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Telfs | Chronik | 2. Mai 2022 | Beatrice Hackl

Auf dem Weg in die Eigenständigkeit

Auf dem Weg in die Eigenständigkeit
In Völs bietet „Impulse“ Menschen, die noch nicht am ersten Arbeitsmarkt integriert werden können, eine Arbeits- und Beschäftigungstherapie. RS-Fotos: Hackl
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Der Verein „Impulse“ in Völs stimmt sein Angebot auf die individuellen Fähigkeiten und Bedürfnisse der Klienten ab

Den Verein „Impulse“ in Völs gibt es seit nahezu 25 Jahren, und kann von Menschen mit kognitiven und körperlichen Beeinträchtigungen ab dem 18 Lebensjahr besucht werden. Neben dem Arbeitsangebot wird ein vielfältiges Alternativ- bzw. Freizeitangebot gestaltet, das auf die individuellen Fähigkeiten der Klienten abgestimmt ist. Durch die abwechslungsreiche Tagesstruktur können die Klienten ihre Stärken und Fähigkeiten mittels sinnvoller Beschäftigung und einem breiten Alternativprogramm weiterentwickeln. Die RUNDSCHAU hat sich mit der GF Claudia Blascik-Berchtold über die Einrichtung, den Kunsttreff, bürokratische Schwierigkeiten sowie über ihre Wünsche in Bezug auf den Umgang mit Menschen mit kognitiven und körperlichen Beeinträchtigungen unterhalten.
Von Beatrice Hackl

„Aktuell betreuen wir 20 Klienten, denen wir Arbeits- und Beschäftigungstherapie in vier rotierenden Gruppen bieten: Holz, Küche, Kunsttreff und die „alternativ Gruppe“. Die ersten drei sind auf Arbeit ausgerichtet, während die letztere etwas freier ist und sowohl Sport, Theater, Musik sowie unterstützte Kommunikation und dergleichen beinhaltet“, berichtet GF Claudia Blascik-Berchtold über die Einrichtung und darüber, wie die Klienten auf selbstständiges Wohnen und Arbeiten vorbereitet werden. Die Klienten wechseln nicht nur die Gruppe an sich, sondern auch innerhalb der Gruppen wird immer wieder neu durchgemischt. „Mir ist das sehr wichtig, denn durch das Rotationssystem verändert sich die Dynamik und jeder Klient hat somit die Chance, einmal der beste innerhalb der Gruppe zu sein. Sie lernen dadurch beides kennen – einmal sind sie Alpha, einmal Omega, sie sind somit nicht immer der Beste oder Schlechteste“, erläutert die Geschäftsführerin und ergänzt: „Unser Programm ist nicht starr, die Mitarbeiter dürfen sich mit Ideen einbringen und ihre Talente weitergeben. Die dadurch entstehende Vielfalt bereichert. Im Grunde entscheidet die Reaktion der Klienten, was funktioniert und was nicht. Ihre Stimmung und ihr Interesse sind immer ein guter Indikator dafür, ob wir ‚gut‘ arbeiten.“

Dem Wandel auf die Sprünge helfen. Problematisch ist in Blascik-Berchtolds Augen der Umstand, dass Klienten, die man in die Arbeitswelt entlässt, 25 Stunden arbeiten sollen und sobald sie in die Arbeitswelt eintauchen nicht mehr in die Einrichtung zurückkönnen. „Selbst unseren ‚stärksten‘ Klienten ist es nicht möglich, 25 Stunden zu arbeiten. Zehn Stunden wären meiner Einschätzung nach realistisch. Ich würde mir wünschen, dass beides möglich ist. Es wäre super, wenn sie zehn Stunden arbeiten könnten und den Rest der Zeit unsere Einrichtung besuchen könnten. Eine Mischung anstatt einem entweder oder“, betont die GF Blascik-Berchtold. Das gäbe hier noch keine finanzielle Trennung und die Gesetzte hinken der Geschäftsführerin zufolge hinterher. Sie will einem Wandel mit neuen Konzepten auf die Sprünge helfen. „Der Bedarf ist hoch. Wir haben eine lange Warteliste. Es ist weder für die Eltern noch für den Jugendlichen gut, wenn sie so lange zu Hause sitzen. Durch das Misch-Modell aus Arbeit und dem Besuch einer Einrichtung würden dringend benötigte Kapazitäten frei“, ist Blascik-Berchtold überzeugt.

Auftragsarbeiten brauchen Vorlaufzeit. „Wir betrachten unsere Klienten als zusätzliche Mitarbeiter, die einen wertvollen Beitrag leisten. Unter anderem halten unsere Klienten für die Gemeinde die Spielplätze sowie den Friedhof sauber und übernehmen das Einsackeln für Firmen bzw. Auftragsarbeiten. Im Rahmen unserer Möglichkeiten werden beispielsweise Bienenhäuser und Hochbeete gefertigt. Wir freuen uns natürlich über jeden Auftrag, aber was wir unbedingt brauchen, ist Zeit. Für uns ist es ideal, wenn man uns für Weihnachtsgeschenke bereits jetzt beauftragt, damit wir das planen können“, unterstreicht Blascik-Berchtold.

Kunsttreff in Kematen – eine Galerie für jeden. „Wir wollten weg von dem typischen Verkaufsladen und haben somit eine mehrfach barrierefreie Galerie eröffnet. Ausstellen kann bei uns jeder. Egal, ob bekannt oder unbekannt, ob kognitiv eingeschränkt oder nicht. Kunst ist nichts Elitäres, sie ist für jeden da. Platz haben wir für sechs Bilder und diese werden von uns ‚übersetzt‘. So gibt es Kopfhörer mit Erklärungen, in normaler und leichter Sprache. Wir versehen die Bilder mit Taktildruck, damit auch Blinde die Bilder lesen können. Es gibt Fühlboxen. Ist auf dem Bild beispielsweise ein Pfau zu sehen, befindet sich eine Pfauenfeder in der Box. Musik kann visuell in Farben übersetzt oder durch Schwingungen spürbar gemacht werden“, erklärt die Geschäftsführerin das Konzept.

Inklusion – auf Augenhöhe. „Der Kunsttreff soll ein Treffpunkt für alle sein. Man kann die Ausstellung besuchen, während unsere Klienten dort arbeiten und idealerweise setzen sich Besucher dazu und werkeln bzw. basteln mit. Im Umgang mit unseren Klienten würde ich mir wünschen, dass die Menschen sich ganz normal mit ihnen unterhalten – auf Augenhöhe. Es braucht keine Babysprache. Man kann normal mit ihnen sprechen und ihnen Dinge erklären. Man muss da keinen Unterschied machen, und somit kann Positives sowie Negatives thematisiert werden. Menschen mit Trisomie 21 haben beispielsweise ein anderes Nähe-Distanzempfinden und lieben Umarmungen. Wer das aber nicht möchte, kann und soll ihnen das ruhig mitteilen. Sie verstehen das, und alles andere ist ein ‚falscher‘ Schutz. Wenn man sie immer nur mit Samthandschuhen anfasst, werden sie nie wirklich in die Gesellschaft integriert“, gibt Blascik-Berchtold zu bedenken.
 
Auf dem Weg in die Eigenständigkeit
Claudia Blascik-Berchtold fungiert seit 2017 als GF von „Impulse“. Balto, der Impulse-Hund, wird zum Therapiehund ausgebildet.
Auf dem Weg in die Eigenständigkeit
Auch Bewegung und Sport sind Teil des „Impulse“-Programms.
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