Von Südtirol lernen

Liebe Freunde des Geschichtsbewusstseins!

Vor 100 Jahren wurde Südtirol im Friedensvertrag von Saint-Germain Italien zugeschlagen. Damals wurde am Reißbrett diplomatischer Verhandlungen ein Volk entzweit. Eine Ungerechtigkeit zur pazifistischen Handlung erhoben. Über Jahrzehnte bluteten die Herzen dies- und jenseits des Brenners. Die Unmenschlichkeit erreichte während des Nationalsozialismus ihren Höhepunkt. Die Südtiroler wurden zwischen Mussolini und Hitler in der Doppelzange der Faschisten aufgerieben. Tausende wollten damals „heim ins Reich“ und gelangten vom Regen in die Traufe. Es bedurfte weiterer Jahrzehnte, um die Situation zu verbessern. Dank Autonomiestatus und der Europäischen Union ist Südtirol heute eine friedliche und auch von Wohlstand gesegnete Region. Das ist gut so. Muss aber weiter sensibel beobachtet werden. Denn in Zeiten populistischer Grenzzieher lassen sich Menschen nicht selten vom Trennenden fanatisieren. Erst kürzlich hat mich eine Straßenbefragung im Zuge eines ORF-Beitrages ernüchtert. Zum 100-Jahr-Gedenken der Abtrennung Südtirols meinte ein Passant trocken: Nordtirol ist groß genug! Der Mann mag die Landesfläche zwischen den aktuellen Grenzen gemeint haben. Doch es gibt ja auch so etwas wie Raum für Herzen. Und dass dieser nicht einmal unseren Seelenverwandten zugestanden wird, ist bedenklich. Übrigens: Wir von der Tradition beseelten Nordtiroler verehren legendäre Häuptlinge. Sowohl Eduard Wallnöfer als auch Günther Platter haben ihre familiären Wurzeln in Südtirol. Und – auch nicht uninteressant: Die Südtiroler Volkspartei vereint Christ- und Sozialdemokraten. Sie ist quasi eine große Ein-Parteien-Koalition. Vielleicht ein Modell für Österreich!

Meinhard Eiter