Von Unterfalpetan, Pokémons und einem „Graffl“

Labung mit einem Schluck vom gesunden österreichischen Alpenwasser RS-Fotos: Unterpirker

Eine Wanderung im Kaunertal mit Präsidentschaftskandidat Alexander Van der Bellen

„Obe dobe“ sind so Wörter im Kaunertaler Dialekt. „Ja, beim Wiesejaggl steht das“, sagt Alexander Van der Bellen bei einer Rast am 2220 Meter hoch gelegenen „Schlafbödele“. Im Gefolge des 72-Jährigen arbeitet sich derweil eine ziemliche Zahl von österreichischen Journalisten den steilen 200-Meter-Aufstieg des Panoramaweges von der Aifner- zur Falkaunsalm empor, manche keuchen schon beträchtlich.

Ein Schläfchen käme jetzt gerade recht. Am höchsten Punkt der Wanderung angekommen, erklärt Van der Bellen verschiedene markante Punkte in der himmlisch-hinreißenden Landschaft, streichelt seine beiden Hunde Chico und Kita, unterhält sich mit seiner Frau Doris Schmidauer und erinnert sich an einen Lawinenabgang, der eine schöne Lärche ins Tal gerissen hat. Wo das gewesen sei? „Zwischen Unterfalpetan und Oberfalpetan“. Kurz herrscht Ruhe in der Presse-Schar, dann Auflachen. Gut, dass es diverse Karten im Internet gibt, auch ein Landecker wird da nachsehen müssen. Dazu bleibt allerdings noch Zeit. Erstmal heißt es Ausblicke genießen, und nach jeder Biegung warten neue atemberaubende. Da fallen kleinere Ärgernisse nicht wirklich ins Gewicht. „Graffl!“, meint der ehemalige rot-weiß-rote Grünen-Chef, als einer seiner Wanderstecken sich partout nicht mehr zusammenschrauben lässt. Wenig später tauchen drei (dunkelgrün gekleidete) Entgegenkommende auf. „Gut arrangiert habt ihr das, mit dem Landwirtschaftstrio“, zwinkert ein Journalist dem VdB-Team zu. „Das waren Jäger.“ Aha. Vielleicht waren ja jene zuständig für den Abschuss gewisser Taschenmonster. „Wir haben ihm gesagt: Hier gibt“s keine Pokémons“, grinst ein Kollege. Was es damit auf sich hat? Der zumeist Letzte im Zug postet die gesamte Wegstrecke über – rund drei resche Stunden lang – was das Netz hergibt. Twitter, Facebook und Co., „Wanderbellen“ heißt der Hashtag.

BITTERARM. „Wenn man gute Augen hätte, würde man die Kirche sehen“, blickt Alexander Van der Bellen, oder „Sascha“, wie er von der heimischen Bevölkerung genannt wird, über das Tal. Das Kaunertal – im Hintergrund mit dem glitzernden Gletscher – liegt majestätisch zu Füßen. Aber nicht für alle war es hier immer angenehm. Zu einer Frau, die es nie geschafft hat, von hier wegzukommen, obwohl sie es sich gewünscht habe, drückte er seine Gefühle ob der schönen Heimat einmal so aus: „Schie!“ Sie darauf: „Schue?“ Immer noch komme er regelmäßig ins Obere Gericht zurück und trifft sich mit seinem ältesten Freund Hans Pockstaller. Mit ihm wuchs er nach der Flucht seiner Eltern vor der Roten Armee in den alten Zollhäusern in Feichten auf. „Bisch du då?“, tauscht man sich kurz aus, „und dann gehen wir miteinånd“, erzählt Pockstaller und tischt anschließend lustige, teilweise nicht ganz jugendfreie -Anekdoten auf. „Unsere Wohnungen lagen direkt nebeneinander, wir waren unzertrennlich“, sagt Sascha mit etwas wehmütiger Stimme, wird aber gleich wieder ernst: „Die Leute waren damals bitterarm!“ Umso wichtiger sei „das Zusammenhalten in der Gemeinde“ gewesen. Einer, der das freilich auch weiß, ist Pepi Raich, Kaunertaler Bürgermeister. Oder „Roach“, so Van der Bellen, wie man hier eigentlich zu Raich sagt. Der heutige Tag sei etwas Besonderes, „weil ein Kaunertaler Bua die Möglichkeit hat, Bundespräsident zu werden – das ist für mich Integration. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn man Angst machen will“, erklärt Raich, „man muss offen sein für jeden, der hierher kommt!“ Peter Moritz, Kaunerberger Bürgermeis-ter, schließt sich diesen Worten an. „Ich hoffe, dass die Stichwahl wieder in die richtige Richtung geht!“

HOFFNUNG. Aufgeschlossene und offene Leute sind sie, die Kaunertaler und die Hoffnung, „dass sich daran ganz Österreich ein Beispiel“ nehme, ist nicht nur beim Van-der-Bellen-Team eine große. „Sicher, bezüglich Europa könne mal viel kritisieren, aber die alten Grenzen wieder aufziehen wäre das Schlimmste“, weiß der Präsidentschaftskandidat, und: „Kaunertal, Tirol, Österreich, Europa – das ist für mich eins!“ Sprach“s und geht zu den beiden Fahrern des Reiseunternehmens, welche die Wandersleut“ zuerst zur Aifner Alm rauf und von der Falkaunsalm runter brachten. „Håbts wås zu essen bekommen?“ Ja, gab es doch tolle Kasspatzln mit Krautsalat und Kaiserschmarren. „Präsidentenschmarrn“, tönt es aus einer Ecke der Veranda.

Von Albert Unterpirker

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