Viel mehr als die „Blumenpolizei“

Einsatzleiter Peter Hohenrainer und Bezirksleiter Albert Kerber (v.l.) richten neben vielen Aufgaben ihren Fokus auf das Camping- und das Abfallwirtschaftsgesetz. RS-Foto: Schretter

Die Bergwächter des Bezirkes Reutte unterstützen Bezirksverwaltung beim Vollzug verschiedener Landesgesetze

Die Tiroler Bergwacht ist eine mittels Landesgesetz eingerichtete Körperschaft des öffentlichen Rechts und kein Verein, wie oft unrichtig angenommen wird. Der Bezirk Reutte zählt zurzeit 16 Ortsstellen. Das Aufgabengebiet der Bergwacht ist vielfältig.

Der Sommer 2018 war wunderbar! Schönes, heißes Sommerwetter machte wochenlang gute Laune. Die Badeseen lockten die Massen an, Natur genießen, sich im Freien aufhalten, wandern, Berghütten und Almen besuchen – was konnte es Schöneres geben? Allerdings hat auch diese Medaille ihre Kehrseite. Und um die kümmern sich tagtäglich und ehrenamtlich die Bergwächter.
Mancherorts haftet der Bergwacht immer noch der Nimbus der „Blumenwärterei“ an. Auch Bezirksleiter Albert Kerber und Einsatzstellenleiter Peter Hohenrainer von der Bergwacht Reutte kennen dieses Vorurteil, wie beide im Gespräch mit der RUNDSCHAU betonen.
„Wir sind aber weit mehr als nur die Blumenpolizei. Die gibt es nicht mehr. Gott sei Dank werden kaum noch Blumen ausgerissen, auch kaum mehr Vögel gefangen. Wir nehmen wohl auch diese Aufgaben noch gewissenhaft wahr, gehen auf Streife. Generell ist aber zu sagen, dass sich unsere Aufgaben geändert haben und noch weiter ändern werden“, erklärt Albert Kerber.

Bewusstsein stärken.

in Kraft getreten. Im ihnen übertragenen Wirkungsbereich überwachen Bergwächter verschiedene Landesgesetze und unterstützen damit die Bezirksverwaltungsbehörden.
„Die Trennung zwischen Bergwacht und Bergrettung wirkt sich auf uns nicht sehr günstig aus. Durch mehr Öffentlichkeitsarbeit möchten wir unsere Aufgaben besser präsentieren und das Bewusstsein bei der Bevölkerung stärken“, so Albert Kerber.
Bergwächter, die im Dienst Beamte sind, überwachen das Tiroler Naturschutzgesetz mit den dazugehörigen Verordnungen, das Tiroler Nationalparkgesetz Hohe Tauern, das Tiroler Abfallwirtschaftsgesetz, das Landespolizeigesetz Lärmschutz, Schutz vor Gefährdung und Belästigung durch Tiere, Tiroler Feldschutzgesetz und das Tiroler Campinggesetz.
„Bei all diesen Gesetzen sei aber eines klargestellt: die Bergwacht ist ausschließlich für den Naturschutz zuständig – und zwar politisch unabhängig“, vertieft Albert Kerber und unterstreicht: „Naturschutz darf kein Politikum werden.“
Die Aufsichtsorgane der Tiroler Bergwacht wurden vom Gesetzgeber mit besonderen Befugnissen für die Vollziehung der Gesetze ausgestattet.
Bergwächter sind im Dienst meist an ihrer einheitlichen Dienstkleidung zu erkennen und führen einen Dienstausweis mit sich. Wenn es erforderlich oder so angeordnet ist, kann eine Bergwächter auch in Zivil seinen Dienst ausführen. Als Beamte genießen Bergwächter den Schutz des Strafgesetzbuches und unterliegen der Amtsverschwiegenheit.
In ihrer Tätigkeit bei der Überwachung der genannten Landesgesetze dürfen Bergwächter Fahrzeuge und Personen anhalten und zum Nachweis der Identität auffordern, Abmahnungen aussprechen oder Übertretungen bei der Bezirksverwaltungsbehörde anzeigen. Unter bestimmten Voraussetzungen dürfen auch Personen festgenommen und der Bezirksverwaltungsbehörde vorgeführt werden. Ebenso hat ein Bergwächter das Recht, Gegenstände, die auf eine Verwaltungsübertretung hinweisen, zu beschlagnahmen. Organstrafen dürfen allerdings nur Bergwächter verfügen, die gemäß einer speziellen Ausbildung dafür bemächtigt sind.

Im Fokus.

Wie schon erwähnt, haben sich unsere Aufgaben in der letzten Zeit geändert und werden sich noch weiter ändern“, sind sich Albert Kerber und Peter Hohenrainer einig. Gerade der heurige Sommer habe erfordert, vermehrt Streifen an den Badeseen zu fahren. „Wir sind seit vier Jahren schon immer an den Wochenenden an unseren Badeseen unterwegs gewesen. Heuer sind wir täglich Streife gefahren. Die einzige Ausnahme war das eine Wochenende, an dem die Situation eskalierte. Wir sind einer direkt an uns gerichteten Verpflichtung nachgegangen und fuhren an diesem Wochenden keine Streife – auch am Plansee nicht. Weil wir einmal nicht an den Seen präsent waren, wurden wir dafür angeprangert. Grundsätzlich wird unsere verstärkte Präsenz aber durchwegs positiv wahrgenommen“, schildert Albert Kerber die Besonderheiten des Sommers 2018.
Die Bergwächter des Bezirkes hatten es schwerpunktmäßig mit Überschreitungen des Camping- und des Abfallwirtschaftsgesetzes zu tun. „Wir werden unseren Fokus daher in Zukunft vor allem auf die Überwachung dieser beiden Landesgesetze ausrichten“, gibt der Bezirksleiter die Devise aus.
So extrem wie in diesem Sommer sei es mit dem unerlaubten Campieren noch nie gewesen, erklärt er weiter.
In Tirol ist Campieren – das ist das Nächtigen von Personen in mobilen Unterkünften im Rahmen des Tourismus – außerhalb dafür vorgesehener Campingplätze verboten. „An diese gesetzliche Vorgabe haben sich sehr viele nicht gehalten, teilweise aus Unwissenheit, teilweise aber auch bewusst und – drastisch formuliert – auch organisiert. Über Facebook gehen Auskünfte die Runde, wo man in schöner Umgebung frei campieren kann“, macht Kerber seinem Unmut Luft.
Albert Kerber ist nicht nur Bergwächter, er bewirtschaftet auch das Säulinghaus in Pflach. Er zählte an Spitzentagen bis zu 15 Wohnmobile am Parkplatz beim Säulingparkplatz – unerlaubt dort campierend! „Wenn ich mich dann als Bergwächter zeige und auf die Mißachtung des Gesetzes hinweise, sind einige Camper einsichtig, einige zeigen sich allerdings auch unverschämt und verständnislos.“ Hüttenparkplätze gelten als neuralgische Punkte und werden in Zukunft verstärkt in die Streifen einbezogen.
Auch unerlaubtes Biwakieren stellt immer öfter ein Problem dar, mit dem Bergwächter konfrontiert sind. Biwakieren ist im alpinen Gelände nur für einen kurzen, durch einen Anlass bzw. eine Notsituation gebotenen Zeitraum gestattet. Geplantes Biwakieren ohne gebotenen Anlass ist nicht erlaubt und gilt als Verwaltungsübertretung. „An manchen Abenden zählten wir schon bis zu 30 Biwakierer. Hier greifen wir rigoros durch. Gerade am Säuling geht auch die deutsche Bundespolizei verstärkt gegen unerlaubtes Biwakieren vor“, schildert Albert Kerber die Auswüchse.
Ganz ähnlich zeigte sich die Situation an den Badeseen, besonders entlang des Plansees, bei der Alpentherme Ehrenberg und beim Walderlebnispark in Pinswang.
„Wir gehen in Zukunft drastisch vor und werden die Gesetze mit voller Härte ausnutzen. Wir haben es ja nicht nur mit Verstößen gegen das Campinggesetz zu tun, Hand in Hand damit gehen meist auch Überschreitungen des Abfallwirtschaftsgesetzes einher. Jeder Camper produziert Müll, aber nicht jeder Camper entsorgt diesen auch ordnungsgemäß. Damit ist jetzt Schluss, da kennen wir keine Gnade mehr“, stellt Kerber unmissverständlich klar.
Ein weiterer Brennpunkt sind die Lechauen und das Gebiet um den Vogelturm in Pflach. Das Natura 2000-Gebiet zieht Gäste und Einheimische gleichermaßen an.
Albert Kerber und Peter Hohenrainer schildern, welche Auswüchse sich ihnen immer öfter zeigen. „Es werden regelrechte Unterstände mit Überdachungen, Feuerstelle, Tischen und Bänken errichtet. Wir haben sogar schon Essig und Öl dort gefunden. Gegen diese ,Wildcamper’ sind die Motocrosser, die in den Lechauen ihre Runden drehen, beinahe harmlos“, erzählt Peter Hohenrainer und zeigt schier unglaubliche Fotos.

Respekt.

Sich in der Natur aufhalten, die Natur erleben wollen, sei jedem wohl vergönnt. Die Natur ist einzigartig, unter Schutz gestellt und verdient den Respekt und die Achtung eines jeden.
Damit ein Miteinander funktioniert, gibt es Gesetze, die einerseits eingehalten und andererseits kontrolliert werden müssen.
Der Grundsatz der Bergwacht: „Schutz der Personen und des Eigentums an Feld-, Alp- und Waldgut, alpinen Schutzhütten, deren Einrichtung und Zubehör sowie die Instandhaltung der Verunreinigung oder Verunstaltung der Gegend durch Herumwerfen und Liegenlassen von Gegenständen, insbesondere insofern die Gefährdung, Verletzung oder Verunreinigung mit einer sportlichen Betätigung oder dem Ausflugsverkehr im Zusammenhang steht“ gilt in dieser Form bis heute. Geändert und angepasst haben sich lediglich die gesetzlichen Bestimmungen.
Dem stimmen Albert Kerber und Peter Hohenrainer zu und untermauern nocheinmal die Devise: „Wir schauen besonders genau auf die Einhaltung des Camping- und Abfallwirtschaftsgesetzes, nehmen daneben aber auch alle weiteren Aufgaben wahr. Wir werden diese Gesetze in allen Facetten ausnützen und lassen ganz sicher nicht mit uns Schlitten fahren. Wir Bergwächter sind dem Naturschutz verpflichtet, sind alle Naturliebhaber. Wir denken an die Zukunft und daran, unsere einzigartige Natur zu bewahren. Wer sich nicht an die Vorgaben hält, muss damit rechnen, dass sein Vorgehen geahndet wird.“

Herzlich willkommen!

Die Bergwacht Reutte sucht neue Mitglieder. Wer naturverbunden ist und Verantwortung für die Pflege und den Erhalt der Natur übernehmen möchte, ist bei der Bergwacht an der richtigen Stelle. Mit 16 Jahren können Männer wie Frauen Anwärter werden, mit 18 Jahren die Dienstprüfung ablegen. Für jeden Bergwächter sind zwölf Dienste pro Jahr verpflichtend. Jedes Jahr erhalten Bergwächter acht Stunden Gesetzesschulung. Kontakt. Bezirksleiter Albert Kerber, Mobil: +43 (0) 676 94 13 775, E-mail: bl.re@tbw.gv.at.