Sucht ist kein Versagen

Julia Mac Gowan von der Suchtberatung Reutte, Theresa Rauter (mobile Jugendarbeit) und Birgit Keel, GF Suchthilfe Tirol, (v.l.) helfen bei Suchtproblemen und beraten Klienten und deren Angehörige. RS-Foto: Schretter

Die Suchtberatung bemüht sich um Selbstverantwortung und bietet Klienten Hilfe zur Selbsthilfe

Seit 2011 gibt es in Tirol eine Suchthilfeeinrichtung, die Suchtberatung Tirol. Flächendeckend bemüht sich ein Team von Mitarbeitern unteschiedlicher Qualifikation, Hilfesuchende zu beraten und auf ihrem Weg aus der Sucht zu unterstützen.

2016 suchten tirolweit 1000 Klinenten mit Suchtproblemen Hilfe, 80 Prozent davon waren Männer. Anders verhält es sich bei den Angehörigen Süchtiger, die Rat brauchen. Hier waren es zu 70 Prozent Frauen, die in die Beratungsstellen kamen.
Birgit Keel, Geschäftsführerin der Suchtberatung Tirol, erklärt diese Zahlen: „Frauen nehmen Drogen bzw. süchtig machende Medikamente ,im stillen Kämmerchen’, Männer konsumieren Drogen meist in der Gruppe.“
Als Leitdroge, die die meisten Probleme verursachtt, gilt mit über 50 Prozent Cannabis, Opiate machen 15 Prozent, Kokain 11 Prozent aus.
Klienten kommen über unterschiedlichen Wegen zu den Suchtberatungsstellen. Weisungsklienten werden vom Gericht oder dem Amtsarzt überwiesen. Sie müssen eine Bestätigung über den Besuch der Beratungsstunden abliefern. Nicht immer sind sie überzeugt von diesem Angebot. Es gilt daher, zuerst einmal eine Beziehung zu diesen Klienten aufzubauen, ihr Vertrauen zu gewinnen. „Weisungsklienten müssen Strukturen einhalten. Es ist nicht immer einfach, aber der Großteil lässt sich nach anfänglichem Zögern dannn doch auf den Beratungsprozess ein“, berichtet Julia Mac Gowan, Psychotherapeutin bei der Suchtberatung Reutte.
Stellt der Schularzt Drogenmissbrauch bei einem Schüler fest, meldet er dies. Der betroffene Schüler ist dann verpflichtet, zur Beratungsstelle zu kommen. Geschieht dies nicht, läuft der Fall über die Polizei. „Hier sind die Vernetzung und Zusammenarbeit mit den Behörden, den Amtsärzten, Schulärzten, den Krankenhäusern und Kliniken und Gerichten besonders wichtig“, betont Birgit Keel.

Sucht geht alle an. Sucht ist nicht die  Angelegenheit von Randgruppen, hält sich nicht an soziale Muster. Suchtanteile trägt jeder in sich. Meist fängt alles ganz klein an. Krisen, Traumatisierungen, Mißbrauch, Gewalt oder Verzweiflung wiegen so schwer, dass sie nicht mehr ertragbar sind. Zur Bewältigung flüchten Betroffene oft in die Sucht. „Der Konsum von Suchtmitteln, Alkohol oder Drogen hilft, schwierige Situation besser ertragen oder auch verdrängen zu können. Der Teufelskreis beginnt. Hier setzen wir an und versuchen, die Ausgangsprobleme anzupacken“, beschreibt Julia Mac Gowan die Herangehensweise der Suchtberater. Es wird klinisch-psychologisch und psychosozial gearbeitet, führt Birgit Keel dazu aus.

Kiss. In Reutte wird die KISS-Therapie angeboten (KISS = Kontrolle im selbstbestimmten Substanzkonsum). Betroffene sollen mit dieser Therapieform lernen, den eigenen Suchtmittelkonsum einzuordnen und zu kontrollieren. Suchtkranke führen eine Art Tagebuch und tragen ein, welche Substanz in welcher Konsumeinheit sie wann eingenommen haben. Sie setzen sich Ziele und sollen mit dem Tagebuch kontrollieren, ob sie ihr Ziel erreicht haben. Am Ende jeder Woche wird das eigene Kosumverhalten bewertet. „Damit erzielen wir gute Erfolge”, ist Julian Mac Gowan von diesem Ansatz überzeugt, denn: „Wir gehen hier nicht in die Verbotszone oder entmündigen unsere Klienten, wir geben ihnen Verantwortung und eine Aufgabe.“

Info4youth. Theresa Rauter von der mobilen Jugendarbeit informierte über die Veranstaltung Info4Youth, die am 18. und 19. Oktober in der Sporthalle Reutte stattfindet. „Hier stellen 24 Einrichtungen ihre Angebote und Leistungen für Jugendliche vor. Es wird auch über Möglichkeiten ehrenamtlicher Tätigkeit informiert, ebenso erfahren Jugendliche, wohin sie sich in Notsituationen wenden können. Auch die Suchtberatung ist bei der Veranstaltung vertreten“, stellt Theresa Rauter das Pilotprojekt vor. Es versteht sich als Bündelung vieler Informationen für junge Leute. „Wir haben auch die Schulen dazu eingeladen und erwarten etwa 1000 Besucher an den beiden Tagen. Wir planen Nachfolgeprojekte, die es alle zwei bis drei Jahre geben soll“, hofft Theresa Rauter auf regen Zustrom.

Information und Kontakt. Betroffene und Ratsuchende können sich bei der Beratungsstelle in Reutte melden.
Untermarkt 11, Tel. 05672 712 46.
Anliegen von Klienten und Angehörigen werden vertraulich und respektvoll behandelt. Verschwiegenheit ist oberstes Gebot. Es wird im Sinne der gerichtlichen Auflagen und gesundheitsbezogener Maßnahmen beraten.