Volksschausspiele hautnah: Klaus Rohrmoser – Der Regisseur

Klaus Rohrmoser inszenierte die „Verkaufte Heimat“ von Felix Mitterer für die Tiroler Volksschauspiele 2019. Foto: Lia Buchner

Tiroler Volksschauspiele Telfs 2019 – Das RUNDSCHAU-Interview mit Klaus Rohrmoser

Das Stück „Verkaufte Heimat“ aus der Feder von Felix Mitterer, das derzeit in der Telfer Südtiroler Siedlung gespielt wird, feiert einen Erfolg, den es bisher bei den Tiroler Volksschauspielen Telfs noch nie gab. Mitverantwortlich dafür ist unter anderem auch Regisseur Klaus Rohrmoser. Die Freie RUNDSCHAU-Journalistin Lia Buchner führte mit ihm nachstehendes Gespräch. 

RUNDSCHAU: Herr Rohrmoser, Sie sind seit Beginn mit den Tiroler Volksschauspielen verbunden. Ist in dieser Saison etwas anders?

Klaus Rohrmoser: Irgendwie hat man das Gefühl jedes Jahr. Aber dieses Mal ist es schon sehr speziell, einfach weil das Projekt in seinen Dimensionen um einiges größer ist als Vieles bisher. Und weil der Schauplatz so besonders ist. Hier liegt so viel Geschichte, nicht-museale Geschichte. Die Menschen sind ja erst in den letzten Wochen aus der Siedlung weggezogen. Während der Proben kam zum Beispiel eine Frau immer wieder in eines der Häuser, weil sie ihre Nähmaschine noch dort stehen hat. Sie sagte, „drüben hab‘ ich keinen Platz und so lange es geht, lass ich meine Nähmaschine hier.“ Man hörte dann während der Proben immer die Nähmaschine rattern. So etwas war für uns sehr neu! 

RS: Wie ist die Idee zur „Verkauften Heimat“ in dieser Kulisse entstanden?

Rohrmoser: Markus Völlenklee hatte durch Zufall erfahren, dass die Neue Heimat die alten Siedlungen abreißt und hat da mal nachgefragt. Dann hatten wir die Idee, die „Verkaufte Heimat“, einen Fernseh-Vierteiler von Felix Mitterer, in eine Theaterfassung umzuschreiben. Felix hatte am Anfang noch sehr diese Fernsehserie im Auge, er wollte mit Video arbeiten und Szenen projizieren, und ich dachte eher, es muss ein Theater-abend werden mit sehr starken Bildern. Bis zum Jänner gab es, glaube ich, fünf verschiedenen Fassungen. Dann kam die Idee mit der Chronistin und er hat wieder eine neue Fassung gemacht!

RS: Eine ganz starke Figur, so wie Lisa Hörtnagl die Chronistin spielt.

Rohrmoser: Das war auch aus einer gewissen Not geboren. Wir hatten so viele personenintensive Szenen und dann hat mir der Schauspieler für die Himmler-Rolle noch abgesagt. Ich dachte, vielleicht geht das alles mit der Chronistin. Über Lisa Hörtnagl hatte ich dann die Idee, die Chronistin in die Figur der Paula hineinzubauen. Und es funktioniert. Spätestens in der vorletzten Szene, wo Paula dieses hohe politische Bewusstsein in Mähren zeigt, versteht man, warum sie diejenige ist, die diese Texte spricht. 

RS: Haben Sie während der Proben noch am Text gearbeitet?

Rohrmoser: Ich habe minimale Striche gemacht und der Chronistin noch ein, zwei Sätze dazugeschrieben, um den Text deutlicher zu machen. In diesem großen Areal fallen Informationen relativ schnell in den Bauschutt. Felix hat am Anfang gedacht, der Stoff ist so umfangreich, das dauert sechs Stunden. Und ich hab’ gesagt, wenn Du mir die Erlaubnis gibst, das eine oder andere über die Chronistin zu erzählen, dann schaffen wir das in drei Stunden. Ich habe bei den Proben immer angetrieben, Kinder macht es knapp, weiter, nächste Szene. Irgendwann haben wir es einmal gestoppt und gesehen: Es dauert zwei Stunden! Und im Grunde fehlt, wenn man das Originaldrehbuch anschaut, nichts Entscheidendes. 

RS: Mit den „Schnitten“ zwischen den vielen Schauplätzen hat die Inszenierung noch immer etwas Filmisches.

Rohrmoser: Ja, und dazu dieses Cinemascope-Gefühl, das ist es! Wir wollten ja bewusst diese leichte schwarz/weiß Ästhetik des Dokumentarfilms behalten. Es gibt kaum Rot, nur diese „brennende Liab“. Auch die Hakenkreuzfahne ist nicht rot. 

RS: Sie haben 15 Kinder im Ensemble. Wie ging das bei den Proben?

Rohrmoser: Super ging das! Die Kinder sind so schnell im Kopf, die können alle Texte von allen Figuren. Sie haben das ganz toll umgesetzt. Manche sind ja noch recht klein, man muss sie schon wie einen Sack Flöhe bewachen, damit sie hinter der Bühne nicht zu laut werden. Und die Eltern sind so toll, die haben für das ganze Ensemble gekocht und brennen so für dieses Projekt. 

RS: Die „Verkaufte Heimat“ ist sehr berührend, aber nicht unerträglich. Ist das die Altersmilde von Felix Mitterer oder Ihre Regie? 

Rohrmoser: Es gibt den berühmten Spruch von Kurt Weinzierl, „Was ist bitter: Ein Stück von Kranewitter. Was ist bitterer: Ein Stück von Felix Mitterer.“ Aber dieses noch-eins-draufsetzen, wenn es eh schon genug ist, das hat er ein bisschen abgelegt in den letzten Jahren. Aber natürlich, wenn man zum Beispiel diesen Monolog der Kathl Rabensteiner am Schluss, wo sie von ihrem toten Sohn erzählt, mit nur einem Anflug von Gefühligkeit spielt, wird das unerträglich. Das muss ganz trocken kommen. Und manchmal muss man mit dem Strich ein bisschen entschärfen, es sind oft nur zwei, drei Sätze, und das hab‘ ich auch gemacht. Felix hat da durchaus das Selbstbewusstsein und das Vertrauen, er hat nie gesagt, „das muss drinbleiben“. Und er schreibt wirklich sehr gut. Er schreibt aus der Sicht der Figuren, von innen her, und das macht die Dialoge so gut.

RS:Wie ist Ihr Verhältnis zu Telfs?

Rohrmoser: Als ich ein Kind war, war immer klar: Telfs ist einer der hässlichsten Orte in Tirol. Aber als ich dann das erste Mal hier war, hat mir diese eigenartige Ästhetik, diese Menschenmischung sofort gefallen. Ich bin so gerne hier, an jeder Ecke gibt es Erinnerungen. Ich fahre auch manchmal einfach so her und trinke einen Kaffee und freue mich. 

RS: Vielen Dank für das Gespräch.

Von Lia Buchner

Das Mitterer-Stück „Verkaufte Heimat“ wurde von Klaus Rohrmoser inszeniert und feiert einen riesigen Erfolg. Foto: Günther Egger

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