Stamser Eichen „hinter Gitter“

OStR. Prof. Dr. Werner Schwarz erläuterte dem Gemeinderat zahlreiche Hintergründe zum Stand des Eichenwald-Projektes. Fotos: Ploder

Neuer Stamser Gemeinderat informierte sich über Hintergründe des Eichenwaldprojektes

Bereits 1929 wurde der Stamser Eichenwald zum Naturdenkmal erklärt und erhielt dadurch den in Österreich rechtlich höchstmöglichen Schutz. Von den ursprünglich rund 1300 Bäumen sind noch etwa 900 erhalten, einige bereits mehr als 300 Jahre alt. Die insgesamt massive Überalterung und die Gefährdung durch umstürzende Stämme und herabfallende Äste zwangen zu weitreichenden Maßnahmen. Von 2004 bis 2022 wird auf einer Teilfläche von etwa fünf Hektar ein Verjüngungs- und Revitalisierungsprojekt umgesetzt.

Um die jungen Bäume vor Verbiss zu schützen und Gefährdung auf den Spazier- und Wanderwegen zu vermeiden, wurden im südlichen und im mittleren Teil des Areals weite Bereiche eingezäunt: Das Betreten dieser Flächen generell verboten. Im zurückliegenden Gemeinderatswahlkampf wurde auch die Forderung nach Öffnung der Wege für Einheimische und Gäste thematisiert. In der jüngsten GR-Sitzung beantworteten nun Josef Kretschmer, Verwalter des Stiftes Stams als Eigentümer des Eichenwaldes, und der ortsansässige Biologe und Eichenwaldexperte OStR. Prof. Dr. Werner Schwarz die Fragen der Gemeinderäte, erläuterten die aktuelle Situation und die nächsten Schritte. Stams wirbt mit dem Status der Eichenwaldgemeinde um Touristen. Einheimischen wie Gästen wird allerdings seit längerem durch großflächige Umzäunungen das Betreten weiter Teile des Waldgebietes verwehrt. Als Folge wurde auch der bestehende Lehrpfad auf seine nördliche Schleife reduziert. Das neu zusammengesetzte Dorfparlament bat deshalb Vertreter der Eichenwaldgruppe um Information. Dieses Gremium besteht aus Experten des Landes, des Bezirks, der Bundesforste und OStR. Prof. Dr. Werner Schwarz, einem ortsansässigen Biologen und intimen Kenner der Materie, sowie dem Verwalter des Stiftes Stams, Josef Kretschmer. Neben der Sanierung des Baumbestandes gehört auch die Wiederansiedlung des Hirschkäfers zum Gesamtpaket der angestrebten nachhaltigen Revitalisierung des Ökosystems.
Als Naturdenkmal genießt der Stamser Eichenwald auf 22,5 Hektar den in Österreich rechtlich höchstmöglichen Schutz. „Dadurch gilt jede einzelne Eiche für sich bereits als Denkmal“, erklärte dazu Josef Kretschmer mit spürbarem Unbehagen im Unterton, „selbst wenn nur ein einzelner Ast abgeschnitten werden soll, muss dafür eine Genehmigung eingeholt werden“. An der Notwendigkeit der bestehenden Zäune für den Erfolg des Verjüngungsprozesses ließ Kretschmer allerdings keinen Zweifel. „Diese sind einerseits als Schutz gegen Verbiss unverzichtbar, andererseits auch zur Sicherung vor Gefährdung durch herabfallende Äste oder umstürzende Bäume“, so der Stiftsverwalter, „mit einer Entfernung der Zäune kann wegen des langsamen Wachstums der Eichen frühestens in fünf Jahren gerechnet werden“. Wie Kretschmer weiter ausführte, besteht die Gefährdung durch herabstürzende Äste und den Fall von Bäumen nicht nur bei ungünstigen Wetterlagen, eine Sperrung potentiell gefährdeter Wege sei deshalb schon aus Haftungsgründen nötig. In diesem Zusammenhang thematisierte Kretschmer auch den Standort des Festzeltes des traditionellen Pfingstturnieres, dessen Umfeld seiner Ansicht nach zu den besonders stark gefährdeten Bereichen zählt und riet zu einer Verlegung, weil es niemandem zumutbar sei, die Verantwortung für die Sicherheit zu übernehmen. „Das Stift verdient keinen Cent und trägt sogar noch das Unfallrisiko“, meinte der Verwalter dazu im Detail, „wir bringen also Leistung ohne Gegenleistung“. Die benutzbaren Wege werden zweimal jährlich von Kretschmer und einem Experten der ÖBf begangen. Um Haftungen auszuschließen, werden erkennbare Schäden in der Folge von einem Team ausgewählter Forstarbeiter der ÖBf beseitigt.
Das Risiko selbst ist deshalb allerdings weiter existent. „Eichen sind unberechenbar“, bestätigte dazu auch Werner Schwarz, „selbst gesund wirkende Bäume können ohne erkennbare Vorzeichen von einer Sekunde auf die andere umstürzen“. „Bis vor einigen Jahrzehnten wurde Laub und Kleinholz aus dem Wald geholt und zum Heizen benutzt“, berichtete Dr. Schwarz, „heute bleibt vor allem das langsam verwitternde Laub liegen und bildet eine dichte, nur gering wasserdurchlässige Schicht“. Fehlt den Eichen ausreichend Regenwasser, so benötigen sie Ersatz durch Grundwasser. „Durch unterschiedlichste Maßnahmen, u.a. dem Kraftwerks- und Siedlungsbau, wurden massive Veränderungen im Grundwassersystem verursacht“, so Dr. Schwarz weiter, „zu geringe Wassermengen führten unter anderem zum Absterben der Tiefwurzeln. Dadurch ging die Standfestigkeit verloren, gleichzeitig begannen die Bäume auszutrocknen“.
Der kritische Zustand des Eichenwaldes zeigt auch deutliche wirtschaftliche Wirkungen. Von den budgetierten 168.000 Euro wurden bereits deutlich mehr als 60% ausgegeben, wovon ein großer Teil als Direktförderung ans Stift floss. Bezahlt wurden damit nicht nur 90% der eigentlich vom Waldbesitzer zu tragenden Sanierungskosten von 350 bis 400 Euro je Baum, auch jene Stämme, die gezielt im Wald verblieben, wurden seitens der öffentlichen Hand entsprechend abgelöst. Die übrigen eingeschlagenen Mengen vermarktete das Stift als Waldeigentümer selbst.
Auf Bitte der Gemeinderäte bestätigte Dr. Werner Schwarz, in der kommenden Sitzung der Eichenwaldgruppe den Wunsch nach erweiterter Zugänglichkeit des Eichenwaldes anzusprechen und einen Kompromiss anzustreben. Ein Ergebnis lasse sich jedoch wegen der Komplexität der Materie nicht vorhersagen.

Von Thomas Ploder

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