Vom menschlichen Umgang mit dem Vergessen

Es sind neben dem Funken menschlicher Wärme die kleinen Rituale

Eine pflegende Angehörige sprach mit der RUNDSCHAU über den gemeinsamen Alltag mit ihrem demenzkranken Ehemann

Kaum eine Krankheit sät dermaßen Furcht in die Herzen von Menschen wie Demenz – der schleichende Verlust von kognitiven, emotionalen und sozialen Fähigkeit im Alter quält dabei nicht nur Betroffene, sondern droht auch Angehörige angesichts von Überforderung und dem Gegenüberstehen einer ungewissen Zukunft in den Abgrund der Verzweiflung zu reißen. Durch die freundliche Vermittlung durch die Caritas Tirol bot sich der RUNDSCHAU die Gelegenheit, mit einer pflegenden Angehörigen zu sprechen, deren Mann vor einigen Jahren die schicksalhafte Diagnose erhielt: Eine Geschichte zwischen Mutlosigkeit und Hoffnung, Überforderung und Verständnis sowie einer selbstlosen Liebe zum anderen, die schlichtweg sprachlos macht.

Wie geht man damit um, wenn ein geschätzer, ein geliebter Mitmensch einen Weg antritt, auf dem man ihm trotz aller Liebe nicht folgen kann? Der Betroffene versinkt nach und nach in einer eigenen, gleichzeitig fremdartig anmutenden Welt – die Angehörigen bleiben mit quälenden Fragen zurück: Warum verhält sich ein Mensch, den man seit Jahren, seit Jahrzehnten kennt, plötzlich so anders, vergisst große und kleine Dinge, reagiert öfter aggressiv und vorwurfsvoll – aber vor allem: Wie sorge ich um ihn?
Ein verhängnisvoller Strudel, dessen gefährliche Sogwirkung die Oberländerin Eva Heidegger (Name von der Redaktion geändert) wohl zu spüren begann, als erste, subtile Anzeichen auftraten, dass sich bei ihrem Mann Adam mögliche Veränderungen im kognitiven Prozess anbahnen könnten – Adam war eines Tages plötzlich nicht mehr dazu in der Lage, jene Medikamente selbstständig einzunehmen und zu benennen, deren Namen eigentlich seit Jahren fest in seinem Gedächtnis verankert waren. Zunächst habe sie die Situation nicht wahrhaben wollen, gesteht Eva, auch wenn sie von einem Demenzfall in der Familie ihres Mannes gewusst habe und ihr eine Aussage Adams in den Sinn gekommen sei: „Eva, wenn ich einmal dement bin, tu‘ mich ins Heim – ich weiß selber, wie schwer das ist.“

IN GUTEN WIE IN SCHLECHTEN ZEITEN. Den gutgemeinten Ratschlag nahm Eva aber nicht an. Sie entschied sich für den steinigen Weg, ihrem Gatten daheim pflegend zur Seite zu stehen. Adam selbst verleugne bis heute seine Krankheit – „ich versuche aber, ihm nicht das Gefühl zu geben, krank zu sein“, lächelt Eva und die anfängliche, nur kurz aufblitzende Traurigkeit in ihren Augen über die oft kräfteraubende Situation weicht innerhalb eines Sekundenbruchteils dem schimmernden Glanz der bedingungslosen Zuneigung. Sicherheit verschafft Eva ihrem Ehemann mittels kleiner, liebevoller Rituale, die einen wiederkehrenden, gleichbleibenden Tagesablauf schaffen. Das gemeinsame, morgendliche Studium der Zeitung sorgt u.a. mit dem Lesen des aktuellen Datums bei gleichzeitigem Bezug zum Lebensalter für sichere Verbindungen zum realen Leben. Eva nennt dabei den Begriff des „Ankerns“ – dem nautischen Instrumente gleich, das Seefahrzeuge an ihrem Platz hält, sorgen die „Anker“ von Eva für Felsen der Stabilität. Manchmal wolle Adam aber immer „ankern“, wie Eva schmunzelnd erzählt. Früher habe ihr Mann nach dem Frühstück oft Zeit für sich selbst gesucht, heute bleibe er sitzen und sage: „Jetzt sitz‘ dich ein wenig her zu mir“. Wenn er dann höre, dass sie dies und jenes noch zu erledigen hätte, antworte er meist: „Ich bin dein Mann, ich bin schon wichtiger“. Einer Aussage, in der die meisten von uns wohl einen Vorwurf oder gar ein Zeichen von Aggression orten könnten, begegnet sie mit Verständnis und Gelassenheit: „Du bist mein Mann und du bist wichtig“, sagt Eva und setzt sich zu Adam.

OPTIMISMUS TRÄGT. Eva verschweigt aber auch nicht, welche Entbehrungen Pflegende täglich auf Schritt und Tritt begleiten. Der Tagesablauf richte sich stets nach dem Betroffenen, seinen Bedürfnissen, seiner Tagesverfassung. „Man kann eigentlich nichts planen, man muss von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag, von Situation zu Situation handeln und sich immer wieder Fragen stellen wie ,Was ist gerade das Wichtigste, wie mache ich das jetzt?‘ oder aber auch ,Wie gehe mit phasenweise unaufhörlichem Rufen oder mit immer wieder gestellten Fragen um?'“, schildert Eva und empfiehlt, auch bei dem Gefühl von Überforderung nicht von einer „schwierigen Situation“ zu sprechen, sondern es vielmehr so zu sehen: „Ich habe mir das Leben zwar so nicht vorgestellt, aber das Leben spielt nun mal so – und es gilt nun, mit dieser Krankheit, die jeden treffen kann, menschlich umzugehen. Dies erfordert immer wieder Zeit, neues Denken, Respekt, Wertschätzung, Umdenken, Fantasie und Kreativität, die mein Handeln beeinflussen und zu einer besseren Lebensqualität für uns beide führen können.“

HILFE FÜR HELFENDE. Trost und Zuspruch fand Eva, gerade in der stürmischen Anfangszeit, im Caritas Angehörigencafé Demenz, das jeden letzten Freitag im Monat von 9 bis 11 Uhr in den Raum „Legio Mariä“ im Imster Widums-Parterre einlädt. „Man meint als Laie, dass man das eh alles kann – schnell führt das aber zu einer seelischen Not. In der Gruppe hat man Raum und zumindest das Gefühl, dem geht’s gleich wie mir, der weiß auch nicht, wie es weitergehen soll. Letztlich muss man selbst durch, aber zu hören, dass man nicht alleine ist, hilft.“ Auch Melanie Albrecht vom Caritas Demenz-Servicezentrum Imst stand Eva in guten Gesprächen mit einem offenen Ohr, Mitgefühl, und Fachkenntnis zur Seite. „Es braucht Aufklärung“, zeigt sich Eva überzeugt. Sie lobt das Angebot der Caritas und empfiehlt, sich Hilfe zu suchen – wie etwa in Form des von ihr selbst besuchten „EduKation®“-Kurses der Caritas Tirol. Zusammen mit anderen pflegenden Angehörigen und unter der Führung einer ausgebildeten und erfahrenen Kursleitung werden Erfahrungen geteilt, Wissen vermittelt und Wege aufgezeigt, um alltägliche Sitation besser bewältigen zu können. Weiter Informationen zum baldigen Kursstart sind im Kasten unten zu finden. Bei Fragen hilft Melanie Albrecht, demenzfreundliches Imst, unter Tel. 067687306229 oder per E-Mail an m.albrecht.caritas@dibk.at gerne weiter.

„EduKation®“
(tamt) Das Caritas Demenz-Servicezentrum Imst bietet auch heuer wieder einen Kurs für Angehörige von Menschen mit Demenz unter der Leitung von Trainerin Melanie Albrecht (DSOB) im Widum (Pfarrgasse 15, Imst) an. Das Schulungsprogramm besteht aus zehn zweistündigen Sitzungen, die jeweils freitags (8., 15., 22., 29. April; 20., 27. Mai; 3., 10., 17. und 24. Juni) von 14 bis 16 Uhr im Widum abgehalten werden. Infos+Anmeldung unter Tel. 067687306229 oder per E-Mail an m.albrecht.caritas@dibk.at.
Die Kurskosten betragen 100 Euro inkl. Kursbuch, Anmeldeschluss ist am 31. März 2016.

Es sind neben dem Funken menschlicher Wärme die kleinen Rituale, die „Anker“, die einen Unterschied im Leben von Menschen mit Demenz machen. Foto: Caritas/Wolchowe

Von Manuel Matt

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Die Oberländer Rundschau ist die regionale Wochenzeitung für die Bezirke Imst, Landeck, Reutte und Telfs im Tiroler Oberland.