Rundschau - Oberländer Wochenzeitung
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Jelinek pur

Lese-Marathon bei den Tiroler Volksschauspielen

Für das Rahmenprogramm der Volksschauspiele hatte sich Intendant Gregor Bloéb etwas besonders Schönes ausgedacht: Die Lesung des Textes „Neid“ von Elfriede Jelinek, Österreichs einziger Literaturnobelpreis-Trägerin. Eine dreifache Beglückung für Literaturliebhaber.
8. August 2023 | von Von Lia Buchner
Jelinek pur
Christa Posch gibt dem Jelinek-Text einen eleganten, altersmilden Ton. RS-Foto: Buchner
Von Lia Buchner

Die erste Beglückung dieses Sonntags ist natürlich Elfriede Jelineks Text selbst. Dieser mehr als 900 Seiten umfassende – von ihr so genannte – „Privatroman“ setzte ihr Todsündenprojekt (1998 Lust, 2000 Gier) fort und ist in den Jahren 2007 und 2008 kapitelweise auf ihrer Websiteerschienen. Dort soll er auch bleiben. Jelinek möchte ihn bewusst dem Verlagsbetrieb, der gewinnorientierten Ausschlachtung von Literatur, entziehen. Als Internetroman „soll er da sein und verschwinden, gleichzeitig oder hintereinander. Es soll eine gespensterhafte Erscheinungsform haben, dieses Geschriebene da vor Ihnen“, erklärt Jelinek in ihren Anmerkungen zum Roman.

LEERSTAND IN DER PROVINZ. Vom Gespensterhaften ist viel die Rede in diesem unaufhörlichen Mahlstrom von Gedanken. „Ich rede und rede, ich kann gar nicht mehr aufhören. Werde es auch nicht. Das hier ist privat.“ Von der gespenstischen Verlogenheit dieses Landes im Früher und im Jetzt, seiner hohlen Gedenkkultur, seinem Opfermythos, seiner schlecht getarnten Kulturferne, dem gespenstischen Leerstand in der Provinz, dem ewigen Ringen um den Fremden (Tourist, versteht sich, nicht Flüchtling) und zurück. „Ich habe wenig Schmeichelhaftes zu sagen.“

JELINEK SOUND. In präzise geschärften Gedanken und wunderbar treffsicheren Wortspielen leuchtet sie hinter die sorgsam behüteten Fassaden der österreichischen Seele: „Das Volk hat seine Kultur eingerext. Vielleicht braucht man die Bräuche später noch. Man weiß ja nicht.“ Oder ihre anspielungsreiche Ironie: „…ordentliche Beschäftigungspolitik. – Oh, das müssen Sie mir jetzt verzeihen, ich verwende das Wort nie nie nie wieder“ (der Text entstand noch zu Lebzeiten von Jörg Haider). Immer wieder lässt sie auch einen Blick auf ihren Schreibprozess zu: „Da muss ich jetzt nachsehen, wieso ich diesen Satz begonnen habe. Das interessiert mich jetzt selber.“ Oder auf sich selbst, und dann wirkt sie plötzlich sehr verletzlich: „Ausgerechnet mich meinen sie. Ausgerechnet mich zeichnen sie aus. Ich weiß ja nicht einmal selbst, was mich auszeichnet.“

VIELE TEMPERATUREN. Die zweite Beglückung ist die künstlerische Gestaltung dieses Lese-Sonntags. Die gewaltige Textmenge teilen sich 14 Lesende im Halbstundentakt auf – und das macht es so spannend. Man hat ja in der Tiroler Provinz nicht häufig die Gelegenheit, mehr als einen Künstler in seinem Textumgang zu beobachten. In Telfs sind es 14 Schauspieler aus Gegenwart und Vergangenheit der Volksschauspiele, ein „All-Star-Team“, die aus dem typischen Jelinek Sound etwas ganz Persönliches machen. Enorm darstellerisch liest Harald Windisch, er macht fast ein Dramolett aus dem Text, so körperlich und lebendig und pointiert ist sein Vortrag. Auch Lisa Hörtnagl spielt mehr als dass sie liest, ist unglaublich impulsiv, mitreißend, witzig. Ganz anders Tobias Moretti. Bei ihm erzählt ein überlegendes, überlegenes Ich eindringlich, scharf und böse. Janine Wegener dagegen zeigt in ihrem so kraftvollen Ton auch das Schrullige des Textes, das Eigenbrötlerische und Trotzige. Klaus Rohrmoser betont den Monologcharakter des Romans, beschwörend, melancholisch, nachdenklich. Christa Posch (sie hatte 1982 in „Stigma“ die Magd gespielt) liest an diesem Sonntag als Letzte und gibt dem Ton von Elfriede Jelinek noch einmal eine völlig andere Temperatur. Elegant, altersmilde und lyrisch lenkt sie den Blick auch auf die Unbeweglichkeit, die Einsamkeit und das Gekränktsein, das im Hintergrund der Jelinek Texte immer lauert. „Wollen Sie mir nicht noch einmal Worte der Liebe sagen? Nein? Nichts?“

SO GEHT FESTIVAL. Die Dritte Beglückung liegt beim Publikum dieses Jelinek Sonntags. Denn die schiere Dauer der Lesung macht etwas mit den Zuhörerinnen (Literaturpublikum ist weiblich). Im locker mit Sesseln, Sofas und Kaffeehaustischchen möblierten Rathaussaal zeigt sich nach der anfänglichen Andacht eine zunehmende Ausgelassenheit, ein irgendwie selbst kreativ werden. Der anspielungsreiche und assoziative Text fordert das Publikum heraus. Und es spielt begeistert mit, entschlüsselt Zitate, freut sich über gelungene Wortspiele, prägnanten Vortrag. Es ist wenig Kommen und Gehen im Saal und am Nachmittag ist ein Wir-Gefühl entstanden, wie es nur ganz wenige Theaterfestivals zustande bringen.
Jelinek pur
Ganz anders Tobias Moretti: Er liest scharf, eindringlich und böse. RS-Foto: Buchner

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