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Telfs | Kultur | 9. Mai 2022 | Peter Bundschuh

Flucht – Vertreibung – Integration

Flucht – Vertreibung – Integration
Elisabeth Salvador-Wagner (l.) verbrachte selbst als Kind etliche Jahre im Flüchtlingslager Haiming. Die Geschwister Natalja und Miriam (v.l.) von der Musikschule Völs umrahmten die Lesung musikalisch. Fotos: Bundschuh
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Autorin Elisabeth Salvador-Wagner las in Völs über das „Flüchtlingslager Kematen“ und die „Siedlung Frieden“

In ihrem Buch „Gemeinsame Erfahrungen von Flucht, Vertreibung und Integration – Das Flüchtlingslager Kematen in Tirol (1946 – 1960) und die Siedlung Frieden in Völs“ vertieft sich die Historikerin Elisabeth Salvador-Wagner in ein ganz spezielles und beinahe unbekanntes Kapitel Oberländer Zeitgeschichte. Das Buch erfüllt wissenschaftliche Anforderungen, der Autorin geht es aber in erster Linie und ganz persönlich darum, das Schicksal der „Donauschwaben“ in Tirol nicht dem Vergessenwerden anheimzustellen. Vergangenen Samstag las die Autorin in Völs aus ihrem Buch.
Von Peter Bundschuh

Vorangestellt sei, dass die Autorin die Geschichte des Flüchtlingslagers für Volksdeutsche in Kematen und der „Siedlung Frieden“ in Völs mit höchster Präzision und übersichtlich gegliedert in ihrem Buch aufarbeitet. Bei dem Begriff „Donauschwaben“ handelt es sich um eine Zusammenfassung von deutschen Volksgruppen, vorwiegend aus Rumänien, Ungarn und dem ehemaligen Jugoslawien. Berichtet wird von der Ansiedelung deutschsprachiger Menschen in den vom Osmanischen Reich rückeroberten Gebieten, ihrem Aufstieg und Niedergang im Zuge des Zweiten Weltkrieges bis hin zu Flucht, Vertreibung und einem mutigen Neubeginn im Lager Kematen, wo die Flüchtlinge trotz bitterer Armut zur Ruhe kamen und in Folge zum endgültigen Sesshaftwerden in der Völser Siedlung Frieden. Salvador-Wagner berichtet nicht nur aus der Sicht der Historikerin, sondern sie selbst, im Jahre 1939 geboren, erlebte Kindheitsjahre im Volksdeutschen Flüchtlingslager Haiming, ehe sie mit ihrer Mutter 1957 in der Völser „Friedenssiedlung“ eine neue Heimat fand.

Ein Familiärer Hintergrund. Die Familie der pensionierten HTL-Lehrerin wanderte im 18. Jahrhundert nach Ungarn aus und musste das Land nach dem Zweiten Weltkrieg als Flüchtlinge verlassen. Auch in dieser persönlichen Betroffenheit und nicht nur im wissenschaftlichen Zugang wurzelt ihre intensive Befassung mit dem Schicksal der Donauschwaben und ihrer über Jahrhunderte bewegten Geschichte. Von großem Interesse ist in diesem Zusammenhang der Teil ihres neuen Buches, betitelt mit „Lebensgeschichten: Flucht – Lagerleben – Integration“, in dem die Autorin eine ganze Reihe von Zeitzeugen zu Wort kommen lässt. Sie schreibt: „Die Gespräche mit den Menschen, die Flucht und Vertreibung und lange Jahre im Lager erlebt hatten und schließlich ein festes Zuhause in der Siedlung Frieden in Völs fanden, wurden im Zeitraum von zwei Jahren geführt und waren äußerst berührend und intensiv, setzten großes Vertrauen in die Autorin voraus und forderten ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen von ihr.“

Das Lager in Kematen. Die Baracken waren nicht als Flüchtlingslager errichtet worden, sondern hier waren während des Krieges Zwangsarbeiter der Messerschmittwerke untergebracht, die in unterirdischen, stollenartigen Fertigungsstätten Flugzeugteile für die Luftwaffe herstellten. Ab 1946 diente das Lager dann als (vorübergehende) Heimstätte für volksdeutsche Vertriebene. „Für viele Familien war das Lager Kematen nach langen Irrfahrten und verschiedenen Stationen endlich ein Ort, an dem sie zur Ruhe kommen konnten. Manche Flüchtlinge waren in Trecks von hunderten Pferdewagen und Traktoren aus Rumänien oder der Batschka von der deutschen Wehrmacht bis nach Schlesien geführt worden, mussten beim Anrücken der Roten Armee wieder weiterziehen und kamen schließlich mit dem Rest ihrer Habseligkeiten in Österreich an“, so Salvador-Wagner und an anderer Stelle: „Über die Herkunft und Anzahl der Lagerbewohner stehen nur wenige Quellen zur Verfügung. Die Flüchtlinge stammten hauptsächlich aus dem Banat, der Batschka und Syrmien.“ Dass sich die Lebensumstände im Lager, das ja räumlich zur Zwangsarbeiter–Unterbringung errichtet worden war, schwierig gestalteten, liegt auf der Hand. Die Recherchen der Autorin ergaben aber auch, dass sich Kinder recht gut aufgehoben fühlten: „Die Kinder und Jugendlichen fühlten sich im Lager nach den Erfahrungen und Entbehrungen der Flucht sicher und geborgen, gleichzeitig hatten sie viel Freiheit.“

„Siedlung Frieden“ in Völs. Verglichen mit Vertreibung und Flucht durften sich die Menschen in Kematen zwar in gewisser Weise angekommen fühlen, aber es sollte weiter gehen. Am Beginn des Kapitels „Die Siedlung Frieden in Völs und die Rolle der Gemeinde“ erklärt Elisabeth Salvador-Wagner sinngemäß: Die Entstehung der Siedlung Frieden hätte für die Gemeinde Völs zahlreiche neue Aufgaben und finanzielle Belastungen in Bezug auf die Erweiterung der Infrastruktur mit sich gebracht. Trotz der Ressentiments einiger „Alteingesessener“ bezüglich der Zuwanderung einer beträchtlichen Anzahl fremder Menschen sei der Großteil der Bevölkerung den Volksdeutschen gegenüber positiv eingestellt gewesen, sodass sich der Gemeinderat zur Umsetzung des Projektes „Siedlung Frieden“ entschlossen hat. Elisabeth Salvador-Wagner, „Gemeinsame Erfahrungen von Flucht, Vertreibung und Intergration – Das Flüchtlingslager Kematen in Tirol (1946 – 1960) und die Siedlung Frieden in Völs (2021)“, Universitätsverlag Wagner, ISBN 978-3-7030-6526-2.
 
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