Süßes Erwerbsleben

Liebe Freunde des 12-Stunden-Tages!

Wir Österreicher sind ein fleißiges Volk. Wir lieben die Arbeit. Und definieren unser Wohlbefinden und Ansehen gerne über Tätigkeit und Position. Außerdem sind wir Strategen. Mit Weitblick auf langfristige Perspektiven. Und so haben wir jetzt mehrheitlich eine Bundesregierung gewählt, die uns schenkt, was wir lange schon ersehnen: mehr Arbeit, samt höchster Flexibilität! Die Sache beglückt eine ganze Nation. Arbeit macht das Leben süß. Wer arbeitet, der kommt auf keine dummen Gedanken. Nur Untätige sind frustriert. Und die viele Freizeit, was hat sie uns denn gebracht? Unfälle. Konflikte in der Familie und unter Freunden. Langeweile. Tristesse. Wie oft saß ich denn am See, den 3. Fisch schon geangelt, faden Blickes mir denkend: Wie schön wäre es jetzt doch im Büro? Und auch die Maurer, Zimmerer und Mechaniker neben mir bestätigen ähnliches: Immer wenn sie nach 8 Stunden so richtig warm sind, reißt der Vorarbeiter sie jäh aus ihrem von Glückshormonen begleiteten Prozessen. Und zwingt sie zum Feierabendbier und zur Jause. Was letztlich nicht gesund ist. Also ab jetzt ist alles gut. Bis auf ein paar Details. Ob es dann für die Mehrarbeit auch mehr Geld gibt, habe ich noch nicht so richtig herausgelesen. Aber da werden schon die Gewerkschaften dafür sorgen. Wenn die jetzt auch noch 60 Stunden pro Woche ackern, dann müssen sich die Arbeitgeber warm anziehen. Übrigens: Für alle jene, die das lange Arbeiten vielleicht aus gesundheitlichen Gründen nicht so schaffen, empfehle ich eine Anleihe aus dem Fußball: Wechselspieler und Ersatzbänke lösen das Problem. Wenn einem die Luft ausgeht, kommt der nächste. Das heißt für die Unternehmer: Kader aufstocken! Und wenn die Ersatzleute gleich viel verdienen wie die der Startelf, dann wechsle ich. Als 3. Tormann in der Firma werde ich es noch ein paar Jährchen aushalten bis zur Pension – und die dauert dann eh 24 Stunden täglich.

Meinhard Eiter

 

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