Tschüss & Ciao

Liebe Freunde der Freundlichkeit! Um zu erfahren, was die Menschen wirklich berührt, studiere ich regelmäßig die Leserbriefe in den Zeitungen. Da kannst du wunderbar den Menschen auf‘s Maul schauen. Und spüren, wo es die Volksseele zwickt. Unlängst startete einer dieser notorischen Nörgler eine regelrechte Kampagne gegen den Gruß mit fremdsprachlichem Hintergrund. Wer hierzulande statt „Auf Wiedersehen“ Tschüss oder Tschau sagt, der beleidige die traditionelle Form jeglicher Höflichkeit, verbreitete der süffisante Alltagsschreiber. Erst dachte ich mir wenig, als ich diesen Weltverdruss verfolgte. Doch bei näherer Betrachtung wurde mir klar: Es handelt sich dabei um Verfolgung, eine regelrechte verbal-neurotische Hetzjagd. Tschüss, Ciao, Adé, Adieu und ähnliche Fremdwörter für Pfiati stehen tiefenpsychologisch für „Ab mit euch!“

Gemeint sind dabei längst nicht mehr die Einwanderer. Auch die Touristen werden den Einheimischen mehr und mehr zu viel. Dies verrät die tiefe Analyse des „Tschüss-und-ab-Protestes“. Denn die Aufregung galt nicht dem Willkommensgruß und dessen sprachlicher Abwandlungen. Nein. Hallo, Servus und Hi (wie Hai) statt Grüß dich standen nicht im Fokus der Kritik. So gesehen wollen jene, die ein „Auf Wiedersehen“ sprachlich einfordern, selbiges real wohl eigentlich nicht. Der Sturm der Entrüstung bezog sich bisher übrigens vorwiegend auf echte Ausländer. Inländische Intimfeinde wie die Wiener blieben bislang verschont. Gegen das liebevolle „Baba“ oder ein nettes „Habe die Ehre“ vernahm ich noch keinerlei Proteste.

Übrigens: Ich begrüßte einst in meiner Funktion als Flüchtlingskoordinator einen Muslimen freundlich mit „Grüß Gott“. Was dieser offensichtlich als Beleidigung empfand. Er schaute grimmig und meinte: „Grüß du dir deinen, ich grüß mir meinen Gott!“ Seither sage ich zu allen nur noch Hallo. Und zu denen, auf deren Wiedersehen ich gerne verzichten könnte, ganz höflich: Lebe wohl!

Meinhard Eiter


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