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Reutte | Kultur | 4. Jänner 2021 | Jürgen Gerrmann

Weil er ein Fremder war...

Josef Anton Köpfle wird das Altargemälde in der Kolomankapelle von Hinterbichl zugeschrieben. RS-Foto: Gerrmann
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Die Kolomankapelle in Hinterbichl regt heute noch zum Nachdenken an

Sie sind in der Regel klein und unscheinbar, aber sie prägen das Außerfern auf eine sanfte und dennoch eindrucksvolle Art: die Kapellen in den kleinen Dörfern und am Wegesrand. Mancher beachtet sie gar nicht, obwohl sie so viel zu erzählen haben. Die Legenden zu den Heiligen, denen sie geweiht wurden, spiegeln auch die Freuden und Sorgen der Menschen wider, die dereinst hier lebten. Die RUNDSCHAU hat einige von ihnen besucht und hat der Geschichte ihrer Namensgeber nachgespürt. Heute geht’s zur Kolomankapelle in Hinterbichl.
Von Jürgen Gerrmann.
Wer am Tannenhof in Hinterbichl vorbeiwandert, dem sticht die romantische Kolomankapelle schon von weitem ins Auge. Und das Schöne dabei ist: ihre Türe steht offen – in den warmen Monaten buchstäblich, jetzt in der kalten Zeit zur Jahreswende musste man nur die Klinke herunterdrücken und konnte sich von der Atmosphäre des 1845 erbauten Kirchleins berühren lassen.
Auch hier umgeben einen viele Engel – sowohl als Figuren am Altar als auch auf dem romantischen Marienbild auf der linken Seite. Und da kommt einem vielleicht gerade zur Weihnachtszeit Dietrich Bonhoeffers (später vertontes) Gedicht in den Sinn: „Von guten Mächten wunderbar geborgen...“

ALTARBILD VON KÖPFLE?
Diese Geborgenheit strahlt auch das Altarbild aus, das fast ein halbes Jahrhundert älter ist als die Kapelle selbst und das der Höfener Zeiller-Schüler Josef Anton Köpfle gemalt haben soll: Der Heilige Koloman als Reisender inmitten einer idyllischen Szenerie mit Tieren aus der Lebenswelt der Menschen des Alpenraums.
Zu seinen Füßen liegt eine Königskrone – was eine Verbindung zu seiner Vita schafft. Denn Koloman soll ein irischer (andere sagen: schottischer) Königssohn gewesen sein. Aber sein in der Legende überliefertes Lebensende steht nicht gerade im Zeichen von Idylle und Geborgenheit, wie man bei Köpfles Bild vermuten könnte. Ganz im Gegenteil.
Das Drama soll sich dabei im Juli 2012 in Stockerau im heutigen Niederösterreich abgespielt haben. Dort soll Koloman auf einer Pilgerreise nach Jerusalem durchgewandert sein. Der Überlieferung nach führte sein Weg unter anderem über Schwangau – die auf dem freien Feld stehende große Kirche dort soll noch heute den Ort markieren, auf dem er auf seiner Pilgerfahrt ins Heilige Land ausruhte. Das erscheint nicht unglaubwürdig, denn dort bereiteten sich vor 1000 Jahren viele Menschen auf eine Alpenüberquerung vor. Vielleicht (oder vermutlich) waren ja auch die Erbauer der Kapelle in Hinterbichl davon inspiriert.
Wie dem auch sei: Kolomans Pech war es wohl, dass zu jener Zeit immer wieder Streitereien zwischen Heinrich II., dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, und dem polnischen König Boleslaw I. Chrobry tobten.

ALS SPION VERDÄCHTIGT.
Ein Mann in merkwürdiger fremdländischer Kleidung, dessen Sprache man nicht verstand, in der Nähe von Wien – das kam den Einheimischen suspekt vor. Ob es sich da nicht um einen böhmischen oder ungarischen (auf jeden Fall: ausländischen) Spion handelte? Also griff man zu dem damals üblichen Mittel: Man folterte den Fremden auf Verdacht erst einmal.
Da bei diesem Prozedere allerdings nichts herauskam, erhängte man ihn – und zwar an einem dürren Holunderstrauch. Man machte sich danach nicht die Mühe, den Leichnam abzuschneiden und zu bestatten, sondern überließ ihn den Vögeln zum Fraß. Doch anders als erwartet, verweste er (wie in „Stadlers Vollständigem Heiligenlexikon“ aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts berichtet) nicht. Und der Strauch, an dem er ums Leben kam, ergrünte sogar mitten im Winter.
Es sollen sich dort auch Wunder ereignet haben. Um manche ranken sich aus heutiger Sicht makabre Geschichten: So soll ein Vater geträumt haben, dass sein krankes Kind gesunde, wenn er „Fleisch und Blut aus dem Körper des Toten hole und das Kind damit bestreiche“. Er holte sich einen Jäger als Hilfe, der seinen Spieß dann in die Seite des Leichnams stach – und tatsächlich floss dann der Legende nach Blut heraus.
Nach gut einem Jahr erregte dann das doch Aufmerksamkeit, und die „herbeigeeilte Geistlichkeit“ begrub ihn laut Stadler „mit großer Feierlichkeit in einer nahe gelegenen Kapelle auf einer Au neben der Donau“.
Wiederum ein Jahr später gab es ein verheerendes Hochwasser – aber die Donau verschonte das Grab des Heiligen (dort steht heute das Kolomankloster von Stockerau). Das war für den damaligen Markgrafen Heinrich I. von Österreich ein Zeichen – er ließ den Leichnam ausgraben und in seine Residenz bringen (dort steht heute das Stift Melk). Bischof Megingaud von Eichstätt bestattete ihn dort am 13. Oktober 1014 feierlich.
Interessant auch: Koloman (in seiner keltischen Heimat bedeutet der Name „schlanker Stein“) wurde nie förmlich heilig gesprochen, aber schon kurz nach seinem Tod als Märtyrer tief verehrt. So erwähnt Bischof Thietmar von Merseburg (einer der bedeutendsten Geschichtsschreiber der Zeit der Ottonen) schon 1017 die Ereignisse und angeblichen Wunder – also quasi zeitgleich.
Der Babenberger Herzog Friedrich II. machte Koloman 1224 sogar zum Landespatron von Niederösterreich, scheiterte aber mit seinen Bemühungen um eine Heiligsprechung. Als der Markgraf Leopold der Fromme (er starb 1136 in Klosterneuburg) 1485 zum Heiligen erhoben wurde, trat Kolomans Patronat indes mehr und mehr in den Hintergrund, ab 1663 musste er offiziell Platz machen.

BIS HEUTE VEREHRT.
In den Herzen der Menschen blieb er dennoch. Wer ein „Kolomani-Büchlein“ bei sich trage, der werde von Seuchen und Unwettern verschont, hieß es lange Zeit. Ihn geweihten Quellen wird Heilkraft zugeschrieben. An der Rückwand des Stockerauer Frauenklosters soll man noch heute den Holunderstrauch betrachten können, an dem er erhängt wurde. Die Reiterwallfahrt am zweiten Oktobersonntag zur Kolomankirche in Schwangau hält ganz in der Nähe weiterhin die Erinnerung an ihn wach. In weiten Teilen Österreichs übernimmt er bis heute auch eine Rolle wie der Lechtaler Bluatschink: Man droht Kindern, die es mit dem Bravsein nicht allzu ernst nehmen, „dass das Kolomandl kommt“.
Schutzpatron ist der Märtyrer für Stockerau und Melk – aber auch für das Vieh und die Reisenden (obwohl oder weil er ja selbst auf einer Reise den Tod fand). Man ruft ihn um Hilfe bei Fuß- und Kopfleiden an, aber auch bei Unwettern, Feuergefahr sowie Ratten- und Mäuseplagen. Seine Rolle als Schutzpatron gegen die Pest oder für die zum Tod durch den Strang Verurteilten ist heute in Europa Gott sei Dank obsolet geworden.
Eins aber sollte durch alle Epochen hinweg auch nach wie vor zu denken geben: Koloman kam einzig und allein deswegen ums Leben, weil er ein Fremder war, eine andere Kleidung trug und eine andere Sprache sprach. Und man ihn deswegen sofort verdächtigte.
Weil er ein Fremder war...
Auch Maria ist in der Kolomankapelle natürlich von Engeln umgeben.
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