Unfassbar! Bergrettung Tannheimer Tal mit Klage konfrontiert

Ortsstellen-Obmann Reinhold Bilgeri weiss, dass der Einsatz ordnungsgemäß durchgführt worden war. Foto: Bilgeri 
Bergrettungs-Bezirksobmann Markus Wolf freut sich über die breite Rückendeckung. Foto: Wolf

Rettungskosten zu hoch – Gerettete weigerten sich, Rechnung zu begleichen

Es war ein Winter voller Extreme – große Schneemengen, erhebliche Lawinengefahr und jede Menge Wintersportler. Wer in eine alpine Notlage gerät, dem wird von der Bergrettung geholfen – professionell, freiwillig und unentgeltlich. Die Bergrettung Tannheimer Tal sah sich  mit einer Klage für einen Einsatz konfrontiert.

Es war der 3. Februar 2019. Ein Tag mit extremem Schneefall und Lawinenwarnstufe 3. „Ein ganz schlimmer Tag, an dem von allen Seiten immer wieder gewarnt wurde“, schildert Markus Wolf, Bezirksleiter der Bergrettung Reutte, im Gespräch mit der RUNDSCHAU.
Dass sich Wintersportler dennoch auf den Weg machen, sei nicht zu verhindern und liege im Bereich der Eigenverantwortung. Zwei deutsche Schneeschuhwanderer brachen am 3. Februar gegen Mittag zu einer Tour auf den Schönkahler in Zöblen/Tannheimer Tal auf und gerieten im dichten Schneetreiben in Bergnot. Am frühen Abend setzten die beiden bei der Leitstelle der Bergrettung einen Notruf ab. „Viel zu spät“, so Markus Wolf, „es war schon finster. Die beiden Schneeschuhwanderer waren seit mehreren Stunden unterwegs, völlig durchnässt, unterkühlt und orientierungslos.“

Anweisungen ignoriert.

Die Aufforderung, sich nicht von der Stelle zu entfernen und die Handytaschenlampe (Handy verfügte noch über 35 Prozent Akku, Anm. d. Red.) auszuschalten, ignorierten die Deutschen. Sie könnten nicht stehenbleiben, da sie Angst hätten, zu erfrieren. Auch die Taschenlampe wollten sie keinesfalls ausschalten. „Völlig unverantwortlich“, erklärte der Obmann der Bergrettung Tannheimer Tal, Reinhold Bilgeri, gegenüber der RUNDSCHAU. Ein Sucheinsatz ist für die Bergretter immer eine besondere Herausforderung, muss doch beim Hilfesuchenden erfragt werden, wo er sich befindet. Die Personen müssen geortet werden, dann werden die verfügbaren Einsatzkräfte in mehrere Gruppen aufgeteilt und der Sucheinsatz wird gestartet. Nicht einfach in einem so weitläufigen Gebiet, wie es der Schönkahler ist – noch dazu bei Dunkelheit und dichtem Schneetreiben. „Einen Einsatz wie diesen hätten wir mit weniger Mann gar nicht durchführen können. Jeder Bergretter begibt sich bei einem Einsatz auch selbst in Gefahr. Die Aussage, es hätten auch zwei Bergretter für den Einsatz am Schönkahler gereicht, ist völlig haltlos.“

Volle Rückendeckung.

Der Einsatz im Tannheimer Tal wurde den beiden Geretteten in Höhe von 2261 Euro in Rechnung gestellt. Zu viel, heißt es nun von deren Seite. Es hätten auch zwei Bergretter gereicht, die überzogene Summe würde keinesfalls bezahlt werden. Wenn nötig, würden rechtliche Schritte eingeleitet und Klage eingereicht. „Das entsprechende Schreiben hat für mich das Fass zum Überlaufen gebracht“, ärgert sich Markus Wolf. „Bergretter leisten freiwillig und unentgeltlich Dienst am Mitmenschen. Zum Dank dafür müssen wir uns jetzt mit einer Anklageschrift herumschlagen.“ Auch auf Landes- und Bundesebene stößt die Vorgehensweise auf Unverständnis. „Diese breite Rückendeckung tut uns sehr gut“, so Reinhold Bilgeri. „Anfangs gab es ziemlichen Missmut in unserem Team. Einfach, weil keiner verstehen kann, dass man sich nach erfolgreicher Rettung weigert, für diesen Dienst zu bezahlen. Wir von der Bergrettung arbeiten unentgeltlich während unserer Freizeit, setzen uns Gefahren aus, um anderen zu helfen. Wir leben ja auch von den Geldern aus den Einsätzen.“
Jetzt jedoch so viel Zuspruch und Unterstützung zu erhalten, tut gut. „Die Stimmung in unserem Team ist jetzt wieder absolut positiv. Wir ziehen alle an einem Strang. Wir wissen, dass wir alles richtig gemacht haben und werden weiter alles tun, um Menschen, die am Berg in Not geraten sind, bestmöglich zu helfen. Ich war anfangs sehr gestresst. Es ist eine ungewöhnliche Situation – zum einen, mit einer Klage konfrontiert zu sein, zum anderen, so viel Medieninteresse zu haben. Mittlerweile geht es mir aber besser, die breite Rückendeckung hat sehr viel Druck herausgenommen“, richtet Bilgeri den Blick nach vorn.
99 Prozent der Geretteten zeigen Dankbarkeit und sind froh, dass ihnen geholfen wurde. „Umso mehr ärgert es einen, wenn ein paar Wenige meinen, es besser zu wissen und sogar mit einer Klage kommen“, zeigt Markus Wolf Emotionen. „Dass aber auch die Bevölkerung und Kameraden anderer Bergrettungs-Ortsstellen hinter uns stehen, hilft uns sehr, mit dieser unguten Situation fertig zu werden.“

Rechnung beglichen.

Nicht nur bei den Bergrettern und Politikern rief das Verhalten der beiden Geretteten Empörung hervor. Auch in der Bevölkerung konnte niemand nachvollziehen, was angedroht worden war. Es ging so weit, dass Privatpersonen bereit waren, die Bergrettung Tannheimer Tal mit Spendengeldern zu unterstützen. Ein Bayern 1-Radiohörer äußerte gar, sich zu für seine Landsleute zu schämen und deshalb eine Spende in Höhe der Rechnungssumme zu entrichten. Donnerstagachmittag erreichte die Bergrettung Tannheimer Tal dann die erhoffte Mitteilung, dass besagter Anwalt, einer der Geretteten, die Rechnung beglichen habe. Für die Bergretter kommt dieser Vorfall zu den Akten. Recht bekommt, wem Recht zusteht.

Fazit.

Für die meisten Bergsportler, Wanderer und Naturliebhaber ist es selbstverständlich, sich über Gegebenheiten und Anforderungen zu informieren, auf Warnungen zu hören und sich gut auszurüsten. Niemand ist davor gefeit, in eine schwierige Situation zu geraten. Wenn man sich dann auf rasche und bestmögliche Hilfe verlassen kann, ist Dankbarkeit das Mindeste, was man zeigen und bekunden sollte.
Bergretter und Einsatzorganisationen setzen bei jedem Einsatz auch ihr Leben aufs Spiel, entscheiden nach bestem Gewissen – meistens unentgeltlich. Eine Tatsache, die man sich vor Augen halten sollte.