Terror bei Tisch

Liebe Freunde der genussvollen Nahrungsaufnahme!

Vielleicht kennt ihr das auch. Du sitzt bei Tisch. Mit Freunden. Die Kellnerin serviert das bestellte Menü. Es duftet herrlich. Und schaut lecker aus. Doch plötzlich vergeht dir schlagartig der Appetit. Die Lebensgefährtin meines Freundes schaut skeptisch auf meinen Teller. Wie ein Adler im Sturzflug landen ihre geierartigen Augen am knusprigen Rand meines Schweinsbratens. Bist du nicht schon zu dick? Du weißt schon, dass das nur Leute essen können, die sich auch bewegen? Schwerarbeiter! Spitzensportler! Ich ignoriere, genussvoll das Fleisch aufschneidend, diese Erstattacke. Bleibe kauend stumm. Jetzt hat sie auch noch ihren Partner aufgehetzt. Deine Knödel. Das sind Kohlehydrate. Die verwandeln sich in Zucker. Lass die Finger davon. Wir möchten noch länger deine Freunde bleiben! Statt mich auf das Gespräch einzulassen, trinke ich mein Bier aus. Schneller als üblich. Die Kellnerin deutet mir fragend zwei Finger. Ja, natürlich. Jetzt knurrt meine Tante: Trink nicht so viel! Danach tuschelt sie mit ihrer Schwester. Gut, dass ich es nicht verstehe. Inzwischen habe ich Braten, Sauerkraut und beide Knödel verdrückt. Mir hat’s geschmeckt. Und doch war das Essen irgendwie verdorben. Also bestelle ich Kaffee. Und rauche genüsslich eine Zigarette. Ich ernte verächtliche Blicke. Eine der Damen fuchtelt, obwohl wir im Freien saßen, mit der Hand, um den Rauchwolken auszuweichen. Plötzlich geht es nicht mehr um mich. Drei Frauen aus der Runde stürzen sich verbal auf die Serviererin. Der Salat sei heute eine Katastrophe gewesen. Und die Karotten zu sehr verkocht. Außerdem könne man den Spinat unmöglich auf diese Weise zubereiten. Und Gemüse habe insgesamt keine Wirkung, wenn nicht die richtigen paar Tropfen Öl den Weg vom Gaumen bis ins Blut begleiten. Neuerdings gehe ich immer öfter alleine essen. Mit böswillig verkochten Vitaminen will ich nichts zu tun haben.

Meinhard Eiter

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