There is a crack in everything

Transparentes Glas: Das geniale Thema der Kunststraße 2018 „Zwischenräume – Nirgendwo ist Nichts“ RS-Foto: Buchner

Finales Wochenende der Kunststraße Imst

Die thematische Vorgabe der diesjährigen Kunststraße Imst „Zwischenräume – Nirgendwo ist Nichts“ ist natürlich genial. Denn immer liegt das Besondere in den Zwischenräumen verborgen. In den Leerstellen zwischen den Dingen, in den Abständen zwischen den Menschen, in den Schichten von Ideen. Die Galerienwanderung an diesem Schlusswochenende schaut in die Zwischenräume.

Von Lia Buchner

Imst zeigt sich an diesem letzten Kunststraßen-Sonntag verschneit, kalt und geschlossen. Ziemlich Nirgendwo. Nur aus den Galerien scheint Licht, wie Brüche in einer Oberfläche, durch welche die Kunstschaffenden verborgene Räume ausloten.

Konzeptuelle Lücken.

Lisa Krabichler und Marika Wille-Jais gehen es konzeptuell an. In ihrer Gemeinschaftsausstellung spüren die zwei so unterschiedlichen Künstlerinnen den Leerstellen im Raum nach. Die Hängung der Bilder lässt bewusst viel Freiraum, viel „Nichts“. Und als ob diese Lücken Raumenergie sammeln würden, verstärken sie die Wirkung der Arbeiten. Trennende Elemente nehmen das „Nirgendwo“ spielerisch auf und gestalten „belebte Freiräume“. Der Galerieraum im Flür-Haus, einem der ganz wenigen Gebäude, die nach dem großen Brand von 1822 erhalten sind, trägt mit seiner spätgotischen Architektur diese streng konzeptuelle Ausstellung sehr gelungen.

Im Zwischenraum ist Kommunikation.

Den Raum zwischen Menschen interpretiert Karl Krachler in seinen Arbeiten. Die Distanz zwischen Individuen scheint bei ihm unüberwindbar. Selbst wenn der Raum durch Blicke oder Berührungen, durch Kommunikation überbrückt wird, bleibt eine Einsamkeit des Einzelnen spürbar. Die kräftigen Farben Krachlers unterstreichen diese Isolation.

Schichtweise Zwischenräume.

Einen maltechnischen Zugang verfolgt Daniela Senn. Sie zeigt abstrakte Arbeiten in vorwiegend Weißtönen, die durch ihre Schichthaftigkeit viel Tiefe erzeugen. Das Weiß als „Nichts“, als Abwesenheit von Farbe, bricht immer wieder auf und zeigt tiefer liegende Schichten. Auch Egmont Maier arbeitet in Zwischenschichten. Seine kreidig schimmernden Farbflächen malt er auf Packpapier, das er dann durch eine Folie auf Leinwand aufschmilzt. Das Ergebnis ist eine spannende Veränderung der Textur und ein vielschichtiges Changieren von Farbnuancen und Zwischentönen.

Im Dazwischen ist Nichts.

Die Keramikerin Helene Keller nähert sich dem Zwischenraum mit Glas. In filigranen, schneekristallartigen Glasgeweben, die sie auf Keramikblöcken montiert, fängt sie den Zwischenraum tatsächlich Licht ein. Der Kontrast zwischen erdiger Keramik und halbtransparentem Glas erzeugt eine enorme Leichtigkeit und Schönheit.

Text-Räume.

Mit nicht bildnerischen Mitteln gestalten die Autorinnen der Oberländer Plattform „Wortraum“ das große Dazwischen. In ihrer Lesung im Rahmenprogramm der Kunststraße präsentieren sie Arbeiten, die sich in überwiegend mundartlicher Lyrik mit der – ersehnten oder bedauerten – Distanz zwischen Menschen auseinandersetzen. „Albm wenn ih mir gwinscht hatt | dass koa Blattl Papier zwisch ins passt | warsch an halbn Kontinent weck […]“ notiert Dorle Zobl. Angelika Praxmarer schreibt über die Kunststraße – und das vom Leerstand geplagten Imst – sehr schön „[…] wenn mer ins trauen | und wieder autian | geits eppas Nuis.“ Oder wie Leonard Cohen es formuliert hat: „There is a crack in everything, that‘s how the light gets in“: durch die Zwischenräume kommt das Licht in die Dinge. Imst hat an diesem letzten Kunststraßenwochenende dann doch unglaublich gestrahlt.

Über Oberländer Rundschau

Die Oberländer Rundschau ist die regionale Wochenzeitung für die Bezirke Imst, Landeck, Reutte und Telfs im Tiroler Oberland.