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Telfs | Chronik | 12. Juli 2021 | Gebi G. Schnöll

„Wir haben große Angst vor Wolf und Bär!“

„Wir haben große Angst vor Wolf und Bär!“<br />
Schafabtrieb mitten im Sommer in St. Leonhard im Pitztal. Selbst die ältesten Bauern können sich an so etwas nicht erinnern. RS-Foto: Mel Burger
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Unter dem Problem mit den Beutegreifern Wolf und Bär leiden nicht nur die Bauern, sondern offenbar auch die Kinder

Rund 200 Schafrisse wurden heuer landesweit bereits behördlich erfasst. Sechs verschiedene Wölfe, die alle männlich sind und aus der italienischen Population stammen, wurden heuer in Tirol genetisch nachgewiesen. In etlichen Fällen von Schafrissen steht das Ergebnis der Genotypisierung, der Bestimmung des Individuums, noch aus. Es ist zudem davon auszugehen, dass sich aktuell auch zwei Bären im Oberland und einer in Osttirol aufhalten. Der Ruf nach dem Abschuss von „Problemwölfen“ wird immer lauter. Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger und Landespolitiker fordern die Entnahme einzelner Wölfe, was vom WWF natürlich kritisiert wird. Inzwischen holen immer mehr Bauern ihre Schafe zurück ins Tal. Vergangenen Freitag fand mitten im Sommer ein Schafabtrieb in St. Leonhard im Pitztal statt.
Von Gebi G. Schnöll

Den Behörden wurden bislang rund 200 tote Schafe gemeldet, die zu einem Großteil bereits genetisch bestätigt einem großen Beutegreifer zuzuordnen sind. Dazu kommen noch rund 100 abgängige Tiere. Auffallend ist, dass Bären für ein Viertel der Risse verantwortlich sein dürften. Für die im Zeitraum 25. bis 29. Juni begutachteten toten Schafe liegen seit vergangener Woche auch die Ergebnisse der DNA-Untersuchungen zur Bestimmung der Tierart vor. Bei den toten Schafen auf der „Feldringalm“ in Silz, auf der Westendorfer „Niederkaralm“, auf der „Oberhofer Alm“ sowie auf der „Rietzer Alm“ wurde bei den eingesandten Proben jeweils ein Wolf nachgewiesen. Bei einer Losung (Kot), die im Nahebereich von zwei toten Schafen in Anras (Osttirol) gefunden wurde, konnte hingegen die DNA eines Bären nachgewiesen werden. Schafbauern aus allen Landesteilen fordern inwischen die Politik auf, schnellstens Maßnahmen gegen die blutrünstigen Beutegreifer, dabei vor allem gegen „Problemwölfe“, zu ergreifen. Die Schwarz-Grüne Koalition brachte vergangene Woche im Landtag einen Antrag ein. Ein Fachkuratorium, zusammengesetzt aus fünf Experten, soll künftig über den Umgang mit „Problemwölfen“ entscheiden. „Der Maßnahmenplan reicht hin bis zur Entnahme“, kündigte LH-Stv. Josef Geisler an. SP-Klubomann Georg Dornauer wirft  indessen der Schwarz-Grün-Koalition in Sachen Wolf Hilflosigkeit vor. 

„Problemwölfe beseitigen!“ Inzwischen meldete sich auch Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger zu Wort: „Die heimische Alm- und Weidewirtschaft ist akut gefährdet. Die Meldungen von Wolfsrissen häufen sich. Das ist nicht nur für Almbauern, sondern auch für die touristische Nutzung von Almen und Wanderwegen ein Problem. Wenn jetzt nicht gehandelt und Problemwölfe entnommen werden, können die heimischen Almen bald nicht mehr bewirtschaftet werden. Die Wölfe haben alleine in den letzten Wochen rund 200 Tiere gerissen. Der Anblick gerissener Tiere ist – neben dem wirtschaftlichen Schaden – auch psychisch sehr belastend für die betroffenen Almbauern!“ Für die Landwirtschaftsministerin ist eine friedliche Koexistenz von Wölfen und Almwirtschaft reine Illusion. „Wölfe sind Raubtiere, die oft wahllos zuschlagen und Almvieh reißen. Es gibt rechtliche Möglichkeiten, Problemwölfe zu entnehmen. Diese müssen konsequent genutzt werden, um Almvieh – und auch Menschenleben – zu schützen. Wir können nicht darauf warten, bis der erste Mensch durch einen Problemwolf verletzt wird. Dass dieses Bedrohungspotential besteht, zeigen Angriffe in anderen Ländern.“ Kritik kommt vom WWF. „Der Wolf ist eine streng geschützte Art und wichtiger Bestandteil einer intakten Natur. Anstatt rechtswidrige Abschüsse zu fordern, muss der betroffenen Almwirtschaft durch eine Herdenschutz-Offensive geholfen werden. Die wird von der Politik seit Jahren auf die lange Bank geschoben, was vollkommen unverantwortlich ist“, sagt WWF-Artenschutzexperte Arno Aschauer.

Verbitterung. In Oberhofen wurden Ende Mai 300 Schafe auf die Alm getrieben. Nachdem von einem Wolf 31 Tiere bestialisch gerissen wurden und 20 verschollen sind, wurden vor drei Wochen die noch lebenden Schafe zurück ins Tal gebracht. Das war vergangenen Freitag auch in St. Leonhard im Pitztal der Fall. 400 Schafe sollten im Gebiet der „Schwarzenberg Alm“ den Weidesommer verbringen, doch der  Almsommer fand nun ein jähes Ende. „Mein Mann ist Hirte auf der Alm und für ca. 400 Schafe verantwortlich. Wir haben in den letzten drei Wochen etliche tote Schafe aufgefunden. Laut Amtstierarzt ist davon auszugehen, dass ein Bär die Schafe gerissen hat. Wir haben mit den Bauern zusammen beschlossen, dass der Almsommer beendet ist. Es ist mir ein persönliches Anliegen einmal darzulegen, dass unsere Tiere für uns Bauern und besonders für unsere Kinder einen hohen Wert haben und uns am Herzen liegen. Wir ziehen manche Schafe mit der Flasche groß und unsere Kinder geben ihnen Namen und haben einen persönlichen Bezug zu den Tieren. Ganz zu schweigen davon, dass es auch eine Einnahmequelle als Landwirt ist“, schreibt Doris Larcher, die Gattin des „Schwarzenberg Alm“-Hirten. Die Pitztalerin führt weiters an, dass einige Bauern nun keine andere Möglichkeit sehen, als ihre Schafe in den Stall zu sperren. „Von Seiten der Landesregierung verlange ich eine konkrete Antwort, wie das weitergehen soll. Mit Bär und Wolf auf den Almen werden wir bald keine Landwirte mehr haben. Was  unserem Landeshauptmann wahrscheinlich egal ist, Hauptsache die Bauern haben ihm bei der Wahl den Rücken gestärkt. Ich lege der schwarzen Partei nahe, dass sie etwas für uns Bauern unternimmt, ansonsten wird das ihre letzte Regierungsperiode gewesen sein. Und nachstehend noch meine Fragen nach dem Tierschutz? Wo bleibt dieser, wenn ein Schaf bei lebendigem Leibe qualvoll zerfleischt wird? Wo ist der Tierschutz, wenn Mutterschafe gefressen werden und Lämmer elendig verhungern und verenden müssen?“

Angst. Das „Wolfsproblem“ geht auch an Kindern nicht spurlos vorbei.  Die Schüler der dritten Volksschulklasse St. Leonhard bringen in einem Brief an Bürgermeister Elmar Haid ihre Gedanken zum Ausdruck. Unter anderem heißt es sinngemäß: „Der Wolf und Bär gehören nicht hier her, weil sie unsere Nutztiere reißen. Außerdem töten sie oft viele Schafe und lassen sie danach einfach liegen. Oft müssen die Tiere tagelang leiden bis sie tot sind.  Bauern und Hirten sind um ihre Nutztiere sehr besorgt. Wir brauchen die Nutztiere um zu leben, weil sie uns Milch, Fleisch, Wolle und vieles mehr bringen. Wenn keine Nutztiere mehr auf den Almen sind, werden die Naturkatastrophen zunehmen. Wir Kinder gehen auch nicht mehr in den Wald, weil wir Angst vor Wolf und Bär haben. Man muss die Beutegreifer nicht erschießen, sondern dorthin aussiedeln, wo sie einen Lebensraum haben!“
 
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Die Schafe erleiden höllische Qualen, wenn sie von einem Beutegreifer gerissen werden. Die Schützer von Wolf und Bär berührt das kaum. Foto: Larcher
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