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Reutte | Kultur | 12. September 2022 | Jürgen Gerrmann

Ein glatter Erfolg

Stehende Ovationen gab es am Ende des Auftaktkonzerts zur 33. Kulturzeit, das unter dem Motto „Kirche, Synagoge und Moschee“ stand. Im Bild: Irith Gabriely mit ihrer Klarinette und Abuseyf Kinik mit seiner Sass. RS-Fotos: Gerrmann
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Kulturzeit Außerfern Huanza Auftaktveranstaltung Leben weben No Hate
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Toller Auftakt zur 33. Kulturzeit der Huanza

Der Strickerei entlehnt ist das Motto der 33. Auflage der Kulturzeit der Außerferner Kulturinitiative Huanza: „Drei glatt, drei verkehrt“. Am Samstag passte da gerade der erste Teil ideal: Die Auftakt-Trilogie vor und in der Reuttener Annakirche avancierte zum glatten Erfolg.
Von Jürgen Gerrmann.
Nach der musikalischen Einstimmung durch Irith Gabriely mit ihrem Saxophon und Abuseyf Kinik mit seiner Trommel freute sich Huanza-Obfrau Veronika Kunz-Radolf sehr, dass ihr Team so eifrig an dem bunten und vielfältigen Programm mitgestrickt hatte, für das am Samstag nach intensiven Vorbereitungen nun der Startschuss fiel. Reuttes Vizebürgermeister Klaus Schimana dankte wiederum allen, die die 33. Kulturzeit durch ihren großen Einsatz ermöglichten.

NO HATE.
Und nach diesem zunächst musikalischen und dann verbalen Präludium ging‘s richtig los: Paul Mascher präsentierte namens der Außerferner Initiative „Hoffnung für Flüchtlinge“ die Metallskulptur, die von Alexandra Rangger und Bernhard Witsch konzipiert, mit Impulsen von 70 Künstlern versehen wurde und nun auf dem Kirchplatz ein Zeichen setzen möchte. Diese zwei Worte seien „ein lauter Ruf in unsere Gesellschaft hinein“, wobei jeder angehalten sei, in dreierlei Richtungen sein Gewissen zu erforschen: Inwieweit sei man selbst zu Gehässigkeiten oder Hass verführbar? Sei man selbst wach genug, um die Anzeichen eines zunehmenden Hasses zu bemerken? Und habe man die Bereitschaft, dies auch laut, deutlich und im Widerspruch zur Sprache zu bringen und Schritte dagegen zu setzen? Diejenigen, die sich im Außerfern für Flüchtlinge (speziell auf der Insel Lesbos) einsetzten, seien keine besseren Menschen: „Wir wollen nur auf diese schreckliche Not aufmerksam machen und diese Menschen, die sie erleiden, vor dem Hass derer, die Macht haben oder Macht haben wollen, schützen.“

LEBEN WEBEN.
Nicht auf hartes Metall, sondern auf weiches Holz und sanfte Textilien setzt wiederum Christine Schneider bei ihrem Gemeinschaftsprojekt „Leben weben“ auf der Kirchwiese gleich nebenan. Die Reuttener Künstlerin ließ die rund 100 Besucher der Vernissage am Gedanken- und Entstehungsprozess teilhaben, der dem Werk im Zeichen der Gemeinschaft und des Miteinanders vorausgegangen war: „Der Weg war zunächst nicht klar. Er hat sich dann zu einer Spirale hinein zu einer Mitte entwickelt.“ Der erste Impuls wurzle dabei in ihrer Kindheit und der Erinnerung an Fanny, einer Frau in ihrem Heimatort Bichlbach, die aus Stoffresten und -abfällen Fleckerlteppiche gewebt habe: „Frauen haben schon immer für Wärmendes und Dinge, die das Leben wohnlich und heimelig machen, gesorgt.“ Ausführlich und ausdrücklich dankte die Künstlerin dann all denen, die diesen textilen Weg nun mit ihrer Kreativität komplett gemacht hätten. Viele nahmen die Gelegenheit gerne wahr, sich selbst auf diesen Pfad hinein zur Mitte zu begeben und sich davon  inspirieren zu lassen. Und viele stimmten auch in die Mantras ein, mit der der Chor Unus Mundus eine Botschaft der inneren Heilung verkündete.

DREIKLANG DER RELIGIONEN.
Auch das kulinarische Intermezzo danach  stand im Zeichen des Miteinanders: Manfred Holzmayr und Frauen aus der Reuttener ATIB-Gruppe hatten Köstlichkeiten aus dem Vorderen Orient und Tirol gebacken. Und dass am Ende nicht ein Krümel übrig blieb, sagt wohl genug darüber aus, wie gut all das schmeckte. Als Krönung des Abends vermochte man in eine Klangwelt einzutauchen, wie sie sie Reutte wohl noch nie erlebt hat: „Kirche, Synagoge und Moschee“ – dieses Konzept ist ebenso einmalig wie mitreißend, wie wohl alle bestätigen können, die diesen Dreiklang der abrahamischen Religionen miterlebt haben. Ein christlicher (in diesem Fall evangelischer) Kantor, ein muslimischer Percussionist, der zudem grandios mit der Sass (einer orientalischen Laute) umzugehen vermag, und eine jüdische Klarinettistin, bei der sich niemand wundert, warum sie von so vielen als „Queen of Klezmer“ tituliert wird – dieses Rezept mündet in einem schlichtweg fantastischen Ohrenschmaus.
Gerade deswegen, weil nicht ein Kulturkreis nach dem anderen in der Originalversion quasi musikalisch abgearbeitet wird, sondern gewissermaßen der Kern dieser Melodien herauskristallisiert wird, damit er in den verschiedensten Klangfarben glänzen kann. „Nicht jeder macht hintereinander seins, sondern alle machen eins - und jeder gibt dann seinen speziellen musikalischen Senf dazu“, beschreibt Irith Gabriely dieses treffend selbst. Gewürzt war dieses ebenso voll- wie wohltönende Menu auf jeden Fall höchst exzellent. Die wenigsten Reut-tener dürften ihre Annakirchenorgel jemals in einer solchen Strahlkraft haben leuchten hören wie am Samstag, alle Höhen und Tiefen wurden da ausgereizt. Unglaublich, welch modernes Instrument das sein kann! Der Bach-Choral „Jesu bleibet meine Freude“ als Blues mit tollen Improvisationen? Überhaupt kein Problem! Wenn Abuseyf Kinik wiederum die wehmütigen Lieder seiner anatolischen Heimat zelebriert, dann geht das unter die Haut und man erfährt sinnlich, warum eine christliche Kirche einen Chor hinter dem Altar hat. Denn das hörte sich fast wie ein gregorianischer Choral an. Und wenn man sich dann mit Irith Gabriely in den Klezmer-Taumel einer jüdischen Hochzeit stürzt, dann gibt es eh kein Halten mehr.
Das sind nur wenige Beispiele, die dem „Gesamtpaket“ dieses Konzerts doch nur unvollständig gerecht werden. Es muss nicht immer „oder“ sein. Wenn man einander zuhört, sich aufeinander einlässt, sich aufeinander einstimmt, dann entfaltet die Kraft des „Uns“ ihre Wirkung. Und das ist eine Botschaft, die über die Musik hinausgeht…
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