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Telfs | Kultur | 25. Juli 2022 | Lia Buchner

Größtmögliche Unvorstellbarkeit

Größtmögliche Unvorstellbarkeit
Wiltrud Stieger als Trina trägt das ganze Stück mit ihrer unerschöpflichen Wahrhaftigkeit. Hier mit Edwin Hochmuth als Erich. Fotos: Victor Malyshev
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Die 40. „Tiroler Volksschauspiele“ eröffnen mit der Uraufführung von „Ich bleibe hier“

Das Eröffnungsstück „Ich bleibe hier“, nach dem italienischen Bestseller „Resto qui“ von Marco Bolzano, erzählt die im Reschensee versunkene Geschichte des Dorfes Graun. Eine großartige Regie und Ensembleleistung machen es zum Publikumserfolg.
Von Lia Buchner

Ein Bauerntisch, ein paar umgeworfene Holzstühle und die alten Holzwände und Balken des Kranewitterstadls: Mehr Bühne braucht es nicht, um in die Welt der 20er Jahre im eben von Italien annektierten Südtirol, in das Bauerndorf Graun, in die Welt der Trina einzutauchen. Ein gurgelndes Geräusch von Wassermassen macht klar, was diese fünf Menschen auf der Bühne umtreibt: Das Staudammprojekt im oberen Vinschgau, das ihr Dorf, ihre Welt zu ertränken droht.

Die Lehrerin. Doch zuerst ist Trina mal einfach nur jung, lebenslustig und auf ihre Art unabhängig. Sie studiert, will Lehrerin werden, weil sie an die Macht der Sprache glaubt: „Ein Vorrat von Wörtern könnte mich retten.“ Doch die neuen Herren im Land, die Faschisten, verbieten die deutsche Sprache, den deutschen Unterricht und Trina geht in die Katakomben-Schulen, um einer Handvoll Bauernkinder heimlich ihre Muttersprache zu erhalten. Ihre liebste Freundin Barbara wird verhaftet und „nach Sizilien“ deportiert, die größtmögliche Unvorstellbarkeit für die mit ihrem Land verwachsenen Grauner. Trina heiratet Erich, einen wortkargen, aber umso aufrechteren Mann aus dem Dorf, bekommt erst einen Sohn, dann eine Tochter.

Die Gewalt. Die faschistische Gewalt nimmt von Tag zu Tag zu, Gewalt gegen Männer, gegen Kinder, gegen die „Tiroler“. In den Jahren der Option kommt die Gewalt innerhalb des Dorfes dazu, die Fortgeher gegen Dableiber wie Trina: „Wenn wir gehen, haben die anderen gewonnen“. Sie lässt ihre Kinder nicht mehr in die Schule gehen, und eines Tages verschwindet ihre geliebte Tochter, angeblich mit Verwandten heimlich ins deutsche Reich. Trina zerreißt es das Herz und doch trägt sie ihr Schicksal, auch als Erich zum Krieg eingezogen wird und Michael, ihr Ältester, sich als Hitler-Sympathisant freiwillig meldet.

Das Wasser. Im Hintergrund dieser Katastrophen droht immer die größte aller Katastrophen, das Staudammprojekt. Schon in der Monarchie gab es erste Pläne dafür, die beiden Weltkriege und wechselnde Machthaber ließen das Projekt immer wieder einschlafen, und spülte dann doch neue Arbeiter aus irgendwoher in das Tal. Erich scheint der Einzige im Dorf zu sein, der sich wehrt: „Eine verwüstete Landschaft kann nie mehr auferstehen“. Marco Bolzano, der Autor des Bestsellers „Resto qui“, ist durch Zufall über diese verwüstete Landschaft mit dem verstörenden Kirchturm mitten im Reschensee gestolpert. Bolzano wollte „verstehen, was sich unter den Dingen verbirgt“ und begann mit viel Liebe zu seinen Figuren die versunkenen Geschichten von Graun zu bergen. Lorenz Leander Haas, der „Ich bleibe hier“ auch inszeniert, hat daraus, gemeinsam mit Sven Kleine und Christoph Nix, eine spannende halbszenische Dramatisierung für die Tiroler Volksschauspiele gemacht. In vielen epischen Passagen lässt er Trina die Geschichte erzählen, die Handlung vorantreiben, um dann den Fokus scharf auf die einzelnen Figuren zu lenken.

Große Ensembleleistung. Haas inszeniert in wunderbar leisen Tönen, sein Ensemble folgt ihm mit sparsamsten Mitteln. Die großartige Wiltrud Stieger als Trina trägt unaufgeregt und bis an die Schmerzgrenze wahrhaftig das ganze Stück. Eleonore Bürcher vermag mit einer einzelnen schmalen Geste zu erzählen, was an unbeugsamer Stärke in ihrer Figur der Mutter steckt. In der Doppelrolle der Freundin Barbara und des Sohnes berührt Elena-Maria Knapp vor allem als Michael: Das Kind, das noch da ist und doch die verlorene Schwester nicht ersetzen kann. Edwin Hochmuth gerät zu einem, der wider bessere Vorahnung das Kreuz auf sich nimmt und noch einmal kämpft, um seiner Würde willen. Die Uraufführung von „Ich bleibe hier“ bei den „Tiroler Volksschauspielen“ kommt völlig ohne großen Zirkus aus. Das Premierenpublikum begreift das als großes Geschenk.
 
Größtmögliche Unvorstellbarkeit
„Vorwärts gehen, sonst hätte uns Gott die Augen nicht vorne gemacht.“
Größtmögliche Unvorstellbarkeit
Die große Eleonore Bürcher als unbeugsam starke Mutter.
Größtmögliche Unvorstellbarkeit
Ohne großen Zirkus: das Ensemble Luis Auer, Edwin Hochmuth, Wiltrud Stieger, Eleonore Bürcher, Elena-Maria Knapp (v.l.).
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