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Reutte | Kultur | 28. Feber 2022 | Jürgen Gerrmann

Der Prophet der Fastenzeit

Möglicher Bildtext: So hat sich der Innsbrucker Künstler Toni Kirchmayr auf seinem Gemälde für den Altar in der Kapelle von Haller Johannes den Täufer vorgestellt. RS-Foto: Gerrmann
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Kapellengeschichte St. Johannes Baptist Haller Tannheimer Tal
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Die Kapelle in Haller ist Johannes dem Täufer geweiht

Sie sind eher klein und unscheinbar, aber sie prägen das Außerfern auf eine sanfte und dennoch eindrucksvolle Art und Weise: die Kapellen in den kleinen Dörfern und am Wegesrand. Mancher beachtet sie gar nicht, obwohl sie viel zu erzählen haben. Die Legenden zu den Heiligen, denen sie geweiht wurden, spiegeln auch die Freuden und Sorgen der Menschen wider, die dereinst hier lebten. Die RUNDSCHAU hat einige von ihnen besucht und der Geschichte ihrer Namensgeber nachgespürt.Heute geht’s nach Haller im Tannheimertal.
Von Jürgen Gerrmann.
Die Fastenzeit beginnt. Ein guter Anlass, eine Kapelle zu besuchen, die einem frühem Protagonisten des Fastens geweiht ist - und darüber hinaus ist St. Johannes Baptist (so klein es auch sein mag und so leicht man es auch an der so stark befahrenen Bundesstraße übersehen kann) auch so was wie das eigentliche Zentrum von Haller, ein Relikt einer Zeit, in der das Tannheimertal noch vom einfachen bäuerlichen Leben und noch nicht vom Tourismus geprägt war.
Interessantes Detail: Laut der von Pfarrer Donatus Wagner herausgegebenen und von Alfons Kleiner verfassten Broschüre über die „Kirchen und Kapellen des Tannheimer Tales“ (leider ist sie mittlerweile vergriffen) hat der Hochaltar ein höheres Alter als das Kirchlein selbst. Er wurde 1641 von den Bewohnern des Dorfes gestiftet, die Kapelle aber erst knapp hundert Jahre später erbaut.

ERINNERUNG AN ABLASS.
Mit dem Altar selbst kann auch eine Art kunstgeschichtliche Zeitreise unternehmen, spiegelt er doch die verschiedensten Stilepochen wider. Er selbst erzählt vom Barock, das Bild oben mit dem Heiligen Joseph (dem Schutzpatron Tirols) und dem Kinde erinnert indes an einen Ablass, den Papst Pius der IX. (82 Jahre zuvor in Senigallia als Giovanni Maria Mastai Ferretti im heutigen Seebad Senigallia bei Ancona geboren) am Heiligabend 1874 mit seiner Enzyklika Gravibus ecclesiae gewährte. Darin erhob er auch die zwölf Monate danach zum Heiligen Jahr.Er erklärte Joseph übrigens zum Schutzpatron der gesamten katholischen Kirche, die damals in einer schweren Krise war - nicht zuletzt, weil das große Gebiet des Kirchenstaats an das neu gegründete Königreich Italien gefallen war. Durch das Jubeljahr solle die Kirche neu verherrlicht und „das christliche Volk geheilt“ werden.
In der Kirchengeschichte hat er indes noch mehr markante Spuren hinterlassen als durch dieses Heilige Jahr - auf ihn geht auch das Dogma von der unbefleckten Empfängnis Mariens zurück. Und der einstige Kardinal von Imola propagierte auch die päpstliche Unfehlbarkeit - inclusive seiner eigenen. 29 Jahre nach seinem Tod wurde bereits ein Heiligsprechungsprozess in Gang gesetzt, doch der zieht sich immer noch hin. Im Jahre 2000 wurde er erst einmal selig gesprochen - unter starkem Protest von evangelischen und orthodoxen Christen, Juden und auch vieler katholischer Kirchenhistoriker.
Der Prunk, in dem auch er lebte, steht im krassen Gegensatz zur Askese des Namenspatrons der Kapelle, die der bedeutende Tiroler Maler Toni Kirchmayr 1958 auf seinem Altargemälde (das Johannes den Täufer gemeinsam mit Maria mit dem Kinde und Johann Nepomuk zeigt) so eindrucksvoll dargestellt hat.

HEUSCHRECKEN UND WILDER HONIG.
„Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften, und er lebte von Heuschrecken und wildem Honig“ - vondieser Beschreibung des Evangelisten Markus ist Kirchmayrs Gemälde sichtlich inspiriert. Johannes‘ Ernährung war in jenen Jahren (und zumal in der Region, in der er lebte) indes weniger Aufsehen erregend als heute. In Teilen Afrikas, Asiens und Südamerikas schätzt man Heuschrecken noch heute sehr - als sehr eiweißreiches Lebensmittel. Wissenschaftler haben 278 verschiedene Arten aufgelistet, die schon seit alters her verzehrt wurden - zumeist gebraten oder gegrillt. Die Juden (wie Johannes ja einer war) betrachten die Heuschrecken grundsätzlich als koscher (wobei es einige Abweichungen in diversen Glaubensrichtungen gibt). Im Jemen sind sie eine beliebte Vorspeise, und in Kambodscha füllt man größere Exemplare mit Erdnüssen und brät sie kurz im Wok. In Europa muss man sich an derlei Genüsse wohl erst gewöhnen müssen, erst vor drei Monaten hat die EU die Europäische Wanderheuschrecke offiziell als Lebensmittel zugelassen. Wohl weniger Probleme dürften die Menschen hierzulande mit dem wilden Honig haben. Die Bibel erwähnt das Adjektiv „wild“ indes vermutlich, um deutlich zu machen, wie gefährlich diese Art der Nahrungsmittelprodiuktion war. Zwar gab es (wie Archäologen der Hebräischen Universität Jerusalem vor einiger Zeit entdeckten) in Tel Renovation am Oberlauf des Jordans die bislang älteste entdeckte Imkerei im Alten Orient, deren Produktion man anhand der Überreste auf 500 Kilo pro Jahr schätzt, ob so etwas indes auch kurz vor der Einmündung des Flusses ins Tote Meer existierte (wo Johannes taufte), ist noch unklar.
Aber eins scheint nach den antiken Quellen eindeutig: Die wilden Bienen von damals waren ganz schön aggressiv. Sie lebten in Felsspalten oder gar in Tierkadavern und verteidigten ihren Vorrat höchst wehrhaft. Zeitgenossen berichteten, dass nur wenige Stiche reichten, um einem Menschen den Garaus zu machen. Man musste also ziemlich mutig sein, um an den wilden Honig zu kommen. Johannes war es offenkundig, sonst hätte er sich nicht getraut, sich mit den Mächtigen anzulegen (was ihn ja letztlich das Leben kosten sollte). Für ihn war der Honig wohl der ideale Energiespender. Auch heute wird Ausdauersportlern von Wissenschaftlern der Universität Memphis ein Löffel Honig vor dem Training zu nehmen.
Vielleicht ist indes indieser von Gewalt und Chaos geprägten Zeit Johannes zentrale Botschaft viel wichtiger als alle Ernährungstheorie: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nah!“ Wobei man im Moment eher den Eindruck hat, als sei die Hölle ganz nah. Umso wichtiger wäre eine Umkehr. Die Fastenzeit ist ein guter Anlass, auch darüber mal nachzudenken.
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