Rundschau - Oberländer Wochenzeitung
Reutte | Kultur | 12. Oktober 2020 | Jürgen Gerrmann

Sehnsucht nach Kultur

Einfühlsame Interpretin: Wiltrud Stieger machte mit ihrer Lesung Getrude Eckl-Schwaigers "Impressionen" zum Erlebnis. RS-Fotos: Gerrmann
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Großes Interesse für die Nacht der Museen im Außerfern

Diese Nacht der Museen war wahrlich anders als alle andere zuvor: Corona warf seine Schatten auf dieses kulturelle Ereignis, Masken dominierten die Szenerie, zudem war das Wetter alles andere als angetan dazu, wie in so manchen Jahren zuvor an einem lauen Abend fröhlich durch die Straßen zu flanieren. Aber eines wurde dennoch deutlich: In Zeiten der Krise sehnen sich die Menschen nach Kultur.
Von Jürgen Gerrmann.
Bei der von Notburga Ihrenberger und Clara Gapp mit traditionell-heiteren Flötentönen umrahmten Eröffnungsveranstaltung im Tauernsaal des VZ Breitenwang erinnerte Klaus Wankmiller vom Museumsverein Reutte daran, dass sich die vier Museen im Außerfern 2006 zu einem Verbund zusammengeschlossen hätten. Schon im Jahr darauf sei man von der vom ORF getragenen Nacht der Museen mit von der Partie gewesen, aber dann 2011 doch eigene Wegen gegangen. Nicht nur Museen hätten sich ab da daran beteiligt, sondern auch das Kulturforum Breitenwang, die Büchereien Reutte und Breitenwang sowie seit vergangenem Jahr auch das Hohe Schloss in Füssen.

TIROLER MOTIVE.
Die Vernissage der Ausstellung mit der berührenden Landschaftsmalerei von Werner Sieff bildete den Auftakt zur Nacht der Museen. Der Banker aus Götzens wurde vor sieben Jahren durch eine Volksschulaufgabe seiner Tochter zum Malen gebracht. Seine Kunst entsteht übrigens im eigenen Wohnzimmer, wobei er Acryl direkt auf der Spachtel mischt und dann auf die Leinwand aufträgt: „Das passt perfekt zur groben Struktur der Tiroler Bergbauernhöfe.“ Die sind nämlich sein Hauptmotiv.
Mit dem Pinsel gestaltet er dann die feine Konturen der Wolken am Himmel – und die verschiedenen Facetten des Lichts. Denn das ist eine weiteres großes Thema Werner Sieffs: Diese „ganz besonderen Momente in den Bergen“, die oft „nur kurz, aber einprägsam“ seien, wolle er mit seiner Kunst  festhalten – zum Beispiel die Stimmung unmittelbar vor einem Gewitter.
Unverkennbar ist der Autodidakt dabei von den großen Tiroler Malern wie Alfons Walde und (besonders bei den Farben) Albin Egger-Lienz beeinflusst. Sieff sieht sich als „klassischen Ur-Tiroler“, er ist Traditionalist im besten Sinne: „Mich stört es, wenn alte Häuser abgerissen und stattdessen seelenlose Hotels errichtet werden.“ Seine Motive findet er aber immer noch: „In den Tälern, in denen es noch nicht so viel Tourismus gibt.“ Das sei für ihn schon ein Lebensthema: „Schon bevor ich zu malen angefangen habe.“ Und insofern ist seine Kunst auch ein Statement.
Sehnsucht nach Kultur
"Spiele mit dem Licht" lautet der Titel der Ausstellung des Tiroler Malers Werner Sieff, die noch bis zum 20. Oktober im Foyer des Gemeindezentrums zu sehen ist. Im Rahmen der Nacht der Museen wurde sie eröffnet.
BÜHNE FÜR DIE LYRIK.
Bei der Nacht der Museen wurde das VZ auch zur großen Bühne für die Lyrik: Wiltrud Stieger las neue Gedichte der Reuttener  Autorin Gertrude Eckl-Schweiger. Wobei das Verb „lesen“ im Grunde viel zu wenig aussagt. Die Schauspielerin setzte mehr als nur das Tüpfelchen aufs I, hatte sie sich doch intensiv in die Texte vertieft und nahm daher die Zuhörer mit hinein in die Tiefe der Gedanken Gertrude Eckl-Schwaigers.
Und die sind den Menschen nah. Denn im Grunde kennt sie jeder (wenn auch individuell in dem einen oder anderen Fall anders) aus dem eigenen Leben – etwa, wenn am frühen Morgen „der Tag aufrecht steht“. Oder einem beim Spaziergang „unsichtbare Gefährten“, die vor einem denselben Weg gingen, begleiten: Wurden sie von Lust, Sehnsucht oder Pflicht vorangetrieben? Oder wer setzt nicht (und das oft gerne) den „schmerzlich-schönen Gedanken“ des Fernwehs aus? Und schwelgt dann in Erinnerung an Lieblings-Orte wie Santorin? Ja: „Schönheit kann blenden und die Seele tief berühren.“
Das Traum-Urlaubsziel ist indes oft leichter zu entdecken als das eigene Ich: „Wo soll ich zu suchen beginnen, wenn ich mich finden will?“ Gute Frage. Denn der Spiegel im eigenen Kopf ist eben oft nicht so unbestechlich wie der an der Wand: Letzterer hält einem als „Realist weder früheres Versagen noch die Zukunft vor“.
Berührend waren auch die Erinnerungen der Autorin an „Mama mit Brille“ an deren Todestag (Klagelied und Liebeserklärung zugleich) sowie deren Sorge um die Umwelt: „Gebt Fauna, Flora, der Natur ihre Würde zurück und behandelt sie gleichberechtigt!“ Statt dessen auf deren Geduld zu setzen, sei „der größte Rechenfehler der Menschheit“.
Toll, wie Wiltrud Stieger sich in all diese verschiedenen Stimmungen hineinzuversetzen vermochte und aus jedem Gedicht (und sei es noch so kurz) quasi ein kleines Theaterstück machte. Und das Hör-Erlebnis wurde auch durch das einfühlsame Spiel von Hanna und Jonas Alber (Geiger und Bratsche) sowie deren Mutter Monika (Piana) musikalisch abgerundet.
In die Tiroler Landesgeschichte konnte man derweil in der Südtiroler Siedlung eintauchen: Birgit Maier-Ihrenbergers Führung durch die Wohnanlage machte einen auf so manches Detail aufmerksam, das man sonst leicht übersieht. Und manch einen erstaunte auch, dass man in Kriegszeiten sichtlich bemüht war, den Neubürgern aus Südtirol ein Umfeld zu bieten, in dem sie sich wohlfühlen konnten – auch durch viel Grün und ein kleines Gärtchen für jede Familie, das natürlich auch für die Selbstversorgung wichtig war. Immer wieder war auch zu hören, dass man damals menschennaher gebaut habe als in so manchem mehrgeschossigen Wohnblock von heute, und begrüßt wurde auch, dass man die alten Wandmalereien nicht entfernt habe, sondern sie als Zeugnis der Zeit und der damaligen Ideologie heute auch mahnende Wirkung ausübten. Sichtlich stolz präsentierte drinnen in der Musterwohnung dann Museumsvereins-Obmann Ernst Hornstein das Resultat der Bemühungen seiner Organisation um einen Erinnerungsort.

GUTE RESONANZ.
Auf großes Interesse stießen auch die Angebote in der Burgenwelt Ehrenberg (mit den Führungen durch die Ausstellung „Der letzte Wilde“), in der Hammerschmiede in Vils (wo das Thema Jagd eine ganz besondere Rolle spielte) und in der Wunderkammer in Elbigenalp (mit dem neu gestalteten Geierwally-Zimmer).
Überall freilich war das zu spüren, was Breitenwangs Kulturausschuss-Vorsitzende Regina Karlen schon bei der Eröffnung so ausgedrückt hatte: „Der Mensch hungert und dürstet in diesen Zeiten nach Kunst und Kultur.“
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