Rundschau - Oberländer Wochenzeitung
Reutte | Kultur | 17. Mai 2021 | Jürgen Gerrmann

Der Engel mit dem Flammenschwert

Der Kampf gegen das Böse prägt die Erwähnungen des Erzengels Michael in der heiligen Schriften von Juden, Christen und Muslimen. Ihm ist die Kapelle am Hüttenmühlsee geweiht (Altarbild).  RS-Foto: Gerrmann
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Kapellengeschichte Pflach Pestkapelle am Hüttenmühlsee
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Die Pestkapelle am Hüttenmühlsee ist dem Erzengel Michael geweiht

Sie sind in der Regel klein und unscheinbar, aber sie prägen das Außerfern auf eine sanfte und dennoch eindrucksvolle Art: die Kapellen in den kleinen Dörfern und am Wegesrand. Mancher beachtet sie gar nicht, obwohl sie so viel zu erzählen haben. Die Legenden zu den Heiligen, denen sie geweiht wurden, spiegeln auch die Freuden und Sorgen der Menschen wider, die dereinst hier lebten. Die RUNDSCHAU hat einige von ihnen besucht und hat der Geschichte ihrer Namensgeber nachgespürt. Heute geht es zur Pestkapelle am Hüttenmühlsee bei Pflach.
Von Jürgen Gerrmann.
Deren Geschichte ist mit großen Geiseln der Menschheit aufs Engste verbunden: Der Pest, der Cholera – und dem Krieg. Keine angenehmen Themen mithin, und vielleicht führt das Kirchlein, das Astrid Kröll in der Pflacher Ortschronik so detailliert wie liebevoll beschrieben hat, deswegen eher ein Schattendasein.

Gedanken zu Kreuzen.
Oder sind es die 60 metallenen Kreuze, durch die man gehen muss, bevor man einen Blick in die Kapelle werfen kann? Auf deren Vorplatz ruhen einfache Soldaten und Offiziere, Reichsarbeitsmänner und SS-Leute, Zwangsarbeiter, Verwaltungsangestellte und auch das Kind einer Zwangsarbeiterin. Man kann darüber philosophieren, ob es richtig ist, dass sie alle dort nebeneinanderliegen – und dabei auch zum Ergebnis kommen, dass sie ja letztlich eines verbindet: Opfer des Krieges zu sein, in dessen letzten Tagen sinnlos ihr Leben verloren zu haben. Jedes einzelne dieser Kreuze erzählt ohne Worte auch eine Geschichte, keine gleicht der anderen, die Themen variieren, es geht um unsägliches Leid, um Ausbeutung, um Schuld, um Verschleppung, um Entwurzelung, um missbrauchten Idealismus, um Verführung zum Fanatismus und um das Erschrecken über die Folgen davon (auch in den Reihen der Verführten). Ein Friedhof war (so wieder Astrid Kröll) dort ja auch schon, bevor der Vorgängerbau der heutigen Kapelle errichtet wurde. Auf ihm bestattete man die Opfer der Pest von 1611, ein kleines Gotteshaus kam indes erst rund 30 Jahre später hinzu. Das erlebte einen Aufschwung, als der Pfarrer von Breitenwang 1808 anregte, in der Faschingszeit ein dreißigstündiges(!) Gebet einzurichten – und dafür in der bayerischen Besatzungszeit viel Begeisterung erntete (was man sich heutzutage kaum mehr vorzustellen vermag). Damit sollte die (von Kaiser Joseph II. verbotene) Wallfahrt nach Ettal sowie die vorher üblichen je zehnstündigen Gebete am 5. April und am Herz-Jesu-Festes quasi „auf einen Streich“ ersetzt werden. Begründung: An Fasching arbeiteten die Leute eh nicht viel, und der Heilige Ignatius sage, dass sich gerade durch Aktionen während der Faschingstage „viel Böses verhindern lasse“.

Die Zeit der Cholera.
Etwa zwei Jahrzehnte später wurde dann die Kapelle in ihrer heutigen Form gebaut. Ganz genau weiß man es laut Astrid Kröll indes nicht. Es scheint mithin für die Menschen von damals kein besonders einschneidendes Ereignis gewesen zu sein. Das war hingegen die Cholera, die 1831 in der Donaumonarchie ausbrach. Anfang Mai war die „asiatische Seuche“, wie man damals zu der bakteriellen Durchfallerkrankung sagte, aus Russland eingeschleppt und zum ersten Mal in Brody bei Lemberg (also in der heutigen Ukraine) diagnostiziert worden. Übrigens: Die Regierung Kaiser Franz’ I. reagierte genauso wie die von heute – Lemberg und Brody wurden unter Quarantäne gestellt, Ungarn östlich der Donau zum Hochrisikogebiet erklärt, um „das Einschleichen verdächtigen Gesindels“ zu unterbinden. Es drohte sogar die Todesstrafe, doch es half nichts: Die Hauptstadt Wiens wurde von der Seuche ergriffen, es starben 4.000 Menschen. Zum Vergleich: die heutige Innenstadt hatte damals 55.000 Einwohner. Das löste natürlich eine Alarmstimmung aus: Man fürchtete, die Pandemie setze ihren Weg unbeirrbar fort und erließ rigide Vorschriften. So sollten Orte gemeldet werden, die als Friedhof für allfällige Seuchenopfer dienen könnten. Da erinnerte man sich an den alten Friedhof am Fuße des Steineberg, richtete zunächst den Weg dorthin wieder her, und in einer Art „Bürgeraktion“ wurde dann die Kapelle erweitert und dann am 9. Oktober 1832 erstmals die Messe gelesen. Gebraucht wurde der Friedhof dann indes doch nicht: Die Cholera erreichte das Außerfern nicht.

Besieger des Bösen.
Geweiht ist die Kapelle auch einem Besieger des Bösen: Dem Erzengel Michael. Laut Ökumenischem Heiligenlexikon taucht er in der Bibel an vielen zentralen Stellen auf. Und schon gleich zu Beginn: Er soll Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben und Abrahams Zweitfrau Hagar die Quelle gezeigt haben, wo sie ihr Leben und das ihres Sohnes retten konnte, den Urvater der drei monotheistischen Weltreligion daran gehindert haben, seinen Sohn Isaak zu töten, beim Auszug der Israeliten aus Ägypten das Rote Meer geteilt haben. Doch damit nicht genug: Angeblich stürzte er den Satan hinunter in die Hölle, erschien im Buch Daniel den Jünglingen im Feuerofen, und er nimmt auch am jüngsten Gericht eine wichtige Aufgabe wahr: Er bläst die Posaune, die die Toten zum neuen Leben erweckt.
Auch unter den einfachen Menschen war Michael sehr populär: Im Volksglauben führt er penibel Buch über die guten und schlechten Taten eines jeden Menschen. Dieses Regis-ter wird dann sowohl am jeweiligen Sterbetag als auch beim Jüngsten Gericht vorgelegt. Deswegen wird er oft nicht nur mit seinem (flammenden) Schwert abgebildet, sondern auch mit einer Waage. Auch soll er die Seele der Verstorbenen auf ihren Weg in die andere Welt begleiten.
Juden, Christen und der Islam sind sich übrigens einig: Michael ist einer der vier obersten Engel – neben Gabriel, Raphael und Uriel. So populär wie er sind die anderen drei indes nicht geworden. Michael wurde immerhin zum Schutzpatron des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (auch unter den Habsburgerkaisern), zahlreicher Städte (wie Kiew in der Ukraine, Alghero auf Sardinien, Brixen in Südtirol oder der Gemeinde Natters bei Innsbruck). Berühmt ist auch das Michaels-Heiligtum auf dem Mont Saint Michel in der französischen Normandie, und der Speyrer Dom (die Grablege der Salierkaiser) wurde nach dem Ort des Sonnenaufgangs am Fest des Erzengels ausgerichtet. Das wird seit einem Entscheid des Papstes Gelasius I. (übrigens vermutlich ein Afrikaner) aus dem Jahre 493 immer am 29. September gefeiert: Im Mittelalter ein ganz wichtiges Datum – dann waren nämlich Mieten, Pacht und Zinsen fällig, zudem wurden auch Knechte und Mägde in Dienst gestellt. Und es startete die „Kunstlicht-Zeit“, in der man auf künstliche Lichtquellen zurückgriff. Wie lange? Natürlich bis Mariae Lichtmess (2. Februar). Auch die Spinnstuben nahmen an Michaeli ihren Betrieb auf.
Michael ist übrigens auch Schutzpatron der Soldaten – und insofern passt er ja auch gut zum Friedhof vor „seiner“ Kapelle (oder umgekehrt). Um das Altarbild  rankt sich übrigens laut Astrid Kröll auch noch eine nette Geschichte: Dessen Stifter hatte es nämlich dem damaligen Dekan Franz Zobl auferlegt, dass es „stets aufgehenget bleiben muß und nie zu keinem Preis verkauft noch vertauscht werden darf“. Allerdings in der Breitenwanger Kirche. Und nicht am Hüttenmühlsee. Das war am 10. Jänner 1825, dürfte also mittlerweile verjährt sein. Und einen schönen Platz hat es ja auf jeden Fall gefunden.
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