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Telfs | Kultur | 11. Juli 2022 | Beatrice Hackl

Auf den Spuren einer unerhörten Geschichte

Auf den Spuren einer unerhörten Geschichte
Kein Bild vom See, darin war man sich nach diesem lehrreichen Tag in Graun einig (v.l.): Stausee-Chronist Ludwig Schöpf und das nahezu vollständige Ensemble von „Ich bleibe hier“: Edwin Hochmuth, Peter Cieslinksi, Wiltrud Stieger, Eleonore Bürcher, Elena-Maria Knapp sowie Regisseur Lorenz Leander Haas. Fotos: Tiroler Volksschauspiele
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Das Ensemble von „Ich bleibe hier“ fuhr gemeinsam an jenen Ort, um den es im Roman von Marco Balzano geht

Wir alle kennen ihn als eigenartig anmutende Attraktion: den alten Kirchturm, der in Graun aus dem Wasser ragt. Er ist längst eines der beliebtesten Fotomotive Südtirols. Doch wenn man um die Hintergründe weiß, die Marco Balzano in „Ich bleibe hier“ eindrücklich erzählt, schaudert einem davor. Auch das Ensemble der „Tiroler Volksschauspiele“, das die dramatisierte Version des Romans in Telfs auf die Bühne bringen wird, hat sich deshalb nur abseits vom See fotografieren lassen.
Von Beatrice Hackl

Die Exkursion war schon seit Monaten geplant, „weil es einfach wichtig ist, dass unser Ensemble diesen Ort und die Geschichte dahinter auch leibhaftig erfahren und erspüren kann“, betont Verena Covi, GF der „Tiroler Volksschauspiele“. Also chauffierte sie die Schauspieler sowie Lorenz Leander Haas, den Regisseur der ersten Uraufführungsproduktion des diesjährigen Festivals, in jenes Dorf, von dem die Hauptfigur Trina um nichts in der Welt weggehen will. Selbst dann nicht, als es bereits vollständig geflutet war und eben nur noch der alte Kirchturm der Pfarrkirche aus dem Wasser des Stausees ragte. Ihr Mann Erich, der das Unglück als einziger im Dorf kommen sieht und dagegen gemeinsam mit dem Pfarrer anzukämpfen versucht, wird daran letztlich zerbrechen.

Dem Vergessen entreißen. Marco Balzano ist irgendwann durch Zufall vor diesem Turm gestrandet, wie er selbst in einem Interview mit den „Tiroler Volksschauspielen“ erzählte. Er habe sofort gewusst, dass es unter diesem Wasser eine Geschichte gab, die man dem Vergessen entreißen musste. Also versuchte er mehr darüber zu erfahren, doch die Gemeinde hat ihm auf seine Anfrage nie geantwortet. Das wiederum erfährt das Ensemble nicht von ihm, sondern von jenem Mann, der wohl maßgeblich dafür verantwortlich ist, dass Balzano diesen Roman überhaupt schreiben konnte: Ludwig Schöpf, ein mittlerweile pensionierter Lehrer, der sich seit Jahrzehnten mit diesem dunklen und tragischen Kapitel in der Geschichte seines Dorfes auseinandersetzt. Gerald Burger, engagierter Leiter des dortigen Tourismusbüros, hat ihn daher als Auskunftsperson und historischen Guide gleich zum ersten Treffpunkt mitgebracht. Anschließend führte der Weg ins Alte Gemeindehaus von Graun, in dem das ehrenamtlich betriebene Museum Vinschger Oberland – Alt Graun untergebracht ist. Hier empfängt Valentin Paulmichl die Besucher, auch er ein mittlerweile pensionierter Lehrer, der gemeinsam mit Ludwig Schöpf durch jene Räume des Museums führt, in denen die gesamte Geschichte der Seestauung dokumentiert ist. Das Ensemble erhält erstmals einen Eindruck davon, wie jenes Graun, in dem die Figuren lebten, ausgesehen hat. Denn dort sind sowohl ein 3D-Modell (eine aktuelle Masterarbeit) als auch ein klassisch gebautes Modell des alten Dorfes zu sehen.

Im Wasser versunken. Edwin Hochmuth, im Stück Trinas Mann Erich, zeigt sofort zielsicher auf ein Häuschen und meint zu „Trina“ Wiltrud Stieger: „Das war unser Haus.“ Richtig unter die Haut gehen die zahlreichen Schwarzweiß-Aufnahmen von der sukzessiven Zerstörung und Flutung dieses zuvor blühenden Ortes. Vor allem jenes Bild, das auch Marco Balzano dazu veranlasste, seine Hauptfigur nach ihr zu benennen: Es zeigt eine alte Frau mit Kopftuch, die Schwarz Trinali, die sich bis zuletzt weigerte, ihr Haus zurückzulassen. Als im Erdgeschoss schon Wasser stand, zog sie einfach gemeinsam mit ihren Hühnern in den ersten Stock und gelangte von dort nur noch über eine Leiter ins Freie. Sie musste schließlich gewaltsam weggebracht werden, ihre Bücher, die sie über alles liebte, warf man einfach ins Wasser. Nicht minder erschütternd, was Ludwig Schöpf über die Stauung erzählte: Man erachtete es schlichtweg nicht für notwendig, die Bevölkerung über den Zeitpunkt der Schleusenschließung zu informieren. So versanken innerhalb eines Jahres das gesamte Dorf Graun, etwa 80 Prozent des Dorfes Reschen sowie 500 Hektar Kulturfläche im Wasser. Die Wohnhäuser und Städel wurden davor gesprengt, mit Ausnahme des Kirchturms von Graun. Der stand unter Denkmalschutz. Wenig verwunderlich wollte sich niemand vom Ensemble mehr vor diesem Mahnmal fotografieren lassen. Man wählte stattdessen den Blick auf den neuen Friedhof, in dem die Hauptfigur Trina schließlich auch ihren Erich zu Grabe tragen wird.
 
Auf den Spuren einer unerhörten Geschichte
Das Kirchenschiff wurde gesprengt, nicht aber der Glockenturm, denn der stammt aus dem 14. Jh. und war damit unter Denkmalschutz.
Auf den Spuren einer unerhörten Geschichte
Dieses Foto vom „Schwarz Trinali“ aus Alt Graun hat Marco Balzano zu seiner Hauptfigur Trina inspiriert.
Auf den Spuren einer unerhörten Geschichte
Im Museum Vinschger Oberland: Ludwig Schöpf zeigt dem Ensemble ein Modell des zerstörten und gefluteten Dorfes Graun.
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