Sound einer Kultur

Wie klang das bergbäuerliche Alltagsleben? Thomas Nußbaumer gab im Gedächtnisspeicher Einblicke in die Vielfalt der Musik in den Ötztaler Alpen RS-Foto: Hirsch

Dr. Thomas Nußbaumer und die Musik im Ötztal

Thomas Nußbaumer gab in der Reihe „Freitags im Museum“ Einblicke in die große Vielfalt an musikalischen Äußerungen. Anhand von Video- und Hörbeispielen erklangen im Gedächtnisspeicher Heimatlieder, antifaschistische Widerstandslieder, ebenso wie Musik zur Fåsnåcht oder spezielle Ausformungen der Tanzgeigermusik.

Von Friederike Hirsch

„Seit den 1970er Jahren unternahm die Volksmusikforscherin Gerlinde Haid, meist in Begleitung ihres Mannes Hans Haid, und häufig gemeinsam mit Thomas Nußbaumer Forschungen zur traditionellen Musik in den Ötztaler Alpen dies und jenseits der Staatsgrenze“, so Edith Hessenberger (Leiterin der Ötztaler Museen). Gerlinde und Hans haben anschließend, gemeinsam mit „Pro Vita Alpina“, die achtteilige CD-Edition „Musica Alpina“ (1993–2009) herausgegeben. Diese Kollektion zählt zu den Klassikern unter den Dokumentationen zur Volksmusik im Alpenraum. Thomas Nußbaumer berichtete im Gedächtnisspeicher in Längenfeld über diese intensiven Forschungen.

Schafe wandern

Gerlinde Haid und ihr im Februar verstorbener Gatte Hans ging es um das musikalische Kulturerbe der Alpen. Sie sammelten Tondokumente von authentischer und teilweise noch lebendiger Volkskultur. Zwei der achtteiligen CD-Reihe befassen sich mit dem Ötztaler Raum. Seit Jahrhunderten, gar Jahrtausenden begeben sich Hirten und Schafe auf einen spektakulären Schaftrieb, die Transhumanz. Das jährliche Wandern der Schafe über Staatsgrenzen hinweg kann als verbindendes Element innerhalb der CDs gesehen werden. Schwerpunkte der Dokumentation sind das hintere Ötztal, das Schnalstal und vor allem das Passeiertal. Altes, verloren Geglaubtes wurde durch diese Aufzeichnungen wieder zum Klingen gebracht.

Deftig-politisch sind die Widerstandslieder über die Nazi-Brut aus Südtirol. Dieses antifaschistische Widerstandslied wurde von Gerlinde und Hans Haid im Raum der Ötztaler Alpen aufgezeichnet. RS-Foto: Hirsch
Alles andere als ein Allerweltsprodukt

Die Aufnahmen sind Feldaufnahmen, entstanden bei Festen, draußen im Dorf und in den Stuben der Leute. Die technische Qualität steht also nicht im Zentrum, ist aber doch erstaunlich gut. Im Gedächtnisspeicher erklangen historische Hirtenrufe, Schellenklänge, Tanzgeigermusik und Wildschützenlieder. Die Lieder sind sanft und deftig-erotisch, klagend und anklagend, protestierend oder nur zur eigenen Lust und Freude gesungen. Zumeist wurden und werden sie abseits gesungen. Nicht auf Bühnen und Shows, sondern in der Stube, im Gasthaus, zu Feiern und im Jahreskreis.

Eindruck

Teile der Ötztaler Alpen galten selbst in Fachkreisen nicht als Orte, an denen man eifrig und begeistert singt und musiziert. Die Tondokumente beweisen das Gegenteil. In den Tälern der Ötztaler Alpen gibt es eine eigenständige Volkskultur des Musizierens. Thomas Nußbaumer hat mit der Auswahl an Video- und Tonausnahmen ein lebendiges Bild gezeichnet. Im Publikum konnte man den einen oder die andere mitwippend, mitschunkelnd oder leise mitsingend finden. Thomas Nußbaumer verbreitet keinen Kulturpessimismus, sondern betont die steten Veränderungen, denen alle Traditionen unterworfen sind und weist auf lebendiges Brauchtum hin. Hans Haid meinte in seinem Vorwort zu Doppel-CD: „Das ist nicht geschleckt und steril, sondern lebendig.“

 

Die achtteilige CD-Edition „Musica
Alpina“ (1993–2009) zählt zu den Klassikern unter den Dokumentationen zur Volksmusik im Alpenraum. „Viele, viele, erstaunlich und überraschend viele Musikstücke und Lieder“, meint Hans Haid im Vorwort zur CD „Musica Alpina V & VI“ Foto: Ötztaler Museen

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