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Telfs | Kultur | 9. August 2021 | Lia Buchner

Der wertende Blick

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Steh zu dir! „Fettes Schwein“ Ensemble: Jakob Egger, Katarina Hauser, Josef Mohamed, Anna Lena Bucher (v.l.) RS-Foto: Lia Buchner
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Fettes Schwein Neil LaBute Tiroler Volksschauspiele Regisseur Peter Lorenz
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Probenbeginn zu der Volksschauspiele-Produktion „Fettes Schwein“

Bei den Proben zu „Fettes Schwein“, der nächsten Produktion der Tiroler Volksschauspiele, traf die RUNDSCHAU Regisseur Peter Lorenz zu einem Gespräch. Der gebürtige Grinzener lebt seit zehn Jahren nur noch sporadisch in Tirol, hat nach einigen Wanderjahren in Schottland studiert und arbeitet seit vier Jahren als freischaffender Theatermacher mit einem Standbein in Berlin.
Von Lia Buchner

„Fettes Schwein“ von Neil LaBute erzählt die Geschichte eines Durchschnittsmannes Anfang 30, mit viel Karriere im Kopf und wenig Moral im Herzen. Tom trifft Helen, eine mehrgewichtige Frau, die ihn mit seinen Sprachstrukturen, hinter denen ja auch immer Gedankenstrukturen von Stereotypen und Diskriminierung stecken, schnell aufplattelt. Tom verliebt sich in die selbstbewusst ehrliche Helen, er weiß gar nicht wie ihm geschieht und plötzlich wird seine so schön schlanke, durchstrukturierte Welt brüchig. Es verstrickt sich in Behelfslügen gegenüber seinen Freunden und Kollegen, gegenüber seiner schönheitsidealen Exfreundin und steht mitten drin im Clash der Welten. Es geht in dem Stück natürlich um Mehrgewicht, um Diskriminierung, um Außenseitertum oder besser Minderheitentum, aber es geht vor allem um die Wurzel des Problems: eine toxische Männlichkeit, dieser Blick der Männer, die sich zumuten, über die Welt zu urteilen.

Ganz vorne im Diskurs. Peter Lorenz hat das Stück, das vor über 15 Jahren von einem weißen Mann aus einer nicht Betroffenen-Perspektive geschrieben worden war, um gut 20 Prozent gekürzt und auf den neuesten Stand gebracht. Denn in diesen 15 Jahren hat sich extrem viel getan zum Themenkomplex Körperideal, Vielfalt, Minderheiten und Antidiskriminierung, einiges davon ist bereits in der Mainstreamkultur angekommen. „Wir haben das Stück geupdatet, damit es ganz vorne im Diskurs mitwirken kann, aber gleichzeitig für ein breites Publikum zugänglich bleibt.“ So hat das Team beispielsweise den Begriff „mehrgewichtig“ eingebaut, der das böse Wort „übergewichtig“ ersetzt. Es ist das deutsche Äquivalent zum englischen „plus sized“ und soll das Normdenken von „normal“ und „darüber“ aufbrechen. „Es ist immer noch ein ‚mehr‘, aber auf jeden Fall weniger wertend als das ‚über‘-Gewicht, sagt Peter Lorenz.“ Anna Lena Bucher, die die Helen spielt, hat diese Formulierung als gegenwärtig korrekten Community Begriff eingebracht. „Und das Tolle daran ist, dieses Wort ist vollkommen selbsterklärend. Wir verwenden es im Stück und das Testpublikum hat den Begriff bei der Nachbesprechung schon selbst benutzt. Man lernt also automatisch, wie man sprechen könnte, ohne dass wir sagen: du musst so sprechen.“ 

Unglück ist Systemimmanent. Peter Lorenz möchte mit seiner Inszenierung zeigen, dass wir alle mit den Strukturen eines Systems kämpfen, das uns unglücklich macht. „Keiner ist davon verschont. Egal, ob einer den Kampf noch nicht begonnen hat oder schon sehr weit ist im Diskurs: trauen wir uns endlich den Mut zu, es anzugehen und zu unseren Gefühlen zu stehen. Helen hat diesen Mut und ich glaube, sie ist die Einzige im Stück, die glücklich ist. Selbst der beste Spieler im System wird unglücklich bleiben. Selbst wer sämtlichen Normen ideal entspricht, hat keine Garantie auf Glück. Nur wer sich entschieden herausnimmt aus dem System, hat die Chance auf ein geglücktes Leben.“ Als der Intendant der Tiroler Volksschauspiele, Christoph Nix, ihm das Stück angeboten hat, war das für Peter Lorenz auch eine persönliche Herausforderung: „Wie inszeniere ich als weißer Mann ein Stück mit dieser massiven Männlichkeitskritik? Die ja auch mich meint. Aber als zumindest nicht weiser, alter Mann habe ich die Chance, es anders zu machen. Und das gelingt uns im Stück auch, wir zeigen eine junge, neue Generation, die eine neue Sichtweise, einen sensibleren Umgang entwickeln kann.“

Nahe am Publikum. „Fettes Schwein“ wird im großen Rathaussaal gespielt werden. Dieser Raum war mit seinen Dimensionen nicht die erste Wahl von Peter Lorenz, aber das Bühnenbild von Rubén San Roman Gámez „holt alles nach vorne, näher an das Publikum, wir nützen die Drehbühne, bauen einen abstrakten Bühnenraum“ Die Premiere findet am 14. August statt, mit neun weiteren Vorstellungen bis 25. August. Tickets auf www.volksschauspiele.at.
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Das Produktionsteam: Josef Mohamed, Anna Lena Bucher, Katarina Hauser, Jakob Egger (unten v.l.) und nur am Bild eine Etage höher: Hiwot Clausnitzer (Assistenz), Peter Lorenz (Regie) und Rubén San Roman Gámez (Bühne) (v.l.).
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