Sprengeländerung war keine Anlassverordnung

Für Landesrätin Beate Palfrader ist die Stärkung der Region und die Erhaltung der Infrastruktur zentral. Es geht ihr um die langfristige Absicherung der VS Steeg. Fotos: Land Tirol/Aichner

Landesrätin Beate Palfrader wird die Entscheidung des Verfassungsgerichtshofs akzeptieren

Ende des vergangenen Schuljahres wurde von der Tiroler Landesregierung die Stilllegung  mehrerer Kleinschulen beschlossen. Eine Kleinschule stillzulegen, ist keine Schritt, der übereilt gemacht wird, es geht um das Wohl der Kinder und den langfristig gesicherten Erhalt einer Schule in Kleingemeinden. 

Nirgendwo gingen die Wogen so hoch wie in Steeg. Hier trifft es die Volksschule Lechleiten, die mit einer Volksschul-Oberstufe die letzte dieser Art in Österreich war. De facto existiert diese Schulform nicht mehr. In Tirol gibt es flächendeckend Neue Mittelschulen NMS), zu denen die Schüler nach den vier Grundschuljahren wechseln. Ende August trat die neue Sprengelverordnung in Kraft, die die Oberstufe der VS Lechleiten der Neuen Mittelschule Elbigenalp zuschlägt. Zwei Schüler aus Lechleiten sind davon betroffen, sie werden ab 6. September die NMS Elbigenalp besuchen.

Anlassverordnung und Widerstand. Auf Seiten der Gemeinde Steeg waren die Reaktionen wenig positiv.
Im Gespräch mit der RUNDSCHAU erklärte Landesrätin Palfrader, dass von einer Anlassverordnung nicht die Rede sein könne. „Sprengelverordnungen sind notwendig. Wenn beschlossen wird, eine Schule aufzulassen, muss geregelt werden, wo die Kinder künftig die Schule besuchen werden. Dafür braucht es die Sprengelverordnung. Die Regierungssitzung, bei der der entsprechende Beschluss gefasst wurde, war am 15. August, die Kundmachung erfolgte dann Ende August. Die Gemeinde Steeg ist über den Beschluss aber schon vor dieser Kundmachung informiert worden. Man kann also nicht von einer Anlassverordnung sprechen, so die Landesrätin.
Vertreten durch einen Reuttener Rechtsanwalt ging die Gemeinde Steeg beim Verfassungsgerichtshof gegen die Sprengeländerung vor.  Die Entscheidung beim Landesverwaltungsgericht fiel am Montag, dem 4. September und bestätigte die Sprengelverordnung des Landes.  Die Klage der Gemeinde wurde abgewiesen.
„Damit gilt folgende Regelung:  Die beiden Oberstufenschüler werden, wie erwähnt,  die NMS Elbigenalp besuchen, für die Volksschulkinder aus Lechleiten  beginnt am 6. September der Unterricht in der VS Steeg“, so Landesrätin Beate Palfrader in einer ersten Stellungnahme gegenüber der RUNDSCHAU.
„Ich bin eine überzeugte Rechtsstaatlerin“, erklärt sie weiter. „In dieser Sache gibt es keine Sieger und keine Verlierer. Persönliche Befindlichkeiten haben hier keinen Platz. Die Entscheidung des Verwaltungsgerichtshof ist gefallen und gilt. Das Wohl der Kinder steht im Fokus. Sie wechseln jetzt mit Beginn des neuen Schuljahres nach Steeg,  werden aus keiner laufenden Lerneinheit herausgerissen und so keinen pädagogischen Nachteil erfahren.“

Schulbildung und Wohl der Kinder im Fokus. Lange Jahre erfüllte die Volksschul-Oberstufe einen wichtigen Bildungsauftrag. Lechleiten war die letzte dieser Schulen in Österreich. „Nach den Volksschuljahren wechseln die Kinder entweder auf eine Neue Mittelschule oder ein Gymnasium. Für diese Schulen gibt es Lehrpläne, nach denen unterrichtet wird. Für die Volksschul-Oberstufe gibt es schon lange keinen Lehrplan mehr. Der Lehrer in Lechleiten leis-tet sehr gute Arbeit und ich schätze ihn, aber er ist nicht für den Unterricht an einer Mittelschule geprüft, das gilt vor allem für die wichtigen Fächer Deutsch, Englisch und Mathematik. Die zweite Lehrerin, die in Lechleiten stundenweise unterrichtet, ist geprüfte NMS-Lehrerin, aber nur für Physik und Chemie, also kann auch sie die Hauptfächer nicht abdecken“, untermauert die Landesrätin die Entscheidung über die Zuschlagung der Oberstufe zur NMS Elbigenalp.
Laut der Landesrätin hat die Abschaffung der Volksschul-Oberstufe nichts mit der Bildungsreform zu tun. Die Bildungsreform setze sich vielmehr für die Zusammenlegung von Schulleitungen und die Vereinfachung der Organisation ein. „Regionen sollen gestärkt werden. Langfristig ist es ein Hauptziel, in Kleingemeinden eine gut funktionierende Schule langfristig abzusichern. Die Zweiklassigkeit steht dabei im Zentrum. Für die sehr gut aufgestellte VS Steeg sind die Kinder aus Hägerau und Lechleiten sehr wichtig. Ohne sie kann die zweiklassige Schulführung langfristig nicht gewährleistet werden. Wir sind bemüht, die Infrastruktur in den Regionen zu erhalten. Die Menschen sollen im Ort bleiben. Dazu braucht es eine gute Kinderbetreuung, einen Kindergarten und eben eine Volksschule”, so Landesrätin Palfrader.
Am 31. August waren die beiden Schüler, Magdalena Drexl und Johannes Ulsess, zu Besuch bei Direktor Josef Wildanger. Sie konnten sich vor Ort ein Bild ihrer künftigen Schule machen und zeigten sich begeistert. Sie würden sich schon  auf den Unterricht freuen und auch in der Neuen Mittelschule bleiben, egal, wie die Entscheidung ausfallen wird. Auch die Eltern verabschiedeten sich vom Direktor in bestem Einvernehmen. „Oft sind es emotionale Probleme, die auftreten. Viele Eltern sind selbst schon in eine Kleinschule gegangen und erleben die Schließung dann wie einen schweren Abschied. Wenn sie aber sehen, wie gut sich ihre Kinder in anderen Schulen entwickeln und welchen Spaß sie dort haben, sind sie überzeugt, dass diese Entscheidung die richtige war“, weiß Beate Palfrader aus Erfahrung zu berichten.
Um die Zukunft des Lehrers Robert Heiss braucht man sich keine Sorgen zu machen. „Selbstverständlich ist seine Weiterbeschäftigung gesichert. Er wird eine Stelle an einer anderen Schule erhalten und dort Unterricht halten“, kann Beate Palfrader auch hier die Gemüter beruhigen. Es geht um die Kinder und ihre Zukunft. Bildung ist eine der wesentlichen Grundlagen, die wir vermitteln können. Sie muss gesichert sein. Lernen in einem gleichaltrigen Klassenverband fordert und fördert, die Kinder aus Lechleiten erhalten jetzt diese Chance.  Auch wenn es für viele Beteiligte eine Umstellung bedeutet, ist die Veränderung zukunftsweisend.