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Reutte | Kultur | 24. Mai 2022 | Von M. Färber

Stimm- und Wortgewalt in der „Kellerei“

Stimm- und Wortgewalt in der „Kellerei“
Momentaufnahme vom grandiosen Auftritt von Timna Brauer in der „Kellerei“. Foto: Pürcher
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Reutte  Von M. Färber
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Mit einer musikalischen Lesung gedachte Sängerin Timna Brauer ihres 2021 verstorbenen Vaters Arik Brauer

Zweimal musste die Vorstellung verschoben werden. Nun konnte sie endlich stattfinden. Am 16. Mai lud die Kleinkunstbühne „Kellerei“ in Reutte zu einer eindrucksvollen Veranstaltung. Timna Brauer las aus den Memoiren ihres Vaters „Die Farben meines Lebens“ und untermalte diese virtuos mit überaus stimmig ausgewählten Liedern. Begleitet wurde sie dabei vom griechischen Gitarristen Jannis Raptis.
Von M. Färber

In einer kurzen Begrüßungsrede betonte die Sängerin ihre Verbundenheit mit dem Bezirk Reutte. Schon vor 25 Jahren war sie der Einladung des damaligen Leiters der Kulturinitiative „Huanza“, Sieghard Wacker, gefolgt. Sie freue sich sehr, nun wieder hier zu sein, um mit Texten und Liedern ihres Vaters das Andenken an diesen lebendig zu erhalten.

BUNTES, BEWEGTES LEBEN. Das große, weltweit bekannte Universalgenie – Dichter, Sänger, Maler und Architekt – wurde 1929 als Erich Brauer in Wien geboren. Sein Vater, ein aus Litauen stammender Jude, wanderte in den 30er Jahren mit seiner Frau nach Wien aus, wo er sich in Ottakring als Schuhmacher niederließ. Die frühe Kindheit verbringt der kleine Erich gemeinsam mit seiner Schwester Lena im sogenannten „Viererhaus“, einem Gemeindebau, dessen Bewohner mit ihren bewegenden, oft skurrilen Lebensgeschichten ein eindrucksvolles Bild von den unmittelbaren Vorkriegsjahren in Wien schildern. Hunger und Armut prägten den Alltag und doch bezeichnete Brauer rückblickend diese Jahre als glückliche Kindheit. Diese findet allerdings durch die Machtübernahme der Nazis ein abruptes Ende. Aufgrund einer bürokratischen Spitzfindigkeit stufen sie den kleinen Erich – fortan Arik genannt – als Juden ein. Mit allen Konsequenzen! Sein Vater wird in der Reichskristallnacht festgenommen und im KZ umgebracht. Es ist ausgerechnet die verbitterte und durch antisemitische Vorurteile geprägte Hausmeisterin aus dem „Viererhaus“, die dem Buben das Leben rettet, indem sie ihn versteckt. Auch während der folgenden Kriegsjahre gelingt es ihm immer wieder unterzutauchen, um den Verfolgungen der Nazis zu entgehen.
In den frühen Nachkriegsjahren zieht es ihn nach Paris, wo er als „Bohemien“ im Kreis junger Künstler lebt. Seine Schilderungen lassen das damalige Ambiente in dieser Weltstadt lebendig werden. Brauer macht dort seiner Bezeichnung „Universalgenie“ alle Ehre und wirkt als Sänger, Maler und Tänzer. Im „Grand Hôtel du Sport“, einer heruntergekommenen Unterkunft, tritt er gemeinsam mit der jemenitisch-israelisch stämmigen Neomi Dhabati, seiner späteren Frau, als Duo „Arik Bar-Or“ sehr erfolgreich auf.
Nach seiner Rückkehr nach Wien und dem Studium der bildenden Künste wird er einer der bedeutendsten Vertreter des Phantastischen Realismus. Seine großformatigen farbenprächtigen Bilder spiegeln viele seiner Erinnerungen und Erlebnisse wider.
Aber auch als Liedermacher und Sänger war er überaus erfolgreich. Songs, wie „Sie hamm a Haus baut“ und „S’Köpferl im Sand“ bestechen vor allem durch tiefgründige Texte und prägten die Jugend der frühen 70er Jahre. Auch als Architekt wirkte der Universalkünstler. Der Bau des Künstlerdorfes „El Hod“ in Israel bescherte ihm viele, teilweise recht abenteuerliche Erlebnisse, aber auch wertvolle Erfahrungen.
Sein Tod im Jänner letzten Jahres hinterlässt eine unwiederbringliche Lücke im Kulturleben.

PERFEKTE SYMBIOSE VON TEXT UND MUSIK. Seine Tochter Timna wurde 1961 in Wien geboren, wo sie zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Ruth einen großen Teil ihrer Kindheit verbrachte. Sie versteht sich aber nicht als Wienerin, sondern als Weltbürgerin mit jemenitisch-israelischen Wurzeln. Nach ihrem Studium für Gesang und Klavier in Paris absolvierte sie Meisterkurse im Opernfach. Ihr Stimmvolumen ist unbeschreiblich und ihre Musikalität offenbart sich in einem unglaublichen Gespür für Rhythmus. Sie „nur“ als charismatische Sängerin zu bezeichnen wäre stark untertrieben. Bei der Gedächtnislesung gelang es ihr und Janis Raptis kongenial, Arik Brauers literarisches Werk musikalisch zu untermalen.
Der Abend war ein grandioses Erlebnis und endete mit frenetischem Applaus und Standing Ovations.
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