„Sein Grab wird herrlich sein“

Museumsverein Reutte besuchte Heilige Gräber im Zwischentoren

Wer die Volksfrömmigkeit im Außerfern spüren möchte, der kommt an ihnen nicht vorbei: den Heiligen Gräbern im Bezirk Reutte. Ihnen galt auch eine Fahrt des Museumsvereins Reutte am Karsamstag ins Zwischentoren.

Von Jürgen Gerrmann

Beim Ausflug im Rahmen der „Samstagskultur“ wartete Klaus Wankmiller – wie in den Jahren zuvor – mit viel fundierten Informationen auf, die er mit viel Liebe zum Detail erarbeitet hatte und die halfen, eine tieferes Verständnis für diese Tradition zu entwickeln.
So richtete er zum Beispiel in der Pfarrkirche „Zu Unserer Lieben Frau Maria Heimsuchung“ in Ehrwald das Augenmerk auf den Pelikan, der das riesige Grab aus der ersten Hälfte das 19. Jahrhunderts, dessen Schöpfer nicht bekannt ist, als krönender Abschluss oben ziert.
Dabei handelt es sich nicht nur um eine Darstellung eines für Tirol exotischen Tieres: Schon die Kirchenväter im Urchristentum und auch die Künstler im Mittelalter haben den Vogel, der sein Blut für die eigenen Kinder vergießt, als Symbol für Christus betrachtet.

Ein heiliges Theater.

Für Klaus Wankmiller ist das Ehrwalder Grab zwar eindeutig in der Tradition des „Theatrum sacrum“ der Barockzeit verhaftet, bei der die Gläubigen in der Kirche durch Effekte beeindruckt, begeistert und in ihnen Gefühle wachgerufen werden sollten. Schließlich gab es in jenen Jahren noch viele Analphabeten, denen man den Glauben auf diese Art und Weise vermitteln wollte. Auf der anderen Seite sieht der Experte darin auch deutlich klassizistische Züge.
Markant sind auch die Bretter-figuren an den Seiten, die auf das Leiden Jesu hinweisen: „Ich habe meinen Leib meinen Peinigern übergeben“ – steht auf der einen – „Er wird Dich krönen mit der Krone der Betrübnis“ – auf der anderen Seite.
Weitere auffallende Elemente sind hier auch der Gottvater in den Wolken, das Schweißtuch der Veronika und ganz hinten, im vierten Bogen, das Allerheiligste, das in der Osternacht durch den auferstandenen Christus ersetzt werden kann.
Etwas jünger als das Heilige Grab in Ehrwald ist sein Pendant in der Kirche „Zum Heiligen Josef“ in Biberwier. Wankmiller siedelt es kunstgeschichtlich bei der Neugotik und dem Nazarenertum an. Es ist sichtlich von einer gotischen Kirche beeinflusst, deren Spitzbögen auch den ersten Bogen tragen.

Beleuchtete Nagelpunkte.

Auch dieses Heilige Grab setzt durchaus auf Effekte: So können zum Beispiel bei dem von denen Engel getragenen Kreuz die Nagelpunkte von hinten rot beleuchtet werden. Und auch die Leidenswerkzeuge im Giebelspitz sind überaus beeindruckend: Schweißtuch, Lanze, Essigschwamm, Geißel, Dornenkrone und Fessel lassen einen heute auch noch gruseln.
Des Weiteren wird auch hier das Passions-Geschehen lebendig dargestellt. Der Blick fällt hier nicht zuletzt auf die Szenen der Verurteilung: Jesus wird zu Pilatus gebracht und von den Juden verspottet. Hier achtete der (ebenfalls unbekannte) Maler auch auf historische Genauigkeit. Die Juden stellt er immer vor dem Gebäude dar, da man ihnen untersagte, das Richthaus des römischen Statthalters zu betreten.
Beide Gräber nehmen übrigens einen Spruch aus dem 11. Kapitel des Propheten Jesaja an ganz zentraler Stelle auf: „Sein Grab wird herrlich sein!!“

Rarität in Bichlbach.

Und dieses Zitat ist auch das Verbindungsglied zum Heiligen Grab von Bichlbach. Diese Variante war für die Teilnehmer bei der Samstagskultur ein ganz besonderes Erlebnis. Es wurde nämlich seit rund einem halben Jahrhundert nicht mehr aufgestellt. Das Vatikanische Konzil Mitte der 1960er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts bedeutete hier laut Lorenz Wacker, dem Zunftprobst der Josefsbruderschaft, einen sehr großen Einschnitt: „Der letzte, der noch beim Aufstellen aktiv dabei war, dürfte der Fridolin Gärtner sein.“
Lorenz Wacker führte die Gruppe – zusammen mit dem Obmann der Bichlbacher Kulturrunde, Simon Strolz – in den Dachboden des Widums. In diesem Gebäude ist ja auch das Zunftmuseum untergebracht. Und dabei wurde einem buchstäblich vor Augen geführt, wie riesig diese einzelnen Tafeln sind, aus denen sich diese Kulisse des österlichen Geschehens zusammensetzt.
Über das Bichlbacher Grab ist etwas mehr bekannt als über die beiden anderen. Hier weiß man nämlich, wer es geschaffen hat: Joseph Anton Köpfle der Jüngere. Und zwar im Jahre 1862.
Und wenn man direkt vor diesem „Puzzle“ steht, dann merkt man auch, dass Christus, seine Peiniger und auch die orientalisch gekleideten Männer lebensgroß gemalt wurden, um im Kirchenraum von St. Laurentius genügend Wirkung zu erzielen.
Wie Lorenz Wacker der RUNDSCHAU erzählte, gibt es zwar einige, die das Grab gerne wieder aufstellen möchten. Im Moment scheint indes der Aufwand noch zu groß. Denkbar wäre für ihn jedoch, dies im Zusammenhang mit der Erinnerung an die Erhebung Bichl-bachs zur eigenen Pfarrei 1423 zu tun. Dann wäre es also 2023 so weit.
Auf jeden Fall handelt es sich bei diesem Heiligen Grab auch um ein Zeugnis der örtlichen Handwerksgeschichte. Lorenz Wacker: „Die Leinwand für Köpfle haben die Bichlbacher nämlich selbst gewebt.“
Über das Heilige Grab von Heiterwang, das ebenfalls besucht wurde, hatten wir in unserer Ausgabe vom 9. April schon ausführlich berichtet.

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