Tiefsinn im Sinnlosen

Ein geniales Duo: Edi Jäger und Anita Köchl als Karl Valentin und Liesl Karlstadt. Foto: Gerrmann

Grandioser Karl Valentin-Abend im Widum in Wängle

Silben-Jongleur, Word-Zauberer, Dadaist, Verbal-Anarchist – ja, was war er denn nun eigentlich, dieser Karl Valentin? Am Freitagabend konnte man es im Widum Wängle im Rahmen des Gastspiels von Anita Köchl und Edi Jäger bei der 29. Kulturzeit der Huanza Außerferner Kulturinitiative mehr als nur erahnen: Vermutlich von jedem ein bißchen. Oder alles zugleich.

Von Jürgen Gerrmann

Muss man Münchner sein, um den ganzen Witz, den ganzen Irrwitz, den ganzen Aberwitz des großen Komödianten aus der ers-ten Hälfte des 20. Jahrhunderts so rüberzubringen wie diese beiden? Offenkundig nicht: Denn sie ist Tirolerin und er Salzburger.
Tut nichts zur Sache, denn Valentins absurde Szenen spielen ohnehin jenseits von Raum und Zeit. Köchl und Jäger lassen grandios dem Zeitlosen in ihnen freien Lauf, aktualisieren die Miniaturen aus dem menschlich-allzumenschlichen und manchmal total meschuggen Alltag zwar, aber nur leicht. Gerade dadurch, dass sie nah am Original bleiben, stoßen sie einen durch ihr Spiel darauf, wie viel Tiefsinn im scheinbar Sinnlosen zu stecken vermag.

Sprach-Chirurg.

Sicher: Karl Valentin muss man mögen, um rund zwei Stunden auszuhalten, in denen sich zwei Akteure sprachlich in den Wahnsinn zu treiben scheinen. Aber die, die zu diesem Programm kamen, taten dies wohl ganz bewusst und konnten genau das, was im Titel des Abends versprochen worden war: Tränen lachen.
Der Münchner „Humorist“ (wie er sich selbst nannte) war auch so etwas wie ein Sprach-Chirurg, der die Worte und Floskeln bis aufs letzte Fitzelchen zu sezieren verstand und dadurch aufdeckt, wie sich das Absurde im scheinbar Normalen verstecken kann: Natürlich wohnt man nicht in der Sendlinger Straße (sonst würden einem ja die Autos nur so um die Ohren fahren), und selbstverständlich geht keine Stiege in den ersten Stock hinauf, sondern man selbst über die Treppe dorthin.
Wenn man sich selbst im Dschungel der Sprache verstrickt, dann kann man allerdings auch „vielleicht bestimmt“ darauf kommen, den eigenen Sohnemann auf einem Notizzettel mit „Sehr geehrter Herr Bub“ oder „Werter Alleinerbe“ zu titulieren.
Ihre ungebrochene Lebendigkeit beziehen Valentins Nummern gerade daraus, dass sie alle dem Alltag abgeschaut sind, dass sie sich auch heute noch (wenn auch in gekürzter Form) täglich tausende Mal ereignen: Etwa, wenn man in aller Eile nach dem Weg zum Bahnhof fragt und die Antwort dann so weitschweifig und unverständlich ist, dass einem der Zug davonfährt.
Mit Lust widmete sich der große Literat (ja, das war der hagere Bayer auch – zweifelsohne) der Prinzipienreiterei, die einen total plemplem zu machen vermag – etwa beim legendären Streit, ob es denn nun „Semmelknödel“ oder „Semmelnknödeln“ heißen muss. Und ob ein „rechtes Theater“ um acht oder um halb acht anfängt.
In der Interpretation von Köchl und Jäger wirkt das so, wie es auch sein soll: wie ein Blick in den Spiegel. Der einen aber auch über sich selbst und die eigenen Marotten lachen lässt. Und das tut ganz besonders gut.
Minimalistische Mittel setzen die beiden Akteure ein: Aber sie schaffen es, nur mit ein paar Getränkekisten und einem mehr oder minder grauen Tuch, das als Hintergrund und Sichtschutz für die in Windeseile vollzogenen Kostüm-Wechsel dient, genau die Atmosphäre herbeizuzaubern, die es für die jeweilige Szene braucht – eine einfache Münchner Mietswohnung, eine Apotheke, eine Innenstadtstraße, ein Wirtshaus, in dem Vater und Sohn Firmung feiern und sich gehörig daneben benehmen.

Authentisch.

Sicher: Das Programm von Köchl und Jäger ist nicht das erste, das sich Karl Valentin (selbstverständlich vorne mit F gesprochen, man sagt ja auch nicht „Wogel“, wie Huanza-Obfrau Veronika Kunz in ihrer Begrüßung zurecht unterstrich) widmet.
Aber es ragt dennoch heraus. Durch seine enorme Authentizität. Edi Jäger ist zwar nicht so dürr wie das Original, aber ebenfalls ein Unikum und Urviech. Und Anita Köchl hat nicht nur die Statur von Karl Valentins genialer Partnerin Liesl Karlstadt, sondern auch deren Sprachmelodie und Stimmfarbe verinnerlicht.
Schließt man die Augen, wähnt man sie vor sich, ohne die Valentins Erfolg wohl gar nicht möglich gewesen wäre.
Darüber hinaus sind beide auch einfach tolle Schauspieler, Erz-Komödianten, die ab und an sogar das Original übertreffen – und zwar in den Slapstick-Einlagen, die an die große Zeit des Stummfilms erinnern. Die „Ouvertüre“ zur Szene im Gerichtssaal oder der Kampf mit der zu großen Zeitung am Frühstückstisch sind auf jeden Fall ganz großes Kino.
Verarmt und fast vergessen musste Karl Valentin am Rosenmontag 1948 sterben. Anita Köchl und Edi Jäger sei’s gedankt, dass sie mit ihrem Spiel das wieder zum Leben erwecken, was unsterblich an ihm und von ihm ist.

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