Unter Blut, Schweiß und Tränen auf die Ama Dablam

Das erste Mal in Lager 1: Conny

Wijnkamp-Becker bezwangen unter großen Anstrengungen das „Matterhorn Nepals“

Cornelia „Conny“ Wijnkamp-Becker und ihr Mann Stephan Wijnkamp haben ihr „zweites Wohnzimmer“ im Himalaya eingerichtet. Mindestens einmal pro Jahr zieht es die beiden Wahl-Imster auf das „Dach der Welt“ nach Nepal. Diesmal stand die Ama Dablam mit ihren 6850 Metern auf der Wunschliste der Gipfelsammler. Weniger der Berg als vielmehr der „Faktor Mensch“ wäre der Expedition beinahe fatal in die Quere gekommen, wie sich Stephan Wijnkamp bruchstückhaft erinnert.

Nach der Ankunft auf dem Tenzing-Hillary Airport in Lukla auf 2800 Metern Seehöhe begann auch schon die Akklimatisierungsphase. „Wir waren auf dem Treck Richtung Everest, um immer 300, 400 Meter höher zu schlafen und um sich dadurch an die Höhe zu gewöhnen“, berichtet Dr. Stephan Wijnkamp: „Wir haben von Anfang Oktober bis Ende Oktober für die Akklimatisierung gebraucht. Conny hat sich dann verkühlt. Ich war dann auch etwas angeschlagen.“ Diesmal musste das Duo mit ihrem Bergführer-Sherpa Pemba das „Projekt Gipfel“ etwas langsamer angehen. „Schließlich sind wir im Ama Dablam-Basecamp auf zirka 4700 Metern angekommen“, berichtet Wijnkamp. Über Blockwerk, eisige Klippen und eine steile Platte führte der Weg zum Lager 1 auf rund 5700 Metern. Hier richteten die Bergsteiger zunächst das Lager ein, um dann wieder zum Basislager zurückzukehren. „Das Lager 2 sollte auf rund 6000 Metern eingerichtet werden. Auch wollten wir dort übernachten“, schildert der Tiroler Bergretter: „Auf den ersten Blick sind das nur 300 Meter, allerdings mit Kletterei. In dieser Höhe zu klettern ist schon ein bisschen mehr, als von Hoch-Imst auf die Untermarkter!“
Das Lager 3 wäre auf 6400 Metern gewesen – unweit des Gipfels auf 6850 Metern. „Viele Expeditionen verwenden ein vorgeschobenes Basislager. Wir wollten sowohl auf dieses als auch auf Lager 3 zu verzichten“, erläutert der Advokat seine Gipfel-Strategie. Dass es sich bei den beiden benutzten Lagern 1+2 um keine 4-Sterne-Chalets mit Aussicht handelt (bis auf die Aussicht), versteht sich von selbst. „Lager 2 ist ein Felsturm, wo von vorn herein nur wenige Zelte Platz finden. Weil noch andere Expeditionen unterwegs waren, mussten wir uns mit ihnen verständigen und abstimmen, da nicht für alle gleichzeitig ausreichend Spielraum gegeben war“, erinnert sich Wijnkamp. „Unser Ziel war es, uns den schwierigen Anstieg auf Lager 3 mit Steigeisen-Kletterei, belastet durch 20-Kilo-Rucksäcke, zu ersparen. Wir wollten uns lieber im Lager 2 einrichten und von 6000 Metern aus den Gipfel auf 6800 direkt in Angriff zu nehmen“, verdeutlicht der Höhenbergsteiger.
Dann kamen das Bauernomelette und die Hüttennudeln. „Mir sind weder die mitgebrachte Hauswurst noch die Zwiebeln gut bekommen“, hat Wijnkamp mittlerweile wieder gut lachen. Durch die „Verdauungsgeschichte“ und weitere gesundheitliche Komplikationen kurzzeitig außer Gefecht gesetzt, legte die Dreiergruppe mit Ehefrau Conny und Sherpa Pemba zwei zusätzliche Akklimatisierungstage ein. Ein kurzes Telefonat mit Expeditions-Meteorologe Karl „Charly“ Gabl wies gute Voraussetzungen ab dem 11. November aus. „Am 10. sind wir auf Lager 1, am 11. auf Lager 2 gestiegen – und am 12. ab 1 Uhr nachts begannen wir mit dem Anstieg auf den Gipfel“, erinnert sich Stephan. Um 11 Uhr war die Seilschaft auf dem Gipfel und um 17 Uhr wieder retour, doch dazwischen lag beinahe ein Lichtjahr, wie Wijnkamp berichtet: „Es war ein gefährlicher Anstieg mit viel Stein- und Eisschlag.“ Die anstrengende Kletterei wurde zwar durch die Fix-Seile vor Ort erleichtert, doch konnte sich die Gruppe nicht auf diese, oft mehrere Jahre alten Sicherungen, verlassen. „Nachdem wir an Lager 3 vorbeimarschiert waren, haben sich komische Szenen in meinem Kopf abgespielt“, gibt der Bergsteiger offen zu: „Ich habe zu wenig getrunken. Plötzlich habe ich Orgelmusik gehört.“ Der Anwalt versucht, die Dinge logisch zu ordnen: „Die letzten 200 Meter ging ich unter Begleitung von Orgelmusik zum Gipfel. Ich habe mir dann gedacht, das kann gar nicht sein. Mein Gehirn hat versucht, die Situation zu verarbeiten, dass neben mir ein Wasserfall diese Töne durch die Tropfen auf die Eiszapfen erzeugt… Nur auf knapp 7000 Metern gibt es keine Wasserfälle.“ Mit beinahe außerkörperlicher Erfahrungen stand Wijnkamp nun auf der Ama Dablam, wie das Gipfelfoto beweist.
Der Abstieg war eine erneute Herausforderung, da man sich nicht einfach nur abseilen konnte, sondern hinunterklettern musste. „In Lager 3 wollte ich etwas Wasser trinken. Das ging aber nicht wegen zu starkem Brechreiz. Die Dehydrierung wurde somit noch verstärkt. Zum Glück hatte ich eine Cola dabei. Conny gab mir noch Medizin gegen Höhenkrankheit, dann ging es wieder einigermaßen“, rekapituliert Wijnkamp. Man darf sich in Wahrheit keine Fehler erlauben. Geschwächt durch das Magenproblem der Vortage, dehydriert und überanstrengt durch den zu raschen Aufstieg, passierte ein „Beinaheunfall“. „Beim Abseilen hatte ich vorsichtshalber zwei der Fixseile in mein Abseilgerät gesteckt. Auf einmal sehe ich, als ich über eine Kante gehe, dass eines der Seile keinen Endknoten hat“, bleibt dem Bergsteiger fast das Herz stehen: „Dann war ich für einen Bruchteil unachtsam und mein Fuß mit Steigeisen bleibt im anderen Seil hängen, sodass ich beinahe kopfüber in der Wand hänge.“ Sherpa Pemba erkennt die missliche Lage und versucht zu helfen, wobei auch ihm dasselbe Missgeschick passiert. „Es hat wohl eine halbe Stunde und viel Kraft gekostet, um uns zu befreien!“, schildert der Alpinist, der heilfroh war, wieder sicher und gesund im Lager zu sein. Erst im Basislager kam – weniger ob des Gipfelsieges, mehr über die überstandenen Widrigkeiten – Feierstimmung auf.