzelnen Stationen, die oft auch im Dorf oder auch draußen auf den Feldern errichtet wurden, kniete man nieder. Der Schriftsteller und Kapuzinerpater Martin von Cochem sorgte mit seinen Gebetbüchern dafür, dass sich daraus nach dem Dreißigjährigen Krieg eine populäre Volksandacht entwickelte. Besonders intensiv wurde sie im Zusammenhang mit dem Tod gepflegt – entweder, wenn jemand im Sterben lag (damit sollte ihm der Abschied vom Leben erleichtert werden), oder nach dessen Tod, wenn sieben Jungfrauen aus der Nachbarschaft für das Seelenheil des Verstorbenen beteten.

IM GLAUBEN TIEF VERANKERT.
So um das Jahr 1600 tauchten dann die ersten Kreuzwege mit der doppelten Anzahl von Stationen auf, die sich immer größerer Beliebtheit erfreuten und sich letztlich dann auch durchsetzten. Um auf die Zahl 14 zu kommen, nahm man dabei freilich auch Motive auf, die man in der Heiligen Schrift vergeblich sucht: Dass Christus „unter dem Kreuz fällt“, ist in der Bibel nicht einmal (geschweige denn dreimal) erwähnt. Auch nicht, dass er „seiner Mutter begegnet“ (was allerdings in solch einer Situationen wahrscheinlich wäre) – und ebensowenig, dass „Veronika Jesus das Schweißtuch reicht“. Im Volksglauben haben sich diese Szenen dennoch tief verankert – was wiederum davon zeugt, wie wichtig den Menschen diese Tradition war und ist.
Im Bistum Augsburg (zu dem ja auch das Außerfern lange Zeit gehörte) kam oft sogar noch eine 15. Station hinzu: Sie zeigte eine wahre Sensation, die sich erst rund drei Jahrhunderte nach Jesu Tod zugetragen haben soll. Helena, die Mutter des römischen Kaisers Konstantin, soll sich ins Heilige Land begeben und dort Grabungsarbeiten unter einem heidnischen Tempel angeordnet haben – dabei seien drei Kreuze entdeckt worden, von denen eins laut dem Kirchenvater Ambrosius von Mailand sogar die berühmte Inschrift INRI (Jesus von Nazareth, König der Juden) getragen haben soll. Am Fundort soll heute die Kreuzauffindungskapelle in Jerusalem stehen. Mit einem Bittgang auf einem Kreuzweg war übrigens auch ein Ablass verbunden. Lange Zeit besaßen den übrigens die Franziskaner exclusiv – war er doch auf ihren Orden beschränkt. Erst Papst Benedikt XIII. (Pietro Francesco Orsini aus Apulien) machte dem 1726 ein Ende und weitete den Gnadenerweis auf alle, die sich im Gebet am Kreuzweg an ihren Schöpfer wandten, aus. Und fünf Jahre später legte die Kongregation für Ablässe und die heiligen Reliquien fest, dass in jeder römisch-katholischen Kirche ein Kreuzweg vorhanden sein solle. Daraus entstanden mehrere große Kunstwerke bis hinein in die Moderne, aber auch durch ihre einfache Bildsprache anrührende Exemplare wie das in der Antoniuskapelle in Brandstatt.
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