Rundschau - Oberländer Wochenzeitung
Reutte | Kultur | 14. September 2020 | Jürgen Gerrmann

Großes Kabarett in Wohnzimmeratmosphäre

Großes Kabarett in Wohnzimmeratmosphäre
Große Kunst im kleinen Kreis: Stefan Waghubinger brillierte bei seinem Gastspiel in der Zeiller-Galerie in Reutte.
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Stefan Waghubingers herzerfrischendes Gastspiel bei der Kulturzeit

„Endlich wieder Kultur!“: Sowohl Publikum als auch Künstler atmen offensichtlich auf. Das war beim ersten Reuttener Abend im Rahmen der 31. Außerferner Kulturzeit deutlich zu spüren. Zu Gast war dabei am Mittwoch vergangener Woche einer der besten deutschsprachigen Kabarettisten: Stefan Waghubinger.
Von Jürgen Gerrmann.
Wobei der Oberösterreicher, der im Schwabenland lebt und es sichtlich genoss, auch mal wieder im heimatlichen Zungenschlag spielen zu können, vor eher kleiner Kulisse agierte. Was nicht groß verwunderte, denn erstens ist die Zeiller-Galerie schon von vornherein eher klein (trotzdem bestand sie ihre Feuertaufe als Kleinkunstbühne mit Bravour; Waghubinger brauchte nicht mal ein Mikro), zum anderen plagt, wenn man den Entschuldigungen im Vorfeld glaubt, angesichts wieder steigender Corona-Zahlen viele immer noch die Angst vor Indoor-Veranstaltungen. Wobei in dieser Hinsicht die Frauen deutlich mutiger waren als die Männer.

Reutte – vor Wien und Innsbruck. 
Wie dem auch sei: Die, die da waren, erlebten einen furiosen Abend – und das in Wohnzimmeratmosphäre. Und das Außerfern war in Sachen Neustart auch Coronapionier in Österreich: Stefan Waghubinger hatte zuvor nur einmal im Saarland gespielt – Wels, sein Heimat-Bezirksort Steyr, aber auch Linz, Wien und sogar die Tiroler Landeshauptstadt Innsbruck kommen erst viel später dran... „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ – Hermann Hesses berühmte Gedicht-Zeile aus den „Stufen“ bewahrheitete sich auf jeden Fall auch hier. Stefan Waghubinger blühte beim Neuanfang sichtlich auf, saß ganz entspannt in seinem Sessel auf der Mini-Bühne und plauderte einfach drauf los. Vermeintlich. Denn natürlich ist sein Programm „Jetzt hätten die guten Tage kommen können“ (welch passender Titel in Corona-zeiten!) bis ins Detail durchkomponiert. Aber so feinsinnig, dass es einem gar nicht auffällt und in jeder Sekunde authentisch wirkt.

Meister der leisen Töne.
Denn der Kabarettist ist einer, der seine Pointen aus dem wahren Leben schöpft. Aber keiner, der auf die Pauke oder gar unter die Gürtellinie haut – sondern ein Meister der feinen Klinge und der leisen Töne. Aber vielleicht sitzen gerade deswegen seine Pointen so punktgenau: Weil sie eben nicht mit dem Holzhammer daherkommen. Er hebt sich wohltuend von der Haudrauf-Masche der sogenannten Comedians ab, die die TV-Privatsender erobert zu haben scheinen. Bei ihm ist man auch als Zuhörer(in) gefordert – ohne Mitdenken geht’s schlichtweg nicht. In die große Politik steigt er dabei gar nicht erst ein. Da weiß man ohnehin gar nicht mehr, was daran zum Lachen und was zum Weinen sein soll. Die kommt eher am Rande und nur mittelbar vor. Auf den ersten Blick. Aber je länger der Abend geht, spürt man: Im Grunde dreht sich alles um die großen gesellschaftlichen Themen von heute. Etwa, wenn Waghu-binger von den Maschinen erzählt, die immer mehr Energie verbrauchen: „Dafür haben die Menschen umso weniger Energie.“ Oder von den Sparkassen, die statt Zinsen ihren Kunden nun halt Kunstausstellungen anbieten. Oder von den natürlich immer demokratischen Wahlen, die immer mehr dem japanischen Sushi glichen: „Man hat eine Riesenauswahl, aber nichts schmeckt einem.“ Er macht einen auch darauf aufmerksam, wie angenehm es ist, einfach im Mainstream mitzuschwimmen: „Wenn es wirklich meine eigene Entscheidung ist, die ich treffe, und die dann falsch ist – wem gebe ich denn danach die Schuld?!“ Ja, auch das ist ein Phänomen unserer Zeit: Es muss immer irgend jemand schuld sein. Nur nicht man selbst.

Die Kraft der Traurigkeit. 
„Traurig, traurig, traurig“ - das sagte schon Theo Lingen als Schuldirektor in der Neuverfilmung der „Feuerzangenbowle“ in den 70er-Jahren. Der Traurigkeit unserer Zeit wendet sich auch Waghubinger zu, er verkörpert sie sogar – ja, sein Programm schöpft seine Kraft gerade daraus. Die philosophischen Glanzlichter wurzeln geradezu in ihr – wenn er etwas nachtrauert, dann kann man mittrauern (aber letztlich auch mitlachen), weil man das ja aus dem eigenen Leben kennt: „Die Zukunft rast an dir vorbei, als gäbe es kein Morgen mehr. Langsam hab ich mehr Zukunft hinter mir, als ich jemals vor mir haben kann.“ Oder: „Die Erkenntnis, dass etwas zu spät ist, kommt meistens nicht rechtzeitig.“ Auch in Beziehungen, die der Dreh- und Angelpunkt von Stefan Waghubingers Programm(en) sind: Plötzlich sind sie zerbrochen, ohne jede Vorankündigung. Und dabei hat man, um das legendäre Wort eines berühmten Tiroler Landesrats zu bemühen, „doch alles richtig gemacht“. Schuld ist man auch da natürlich nie selbst. Aber da hat der Kabarettist immerhin einen marktwirtschaftlichen Trost parat: „Ein Beziehungsende ist besser für das Wirtschaftswachstum. Man braucht jetzt zwei Wohnungen und zwei Einrichtungen statt einer.“ 
Reutte scheint offensichtlich ein richtig gutes Pflaster für Stefan Waghubinger zu sein: Nicht nur, dass er von seinem kleinen, aber feinen Publikum mit lang anhaltendem Beifall gefeiert wurde – beim Frühstück in der „Wolke 7“ erreichte ihn auch noch die Nachricht,dass er mit der St. Ingberter Pfanne ausgezeichnet werden soll. Zur Info: In Fachkreisen gilt der als einer der drei wichtigsten Kleinkunstpreise im deutschsprachigen Raum (was die, die in der Zeiller-Galerie dabei waren, nicht wundern dürfte). Wenn das kein Grund zum Wiederkommen ist...
 
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