Rundschau - Oberländer Wochenzeitung
Reutte | Kultur | 8. März 2021 | Jürgen Gerrmann

Die Schmerzen einer Mutter

Sieben Schwerter in der Brust, sieben Stiche ins Herz: Das Altarbild in der berührenden Kapelle in Brand, die zur Pfarre Berwang gehört. RS-Foto: Gerrmann
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Die kleine Kapelle in Brand spiegelt die Passionsgeschichte wider

Sie sind in der Regel klein und unscheinbar, aber sie prägen das Außerfern auf eine sanfte und dennoch eindrucksvolle Art: die Kapellen in den kleinen Dörfern und am Wegesrand. Mancher beachtet sie gar nicht, obwohl sie so viel zu erzählen haben. Die Legenden zu den Heiligen, denen sie geweiht wurden, spiegeln auch die Freuden und Sorgen der Menschen wider, die dereinst hier lebten. Die RUNDSCHAU hat einige von ihnen besucht und hat der Geschichte ihrer Namensgeber nachgespürt. Heute geht es nach Brand im Rotlechtal.
Von Jürgen Gerrmann.
Wir sind mitten in der Passionszeit. Seit es Christen gibt, soll sie die Menschen an das Leiden Christi erinnern. Doch nicht nur er hat gelitten, sondern auch seine Mutter. Und insofern ist jetzt die richtige Zeit, um die Kapelle in Brand bei Berwang hoch über dem Rotlechtal zu besuchen. Denn sie ist den Sieben Schmerzen Mariens geweiht. Auch wenn kunsthistorisch vermutlich Paul Zeillers „Mariahilf“ auf dem linken Seitenaltar wertvoller sein mag (es wurde um 1710 gemalt), so geht doch das Altarbild, von dem nur feststeht, dass es ebenfalls etwas mehr als 300 Jahre alt ist und 1882 von Josef Zoller renoviert wurde, ganz besonders zu Herzen: Sieben Schwerter bohren sich da in die Brust der Mutter Gottes.

Der Schmerzensfreitag.
Wie alt die kleine Kapelle mit ihrer herrlichen Holzdecke ist, das vermag einem auf die Schnelle keiner zu sagen – weder direkt vor Ort noch im kleinen Kirchenführer von Berwang, der ansonsten viele wertvolle Informationen bereit hält. Nehmen wir daher einmal an, dass sie zu der Zeit erbaut wurde, als die Altarbilder (also auch das rechte von Peter Kloz, das das Motiv „Jesus erscheint Maria“ zeigt) entstanden. Das könnte passen, denn in dieser Zeit erlebte die Verehrung der Schmerzensreichen Gottesmutter eine Blütezeit. Besonders der in Florenz entstandene Servitenorden (dessen Name auf Deutsch „Orden der Diener Mariens“ bedeutet) fühlte sich mit ihr verbunden. Papst Benedikt XIII. (der Apulier Petro Francesco Orsini) folgte ihrem Beispiel und führte laut Ökumenischem Heiligenlexikon den „Schmerzensfreitag“ für die gesamte katholische Kirche ein – er wurde immer eine Woche vor Karfreitag begangen. Ein zweites Gedenkfest der Serviten am dritten Septembersonntag machte der Papst Pius VII. (Luigi Barnaba Chiaramonti aus Cesena in der Romagna) 1814 ebenfalls für alle Katholiken verbindlich. Damit sollte auch der Dank für das Ende seiner fünfjährigen Gefangenschaft unter Napoleon (die er in Savona sowie in Schloss Fontainebleu an der Seine verbrachte) zum Ausdruck gebracht werden. Pius X. verlegte es dann 1913 fest auf den 15. September – also auf den Gedenktag, der heute noch gilt. Dem „Schmerzensfreitag“ in der Passionszeit machte erst die Kalenderreform in der katholischen Kirche den Garaus – 1969.

Um welche Schmerzen geht es? 
Doch wer weiß heutzutage überhaupt noch, um welche sieben Schmerzen es bei diesen Festen und dem Namen der kleinen Kapelle geht? Spüren wir ihnen also nach, verlassen dabei ein bisschen die herkömmliche Reihenfolge – und fangen in der Passionszeit an. Die erste Szene in diesem Zusammenhang taucht gar nicht konkret in der Bibel auf. Der Evangelist Lukas schreibt nämlich über die Szene auf dem Weg Jesu hin zum Kreuz nur dies: „Es folgte eine große Menschenmenge, darunter auch Frauen, die um ihn klagten und weinten.“ Da ist nur allgemein von „Frauen“ die Rede, nicht von Maria. Aber es wird angenommen, dass seine Mutter da auf jeden Fall dabei war (wofür natürlich einiges spricht). Dass Kreuzigung und Sterben ihres Sohnes der Frau, die ihn geboren hat, unsagbare Schmerzen bereiten, ist jedem klar. Lassen wir nun den Evangelisten Johannes zu Wort kommen: „Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter sowie Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als Jesus die Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zur Mutter: ,Frau, siehe Dein Sohn!‘ Dann sagte er zu dem Jünger: ,Siehe, deine Mutter!‘ Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.“ Des Leides und des Leidens aber nicht genug. Die Kreuzabnahme und die Übergabe des Leichnams an Maria waren namentlich vom Spätmittelalter bis zum Barock sehr beliebte Motive in der christlichen Kunst und entwickelten sich zu einem eigenen Bild-Typus: Berühmt ist ja nicht zuletzt Michelangelos Pieta im Petersdom zu Rom. Den Schlusspunkt in der „offiziellen“ Reihenfolge der Schmerzens Marias setzt dann noch die Grablegung ihres Sohnes. Vier Schmerzen haben wir nach herkömmlicher Zählung schon aufgezählt (obwohl es bei Licht betrachtet, im Grunde jetzt schon sechs sind). Fehlen also noch drei: Und los geht es schon ein paar Tage nach der Geburt des kleinen Jesus – mit der Flucht nach Ägypten. Lassen wir hier den Evangelisten Matthäus erzählen: „Als die Sterndeuter wieder gegangen waren, erschien dem Josef im Traum ein Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten.“ Auch der nächste Schmerz trifft Maria noch als Mutter eines Kleinkinds: Nach 40 Tagen gehen Maria und Josef mit ihrem Kind in den Tempel, um ihr „Reinigungsopfer“ zu bringen (nach den Gesetzes des Moses gilt eine Frau 40 Tage, nachdem sie einem Kind das Leben geschenkt hat, als „unrein“) – bei ärmeren Leuten waren das in der Regel zwei Turteltauben. Daher rührt das alte christliche Fest Mariae Lichtmess. Lukas beschreibt diese Szene in seinem Evangelium so: „Und der Prophet Simeon segnete sie und sagte zu Maria, der Mutter Jesu: ,Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird.‘ Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen.“ Und das letzte Stück in all der Schmerzens-Reihe dreht sich um den quasi pubertierenden Jesus (wie man heute wohl sagen würde). Lukas erzählt die Sache so: „Nachdem die Festtage zu Ende waren, machten sie sich auf den Heimweg. Der Knabe Jesus aber blieb in Jerusalem, ohne dass seine Eltern es merkten. Sie meinten, er sei irgendwo in der Pilgergruppe, und reisten eine Tagesstrecke weit; dann suchten sie ihn bei den Verwandten und Bekannten. Als sie ihn nicht fanden, kehrten sie nach Jerusalem zurück und suchten ihn dort. Nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel; er saß mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen.“ Und dann mussten seine Eltern sich auch noch das anhören: „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?“ Kein Wunder, dass sie das (wie auch das Neue Testament berichtet) „nicht verstanden“. Eine schlechte Zukunftvorhersage, (berechtigte und unberechtigte) Sorgen um das Leben des Kindes, Furcht, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte, Angst, es zu verlieren (nicht nur durch den Tod, sondern auch durch schlechte Lebensumstände oder die falschen „Freunde“) – das sind wohl Gefühle und Ängste, die jede Mutter (und auch Vater) kennt. Und ohne Stiche ins Herz kommt vermutlich kein einziger Mensch durchs Leben. Deren Zeitlosigkeit macht die kleine Kapelle von Brand (auch durch die fast fünfeinhalb Jahrhunderte alte berührende Holzstatue der Madonna mit Kind) einem auch heutzutage noch deutlich, auch wenn die Wurzeln ihres Namens immer weiter in Vergessenheit geraten.

Übrigens: Es gibt nicht nur die sieben Schmerzen, sondern auch die sieben irdischen Freuden Mariens. Als da wären: Verkündigung, Begegnung mit ihrer Verwandten Elisabeth, Geburt Jesu, die Anbetung der Weisen, das Wiederfinden des Sohnes im Tempel (die Szene birgt also Leid und Freud gleichermaßen in sich), die Auferstehung Jesu und die eigene Aufnahme in den Himmel. Bei aller Beschäftigung mit dem Leid sollte man mithin auch die Freude nicht vergessen.
 
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