Rundschau - Oberländer Wochenzeitung
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Auftakt mit nahezu klassischer Tragödie

Zur Eröffnung der Volksschauspiele wurde der Ziegenbock mit der singenden Säge in die Wüste geschickt

„Da braucht es einen Landecker, der den Telfern etwas über das griechische Theater erzählt. 25 Minuten werde ich da schon brauchen“, scherzte Raoul Schrott zu Beginn seiner Festrede „Eine Geschichte des Theaters und der Gerechtigkeit“ zur Eröffnung der „Tiroler Volksschauspiele“. Um ein solches hochwissenschaftliches Thema fesselnd darzustellen, hätte es keine bessere Wahl geben können, als den weit über die Grenzen Tirols bekannten Poeten. Im „Großen Rathausaal“ spannte er den Bogen von Kleists „Der zerbrochene Krug“, dem diesjährigen Hauptstück der Volksschauspiele, über die Ursprünge des Theaters, dem biblischen Sündenbock bis zum Schauspiel der griechischen Antike, welches wiederum viel mit Rechtssprechung zu tun hatte.
9. Juli 2024 | von Christina Hötzel
Auftakt mit nahezu klassischer Tragödie
„Das griechische Theater war nicht Unterhaltung, sondern eine Form der Verhandlung von Recht und Unrecht“, erklärte Raoul Schrott. RS-Foto: Hötzel
„Der Erfolg des Vorjahres gibt der Entscheidung, Gregor Bloéb als künstlerischen Leiter bestellt zu haben, Recht. Ich bereue das keine Minute“, erklärte Bürgermeister Christian Härting. „Die Volksschauspiele sind ein integraler Bestandteil des kulturellen Lebens von Telfs.“ Das Volkstheater sei „da, wo es hingehört, nämlich bei den Menschen“. Auch Landesrätin Cornelia Hagele lobte Bloéb. „Du hast die Volksschauspiele zu dem gemacht, was sie sind, mit ausverkauften Stücken und Zusatzterminen. Das liegt an Deiner Auswahl und Motivation“, damit würde er das Volkstheater nach vorne bringen. Auch die Musik bekam Komplimente. „Frajo, es ist eine Freude euch zuzuhören. Im letzten Jahr habt ihr zu jeder Todsünde ein Stück gespielt. Euer Spiel ist keine Sünde, sondern ein Genuss.

„MUSIK WAR DER HAMMER“. Heuer wurden die Grußworte und die Festrede vom „Ensemble StreichHammer“ umrahmt. Das von Frajo Köhle geleitete Streichertrio mit Klavier hatte für das Publikum immer noch ein Ass im Ärmel. Höchst abwechslungsreich reichten ihre Stücke von klassischen Klängen über Boogie Woogie bis zur „singenden Säge“. Beim Stück „Variation und Zerstörung eines missbrauchten Liedes“ kam sogar ein ziemlich lautstarker Schremmhammer zum Einsatz. Zum Großteil stammten die Kompositionen von Köhle. Die Musiker stammen aus Chile, Myanmar, dem Zillertal und Telfs. „Ein demografischer Querschnitt der Tiroler Gesellschaft“, scherzte Gregor Bloéb. Volkstheater ist für den künstlerischen Leiter der Volksschauspiele eine Begegnungszone, wo man Liebe, Hass, Frieden, Recht und Gerechtigkeit erleben kann. Zur offiziellen Eröffnung zündete er eine Konfettikanone.

VOM SÜNDENBOCK ZU „CANCEL CULTURE“. Was es mit dem Sündenbock auf sich hat, erklärte Schrott gleich zu Beginn seiner Festrede. Dieses teure, wertvolle Tier nimmt durch Händeauflegen die Sünden auf und wird dann in die Wüste geschickt. Von dort kann er nicht zurückkehren, denn er wird über eine Klippe gejagt. Das Theater habe davon viel übernommen. Das griechische Theater sei aber erst nicht zur Unterhaltung da gewesen, sondern hätte der Rechtssprechung gedient. Vier Stücke habe man damals gespielt, eine Tetralogie. Angeklagter und Anklage hielten darin jeweils zwei Reden, Protagonist gegen Antagonist. „Gerichtsprozesse waren von Anfang an Volkstheater“, spannte Schrott den Bogen zu „Der zerbrochene Krug“, wo Adam, eigentlich selbst Täter, als Richter über sich richten muss. Das Heinrich von Kleist Stück sei in einer Zeit entstanden als Deutschland gerade dabei war, eine eigene Rechtssprechung zu finden. Mit „cancel culture“ sieht er aktuell einen Rückschritt in alte Formen der Gerichtsbarkeit. Er bekam viel Applaus, auch von den zahlreichen Ehrengästen aus Politik und Kultur.
Auftakt mit nahezu klassischer Tragödie
Gregor Bloéb und Tobias Morettti lauschten gebannt der Festrede von Raoul Schrott und lobten sein umfangreiches Wissen. RS-Foto: Hötzel

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